Wiglaf Droste spielt und kalauert mit seinen Zuhörern im PZ Löh

Wiglaf Droste legt das Symbol der Freiheit, den Hut des freien Bauern, nicht ab. ▪

SCHALKSMÜHLE ▪ Im Schweinsgalopp kreuz und quer durch die deutsche Sprache, hinein in den Dialekt, Wortwitz – Satire auf des Messers Schneide, Aberwitz und herrlich Banales erlebte das Publikum von Wiglaf Droste bei dessen Lesung im PZ Löh. Eine spannende Reise mitten hinein in die Widersprüchlichkeiten von Sprache und Wirklichkeit.

Offenes weißes Hemd, Hose, Weste, Sakko und oben auf dem Vierkant mit hellblauen Augen ruht ein Symbol der Freiheit, der Hut des freien Bauern. Wiglaf Droste wirkt wie ein Schollenbrecher der Fünfziger Jahre auf Kirchgang. Und er nutzt dies auch trefflich, wendet sich unverblümt derb mit pfiffig einfacher Denke Dialekt vor sich hertragend ans Publikum. Das Auditorium hängt an seinen Lippen, da er angesichts der Fehlbarkeit des Menschen den „Tünsel“, einen, dem ein Patzer unterlief, einführte. „Wem hört den Fahrrad?“ Antwort: „Meine.“

Die einheimische Welt liegt ihm zu Füßen und geschickt holt Droste seine Zuhörerschaft immer wieder in ihrer sprachlichen Heimat ab, zumal er sich selbst Ostwestfalen zurechnet. Da kann es dann ruhig ein wenig derber zugehen. Der Ostwestfale sehe aus wie eine Kartoffel und spreche auch so – sagt‘s und ein kleines verschmitztes Lächeln schafft gemeinsames Gefühl. Droste spielt mit seiner Zuhörerschaft nahezu im gleichen Maße wie mit Sprache und Wirklichkeit. Er will wissen, weshalb der einfache Mensch allenfalls Geld, die öffentliche Hand aber Gelder hat. Folgerichtig testet er aus, wie es klingt, wenn durchgängig von Geldern die Rede ist. Er verbiegt und dehnt gängige Aussage wie Sinnspruch und landet dann schräg auf der Mistkaut in Kalau: Es heiße „Geld regiert die Welt“ und nicht „Gelder regieren die Wälder.“

Wahres Vergnügen bereiten Drostes irrwitzige, bisweilen rhythmisch bestimmte Wortreihen, in denen er in rasantem Tempo sprachliche Verbiegung demonstriert. Die Sinnsprünge haben Methode, Droste bewirft mit Sprachbausteinen und serviert ganz nebenbei vom einfachen Lacher über die Spitze bis hin zur bittersten Satire alles, was das Herz begehrt. Er arbeitet sich am Kompositum ab, findet, dass Pilgerstrom eine religiöse wie erneuerbare Energie sei, die von Glaubetrottern erzeugt werde und erkennt in Windrädern eine Art „Storchenshredder.“ Im gleichen Atemzug, da er einen Anglizismus einführt, zieht er auch schon dagegen zu Felde. Der Franz der Nation, Franz Beckenbauer, bekommt schwer etwas auf die Mütze. Schluss: „Servus-Schau’n mer ‘mal. Wie spricht man im Neandertal?“

Wer bei Droste ist, der darf sich nicht wundern, dass der 11. September ein Gedenktag der fliegenden bemannten Architekturkritik sei, die Deutschen jedoch 1989 härter bestraft wurden. Droste dreht und wendet alles auf des Messers Schneide. Allerdings irrt er in der Annahme, dass das Bayrische dem rückwärts gewandten Teil in einer Lederhose entstamme. Zuerst gab es die bayrische Sprache und dann die Lederhose. Folgerichtig könnte dann dort, wo Droste in aristophanischer Dreistigkeit den Entstehungsort vermutet, allenfalls die Weiterentwicklung der Sprache stattgefunden haben.

Trotzdem: Ein Hoch auf den „Restgast in der Ochsenreuse“ und Dylan a cappella. „Blowin‘ in the Wind“ ins Pidgin-Deutsche übertragen.

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