Katastrophe im Wald

"Hier brennt der Baum" - Katastrophenlage im Wald in MK

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Keine Spur mehr von Sauerland-Idylle: Der Fichtenwald ist de facto tot und auch die vielen braunen Stellen im Hintergrund oben links und vorne rechts zeigen an, dass die Trockenheit inzwischen auch der Buche massiv zusetzt.

Schalksmühle - Dieter Coordt und Hubertus Bierkoch sitzen am Küchentisch von Coordts Hof in  Wersbecke. Beide wirken nachdenklich. Bierkoch ist Leiter des Fortsbetriebsbezirkes Schalksmühle, Coordt Vorsitzender der örtlichen Forstbetriebsgemeinschaft. Das Duo eint die Sorge um den Wald.

„Wir haben eine Katastrophenlage“, sagt Dieter Coordt. Das anschließende Gespräch und die Tour durch den östlichen Teil des Gemeindegebietes bestätigen diese Einschätzung auf erschreckende Art und Weise. Der Klimawandel, anhaltende Trockenheit, massiver Borkenkäferbefall – seit Mitte 2018 ist dieses ineinandergreifende Problemfeld in Schalksmühle angekommen. Vor allem die Fichtenbestände leiden massiv. Hubertus Bierkoch nennt die Fichte „ein einfaches Gewächs. 08/15 eben. Aber man kann eine Menge damit machen.“ 

Ihr Ende im Sauerland ist absehbar. Immer größere braune Flächen mit toten Bäumen zeugen vom rasanten Sterben dieser Art. Aber damit nicht genug. Parallel gibt es bereits Abgänge bei der Buche, die mit der Trockenheit nicht zurechtkommt. Auf der Fahrt geht es an einem Mischwald mit Fichte und Douglasie vorbei. 

Flächenbrand durch Borkenkäfer

Hubertus Bierkoch stoppt sein geländegängiges Fahrzeug. „Da ist er.“ Der Borkenkäfer. Mittendrin in der Fichte und eben auch in der Douglasie. So sieht ein Flächenbrand aus. Bierkoch: „Was sich derzeit abbildet, ist unfassbar. Das Sturmereignis Kyrill im Jahr 2007 war schon eine Hausnummer – aber was jetzt passiert, ist noch zehnmal schlimmer. Das ist kein Ereignis, das man mit normalem Handeln in den Griff bekommt.“ 

In der Tat: Normal ist das, was sich seit einiger Zeit in den Wäldern des Märkischen Kreises und im Sauerland abspielt, beileibe nicht. 

In der Ortslage Bölling, unmittelbar an den Windrädern oberhalb des Autobahn-Rastplatzes Kaltenborn gelegen, ist ein Holzumschlagplatz entstanden. Das geerntete Holz aus Schalksmühles Wäldern wird dort in großen Mengen gestapelt. Zwei- bis dreimal im Monat erfolgt die Verladung, dann werden rund 20 Übersee-Container pro Tag befüllt. So entsteht ein reger Pendelverkehr über die schmalen Straßen zwischen Bölling und der Anschlussstelle Lüdenscheid-Nord. 20 Lkw Hinfahrt, 20 Lkw Rückfahrt – und das Holz muss auch erst noch zum Umschlagplatz gebracht werden. 

„Es entstehen Störungen“, sagt Hubertus Bierkoch und reagiert damit auf Beschwerden von Anliegern. Im Begegnungsverkehr kann es eng werden, hier und da wird auch ein Seitenstreifen in Mitleidenschaft gezogen. Der Straßenkörper auf Schalksmühler Seite ist hingegen intakt. Dass sich die Waldbesitzer an den Kosten für eine mögliche Beseitigung von entstehenden Schäden beteiligen, ist für Bierkoch und Coordt selbstverständlich. „Aber ich kann nur um Verständnis und gegenseitige Rücksichtnahme bitten“, appelliert Bierkoch, „auf die Spitze formuliert ist es so: Wir haben einen Großbrand auf dem Kotten und der Nachbar beschwert sich, dass die Löschfahrzeuge über seinen Hof fahren.“ 

