Im Interview

Wenn der Kinderwunsch groß ist - eine Frau erzählt von ihrem Weg mit künstlicher Befruchtung

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Wenn der Wunsch nach einem Kind nicht leicht zu erfüllen ist, werden Paare auf eine harte Probe gestellt.

Schalksmühle - Ihr Plan ging nicht auf – zumindest auf natürlichem Wege nicht. Der Traum vom Kind wurde zu einem dreijährigen Kampf mit Kinderwunschkliniken, ihrer Ehe und sich selbst. Zu ihren Erlebnissen schrieb die Schalksmühlerin, die Mari Desirée genannt werden möchte, ein Buch.

Im Interview spricht sie über ihren Weg mit künstlicher Befruchtung zu einem Kind.

Hatten Sie schon immer den Wunsch nach einem Kind? 

In meiner Familie gibt es sehr viele Kinder, ich habe zwei Schwestern und viele Cousinen und Cousins. Sodass für mich irgendwie schon immer klar war, dass auch ich eine eigene Familie gründen würde. Vater, Mutter, Kind – dieses Bild existiert schon ewig in meinem Kopf. Der bewusste und reale Wunsch kam dann so richtig in mir auf, als ich glaubte, den Partner fürs Leben gefunden zu haben. 

Viele planen ihr Leben: verliebt, verlobt, verheiratet und dann Kinder. Hatten Sie je Angst davor, dass es eventuell nicht so klappen würde? 

Dieser Spruch trifft meinen Plan ziemlich genau. Verliebt, verlobt, verheiratet klappte wie am Schnürchen und ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass es mit einem Kind nicht ebenfalls sofort funktionieren könnte. Angst hatte ich damals überhaupt keine – es schien alles zu passen. Doch das Leben belehrte mich eines anderen. Erst als die Diagnose Zeugungsunfähigkeit bei meinem Mann uns überraschte, überkam mich die Angst, für immer kinderlos zu bleiben. 

Wie lange haben Sie versucht, auf normalem Wege schwanger zu werden und wann gingen Sie zu einem Arzt? 

Ich muss gestehen, dass ich ziemlich ungeduldig in dieser Sache war. Mit 22 Jahren heiratete ich und da war der Wunsch schon ziemlich groß. Aus beruflichen Gründen verschoben wir ihn jedoch um drei Jahre. Als ich die Pille dann absetzte, war ich mir sicher, es würde schnell klappen. Wir versuchten es circa acht Monate, bis ich das erste Mal bei meinem Gynäkologen saß. Hier gab es jedoch keine Diagnose. Erst als ich etwa einen Monat später meinen Mann zum Urologen begleitete, kam die erschreckende Wahrheit. 

Die Folgen der Diagnose

Welche Diagnose wurde gestellt und was hat das mit Ihnen gemacht?

Die Diagnose bei meinem Mann lautete „OAT 3“. Das bedeutet: viel zu wenige Samenzellen und diese nur zu einem kleinen Bruchteil fähig, eine Eizelle zu befruchten. Der Urologe sagte uns, dass die Chance auf eine natürliche Schwangerschaft in diesem Fall etwa so groß sei, wie ein Sechser im Lotto. Wir waren einfach nur geschockt. 

Wie hat Ihr Mann darauf reagiert? 

Mein Mann wurde sofort von riesigen Schuldgefühlen übermannt. Er selbst wünschte sich ein Kind, aber er wusste, dass mein Wunsch danach noch tausendmal größer war. Und die Vorstellung, dass er ihn mir vielleicht niemals erfüllen würde und mich damit unglücklich machen könnte, war für ihn noch schlimmer als die Vorstellung der Kinderlosigkeit. Er redete damals schon kurz nach der Diagnose von Trennung, damit ich mit einem anderen Mann und Kindern glücklich werden könnte. 

Nächster Schritt: Kinderwunschklinik

Und wann gingen sie zur Kinderwunschklinik? 

Der Urologe gab uns am selben Tag die Kontaktdaten der nächsten Kinderwunschklinik. Am Tag der Diagnose fühlte ich mich wie betäubt und war so geschockt, dass ich das noch gar nicht an mich heranlassen konnte. Erst in den folgenden Tagen fand ich den Mut, im Netz nach dem KiWu-Zentrum zu recherchieren und wurde durch die positiven Resonanzen ermutigt, dass ich einen Termin dort ausmachte. 

Wie schwer ist dieser Weg wirklich? 

Diese Frage zu beantworten, ist nicht so leicht. Es kommt nicht nur auf das individuelle Empfinden des Paares an, sondern auch, wie lange der Weg dauert und wie stark der Wunsch ist. Für mich war die Behandlung an sich zu Beginn überhaupt kein Problem.

Zahlreiche Hormonspritzen, die vielen regelmäßigen Fahrten zu Kontrolluntersuchungen ins Kinderwunsch-Zentrum, die Narkose während der Eizellen-Entnahme und auch die Schmerzen hinterher – all das war für mich vollkommen okay und erträglich –, wenn wir dann sofort den Lohn für all diesen Aufwand bekommen hätten. Der blieb allerdings aus. Die Warterei, jedes Mal aufs Neue ein Negativ zu kassieren und in ein tiefes Loch zu fallen – das ist das, was wirklich schwer ist. 

