Rezepte der Schalksmühler Schulen gegen Überforderung im Unterricht

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Desiree Huwald (links), didaktische Leiterin der Primusschule, und Schulleiterin Astrid Bangert zeigen ein Lerntagebuch, in dem Kinder ihre Lernziele und -fortschritte festhalten.

Schalksmühle - Schon zu Beginn der Schulzeit können Kinder mit Unterrichtsinhalten überfordert sein. Mit differenziertem Unterricht, Förderung und Feedback versuchen die Schalksmühler Schulen das zu vermeiden.

„Die Schüler sind ja nicht alle gleich, die basalen Voraussetzungen sind ganz unterschiedlich“, sagt Ralf Gensmann, Leiter der Grundschule Spormecke. Manche Kinder könnten, wenn sie eingeschult würden, schon in Grundzügen lesen und rechnen. „Andere haben da weniger Erfahrungen.“ Manche Kinder bringen schon viel mit, andere könnten bei der Einschulung noch nicht einmal einen Stift halten, sagt Astrid Bangert, Leiterin der Primusschule, die allerdings neben dem Grundschulbereich auch die Sekundarstufe I abdeckt. Das pädagogische Konzept unterscheidet sich von anderen Schulen darin, dass in den Lerngruppen der einzelnen Stufen Kinder mehrerer Jahrgänge gemeinsam lernen. „Es gibt nirgendwo homogene Lerngruppen, auch wenn alle Kinder gleich alt sind“, sagt Bangert. „Hier hat man zwei bis drei Jahrgänge in einer Lerngruppe und damit noch mehr Heterogenität.“ 

Differenzierter Unterricht 

Der Unterricht an der Grundschule Spormecke ist grundsätzlich differenziert, das heißt das Lernmaterial – zum Beispiel in Mathematik – bietet Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade, da manche Kinder in einigen Bereichen wesentlich schneller vorankommen als der Großteil der Klasse. „Wichtig ist, dass auch die Leistungsstarken gefordert werden und entsprechende Aufgaben kriegen“, sagt Gensmann. Aber trotz des differenzierten Unterrichts haben einige Kinder Probleme. 

„Etwa 7 bis 8 Prozent können dem Unterricht nicht so folgen, wie es sein sollte“, sagt Gensmann. Deswegen wird seit dem vergangenen Jahr – und in diesem Schuljahr dazu begleitet von der TU Dortmund – mit dem Förderkonzept RTI gearbeitet. RTI steht für „Response to Intervention“, bei dem anhand der Reaktionen (Response) der Kinder auf die Unterrichtsangebote (Intervention) so gearbeitet wird, dass sonderpädagogischer Förderung vorgebeugt beziehungswiese diese integriert wird. 

Durch Förderung Defizite aufholen 

Im Rahmen der RTI-Förderung können Kinder zwei zusätzliche Stunden etwa in Mathe und Deutsch erhalten. Dieser ist dann genau auf ihre individuellen Schwächen abgestimmt. Teilweise müsste man beispielsweise bei Drittklässlern mit Rechenschwierigkeiten nochmal zu Stoff aus der ersten Klasse zurückgehen – etwa dem Zahlenraum bis Zehn – , um die Grundlagen zu schaffen, dass sie dann auch mit größeren Zahlen rechnen können. „Ziel ist es, die Defizite aufzuholen und wieder am normalen differenzierten Unterricht teilzunehmen“, sagt Gensmann. „Wir haben damit sehr gute Erfolge.“ Über den präventiven RTI-Ansatz hinaus, der vor allem sprachliche und Lernbehinderungen vermeiden soll, benötigen einige Kinder auch eine sonderpädagogische Begleitung. Ein Bedarf werde aber erst nach entsprechender Feststellung über die ersten Schuljahre nach der zweiten Klasse gemeldet, sagt Gensmann. 

Dass Kinder unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, liege auch daran, dass Kinder immer weniger grundlegende Erfahrungen machten, sich insbesondere wenig bewegten, sagt Gensmann. Motorische Schwierigkeiten wirkten sich auch aufs Lernen aus, weswegen Bewegung bei der RTI-Förderung eine große Rolle spiele. Neben Bewegung seien Ernährung und Medienverhalten der Kinder weitere Faktoren. Durch Erziehungsverträge versuche man gemeinsam mit den Eltern auf diese Entwicklungsbedingungen zu achten und sie positiv zu beeinflussen.

Kompetenzerwerb steht im Vordergrund 

Auch an der Primusschule wird differenziert gelernt, da die Kinder in den Lerngruppen nicht nur aufgrund ihres Alters ein unterschiedliches Niveau haben. „Man kann die Kinder nur da abholen, wo sie stehen“, sagt Schulleiterin Bangert. Der Unterricht sei nicht darauf ausgerichtet, dass alle das Gleiche machen. „Wir müssen uns also Gedanken machen, was wir den Kindern an Hilfen und Materialien anbieten.“ 

Die Lernangebote müssen vielschichtiger sein, sagt auch Desiree Huwald, die didaktische Leiterin der Schule. Dabei gehe es nicht um die Vermittlung von Unterrichtsstoff, sondern um den Erwerb von Kompetenzen. Auf diesen sei der Unterricht ausgerichtet und er kann auf unterschiedlichen Niveaus stattfinden. „Wenn man zum Beispiel in Deutsch das Thema Märchen behandelt, fangen einige Kinder erst an, Märchen zu lesen, andere können schon ein Theaterstück dazu spielen oder eigene Märchen schreiben.“ Dabei werde nicht nur das mehr oder weniger vorhandene Vorwissen berücksichtigt, sondern möglicherweise sind auch künstlerische und technische Kompetenzen gefragt. „So können um einen fachlichen Inhalt herum ganz unterschiedliche Kompetenzen erworben werden.“ 

An der Primusschule gehe es eher um die individuelle Entwicklung als um vergleichbares Messen, Noten und eine mögliche Nichtversetzung gibt es erst ab Jahrgang 9, sagt Bangert. „Da wir eher auf die Stärken gucken als auf die Schwächen, hat das Kind einen anderen Zugang.“ In dem ein oder anderen Fall könne es aber schon sinnvoll sein, dass ein Kind, wenn die Eltern dies nach entsprechender Beratung beantragen, länger in einer Stufe verbleibt. „Der Ansatz ist: Wo gehört das Kind sozial und emotional hin.“ 

Lerntagebücher und Coaching-Gespräche 

Aber auch ohne Noten hätten die Kinder eine große Bereitschaft, in den Themen voranzukommen und sich neue Ziele zu setzen. „Wir beratschlagen mit den Kindern, wie der nächste Schritt gelingen kann, damit sie die einzelnen Kompetenzen erwerben“, sagt Huwald. In allen Stufen werden im ein- oder zweiwöchigen Abstand Coaching-Gespräche mit den Schülern geführt, in denen besprochen wird, ob und wie sie ihre bis dahin gesetzten Ziele erreicht haben, und sich wieder neue Ziele zu setzen. Parallel halten die Kinder in Lerntagebüchern fest, was sie sich für die einzelnen Stunden vornehmen und was sie geschafft haben. Die Kinder sollen ihre Arbeitsschritte planen und reflektieren, sagt Bangert: „Sie sollen sich selbst einschätzen, und sie bewerten sich sehr ehrlich.“ Häufig müssten Lehrer in ihrem Feedback die allzu kritische Selbsteinschätzungen der Kinder nach oben korrigieren. Am Ende der Woche wird das Buch von Kindern, Eltern und Lehrern unterschrieben.

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