Zahlen zeigen prekäre Lage auf

Kurzum: Für die nächsten zwei bis drei Jahre wird sich am Verkehr gen Bölling nichts ändern. Auf derzeit 100 000 Festmeter beziffert Bierkoch den Schadholzanfall im Schalksmühler Wald, bei einem Gesamtvorrat von 220 000 Festmeter. In „Friedenszeiten“ entspricht das einem Volumen von acht Millionen Euro. „Das ist derzeit komplett verlustig“, so Bierkoch, der in normalen Jahren die jährliche Holzernte von gerade einmal 8000 Festmetern koordinieren musste. Jetzt ist es mehr als das Zehnfache. Zahlen, die verdeutlichen, wie prekär die Lage für die meisten der rund 180 Schalksmühler Waldbesitzer ist. Für viele dient der Wald als Altersvorsorge. „Wenn die letzten 100 000 Euro Rente wegbrechen, dann sind das echte Existenzprobleme. Alle Betroffenen sind am Limit“, benennen Bierkoch und Coordt die Probleme. 

Am Umschlagplatz in Bölling direkt an der Windkraftanlage wird das Holz in Container verladen. Antwerpen und China sind die nächsten Stationen.

Die Waldbesitzer bekommen Geld für ihr Holz, das über Antwerpen nach China und Korea verschifft wird. Aber: In normalen (befahrbaren) Waldlagen deckt der Holzerlös mit Mühe und Not die Erntekosten (Maschinen, Personal). In schwer zugänglichen Hanglagen wird es rasch defizitär. Zwar ist die Nachfrage groß (Bierkoch: „Der asiatische Markt saugt unser Holz auf“), aber gegen die Konkurrenz aus Neuseeland oder Südamerika kann sich das Sauerland nur durchsetzen, wenn praktisch jeder noch so niedrige Preis akzeptiert wird. Ein Teufelskreis. 

Förderprogramme von EU, Bund und Land sind aufgelegt, doch die gehen laut Bierkoch meilenweit an der Wirklichkeit vorbei. Der Leiter des Forstbetriebsbezirkes Schalksmühle stößt dabei ins gleiche Horn wie der renommierte Forstwissenschaftler Professor Andreas Schulte, der in einem Interview gesagt hatte: „Die Bundes- und Landesregierung posaunt Summen heraus, macht den Waldbauern dann aber mehrere hundert Seiten lange Vorgaben, die sie kaum erfüllen können. Ich habe 30 Jahre Forsterfahrung, aber sogar mir fällt es schwer, diese Anträge auszufüllen. Es ist doch klar, dass vor allem die kleineren Waldbesitzer sagen: ‘Das tue ich mir nicht an. Dieser Aufwand lohnt sich nicht.’ Das Risiko ist zu groß, zumal das wenige Geld an viele Bedingungen geknüpft wird. Die Vorgaben gehen an der Lebenswirklichkeit von 90 Prozent der Waldbesitzer vorbei.“ 

Kritischer Blick: Hubertus Bierkoch (links) und Dieter Coordt.

Und was bleibt vom Schalksmühler Wald in ein paar Jahren? – „Wenn sich die klimatischen Verhältnisse so etablieren, wie wir sie jetzt haben, bekommen wir eine mediterrane Flora“, sagt Bierkoch. Trockenresistente Arten werden einwandern und vielleicht gepflanzt. Irgendwann. 

Nachhaltige Zukunftsplanung fehlt

Im Moment fehlt allen Beteiligten für eine nachhaltige Zukunftsplanung aber schlicht die Zeit. Klar ist: Das Sauerland wird sein Gesicht massiv verändern. Irgendwann werden neue Wälder entstehen. Leistungsschwach werden sie sein, weil sie langsam wachsen. Je höher die Temperatur, desto langsamer der Wuchs. Bis es soweit ist, gehen Jahrzehnte ins Land und viele Menschen in Schalksmühle werden mit den massiven Folgen eines sterbenden Waldes leben lernen müssen. Mit den großen und den kleinen. 

Als CO2-Speicher fallen die toten Flächen aus, einst idyllische, schattige Wanderwege führen jetzt schon durch tote Landschaften, der Verkehrslärm der A45 wird in Ortslagen vordringen, die jetzt noch von Bäumen abgeschirmt werden. Diese Liste lässt sich beliebig verlängern. „Hier brennt der Baum“, sagt Hubertus Bierkoch, „das muss jetzt auch der Letzte erkennen.“ Reißerisch ist das nicht gemeint. Allenfalls pragmatisch.

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