Hat sich das auf Ihre Ehe ausgewirkt? 

Zu Beginn nicht. Wir waren füreinander da und wollten es beide. Die Schuldgefühle meines Mannes wuchsen jedoch mit jedem negativen Versuch. Da die vielen Hormone und Medikamente gesundheitliche Spuren bei mir hinterließen, versuchte er, mich aus lauter Sorge zu überreden, es zu lassen. 

Doch ich blieb stur, wollte am liebsten eine Behandlung nach der anderen, weil der Wunsch immer größer wurde und das führte häufiger zu Auseinandersetzungen. Sie wurden nach drei Jahren schwanger. Wie hat es sich angefühlt? Ich konnte es überhaupt nicht glauben. Ich weiß noch, dass es in meinem Bauch ganz stark gekribbelt hat und ich eine Gänsehaut bekam, als der Arzt mich beglückwünschte. 

Dann kommt die positive Nachricht

Hat sich der Weg gelohnt?

Auf jeden Fall. Unser kleiner Sohn ist inzwischen zweieinhalb Jahre alt und macht unser Leben einfach lebenswert. Der kleine Wirbelwind hat zwar alles einmal komplett auf den Kopf gestellt und nichts ist wie früher, aber ich genieße jede Sekunde. Allein die Vorstellung, dass ich zu früh aufgegeben und ihn nicht bekommen hätte, ist für mich grauenhaft. 

Ich kann mir vorstellen, dass Sie und Ihr Mann heute enger miteinander verbunden sind, weil sie den Weg gemeinsam geschafft haben. 

Wie gesagt ist nichts wie früher. Die Kinderwunschzeit hat uns zwischenzeitlich auf eine harte Probe gestellt, wir haben sie gemeistert – und ja, das hat uns sehr eng zusammengeschweißt. Die Harmonie und Ruhe von damals sind allerdings ein wenig entflohen. Es bleibt wenig Zeit für uns als Paar. 

Hätten Sie denn auch ein Leben ohne Kind akzeptiert? 

Gab es einen Plan B? Nein, für mich gab es nie einen Plan B. Ich hätte wahrscheinlich erst aufgehört zu kämpfen, wenn wir keinen einzigen Cent mehr in der Tasche gehabt hätten, obwohl wir beim achten und letztendlich erfolgreichen Versuch, von vornherein sagten, es sei der letzte. Die einzige eventuelle Alternative für mich war eine Adoption und niemals Kinderlosigkeit. Aber selbst diesen Gedanken wollte ich nicht an mich heranlassen. Sie haben ein Buch über ihren Weg geschrieben. 

Den Weg in einem Buch verarbeiten

Wie kam es dazu? 

Ich war während der Kinderwunschzeit sehr emotional, habe viel gegrübelt und viel geweint. Ich begann, Tagebuch zu führen, habe mir alles von der Seele geschrieben, was mich belastete. Als ich endlich schwanger wurde, hatte ich einen kompletten Schreibblock voll mit meinen Gedanken und Gefühlen und der letzte, endlich positive Eintrag füllte genau die allerletzte Seite. Ich habe dann alles ausformuliert, abgetippt und zu einem einzelnen Buch drucken lassen. 

Es war mein persönlicher Weg zu meinem Wunder und nur für mich gedacht. Aber im Laufe der Zeit kam in mir der Wunsch auf, den Weg, mit anderen zu teilen, die vielleicht Ähnliches durchmachen. Also setzte ich mich noch einmal hin und schrieb alles zu einem Roman um. 

Also eine Methode der Verarbeitung? 

Das Tagebuch zu schreiben, war für mich definitiv eine Art der Verarbeitung. Mit dem veröffentlichten Buch möchte ich jedoch jetzt im Nachhinein, wo ich stark und selbstbewusst zurückblicken kann, anderen etwas von dieser Stärke abgeben – sie ermutigen und bestärken. 

"Wunder in der Warteschleife"

Wie heißt ihr Buch? 

Das Buch heißt „Wunder in der Warteschleife“, weil wir die meiste Zeit während und zwischen den Behandlungen mit Warten auf unser Wunder verbringen mussten. Es fühlte sich an, als wäre ich in einer unendlichen Schleife hängen geblieben. Das Buch stellt eins zu eins unseren eigenen, persönlichen Kinderwunschweg dar. Alles, was den Kinderwunsch und die medizinischen Details betrifft, stimmt. 

Was raten Sie Paaren, die einen Kinderwunsch haben und nicht weiter wissen? 

Ich rate allen Paaren, mit einer Untersuchung nicht zu warten, wenn sie den Verdacht haben, dass etwas nicht stimmt. Und wenn sie eine Diagnose erhalten haben, sich sofort an ein Kinderwunschzentrum zu wenden und beraten zu lassen. Zeit und Alter sind wichtige Faktoren. Man sollte sich nicht schämen, sondern sich einfach helfen lassen. Solange Geld und Kraft vorhanden sind, kämpft um euer kleines Wunder und größtes Glück.

Das Interview führte Sarah Lorencic. 

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