„Erzählungen bringen Kriegszustände näher“

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Die Eingangspforte der Landespolizeischule Stukenbrock-Senne, in der ein Flüchtlingslager eingerichtet wurde. Derzeit leben rund 310 Flüchtlinge dort, die das Gelände auch verlassen dürfen.

Schalksmühle -  Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes Schalksmühle absolvierten jetzt ihren ersten Einsatz in einem Flüchtlingslager in der Polizeischule in Stukenbrock-Senne. Positive Erfahrungen bei der Arbeit und ausführliche Gespräche mit syrischen Flüchtlingen zerstreuten alle Bedenken, die auf der Hinfahrt noch zur Sprache kamen.

Von Rita Jonuleit

Trotz der Brisanz gab es für das vierköpfige Team unter der Leitung des stellvertretenden Rotkreuzleiters Tobias Schmidt kein Zögern, als die Anfrage des Kreisverbandes Altena-Lüdenscheid für eine Nacht- und eine Tagschicht

In der Einrichtung der Polizeischule Stukenbrock-Senne sind zur Zeit rund 310 Flüchtlinge untergebracht. Die Menschen werden als Gäste der Bundesrepublik behandelt und suchen den Kontakt zu ihren deutschen Gastgebern, sowohl den diensthabenden Polizeibeamten als auch den ehrenamtlichen Helfern des DRK.

Neben Tobias Schmidt (31), Gruppenführer der Nachtschicht, sind sein Bruder Alexander (26), Robin Paul (18) und Pascal Krause (19) mitgefahren. Im Sinne der Gastfreundschaft wurden die vier nach Beendigung aller anfallenden Hilfeleistungen nachts noch zum Essen eingeladen.

Das islamische Opferfest stand kurz bevor, das höchste Fest der Moslems. Ein Bauingenieur aus Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, und ein Anwalt aus der Hauptstadt Damaskus berichteten von ihren Erfahrungen, zeigten erschreckende Bilder, die sie mit ihren Handys aufgenommen hatten.

„Diese persönlichen Erzählungen, auch über Folterungen, Erschießungen, Entführungen, die sie selbst erlebt haben – der Anwalt war zwei Monate inhaftiert und zeigte uns seine Narben von Peitschenhieben – brachte uns die Kriegszustände auf schreckliche Weise näher. Viel mehr, als es die Bilder und Berichte in den Medien tun“, erzählt Schmidt sichtlich bewegt.

Über die Türkei und Griechenland flüchtete der Anwalt bis nach Berlin und entschuldigte sich beim Verabschieden sogar bei den Deutschen, dass er ihre Gastfreundschaft, das Asyl und ihre Hilfeleistungen in Anspruch nehmen muss und den Helfern Dienste verursacht.

Die unfreiwilligen, aber dankbaren Gäste fühlten sich auch nicht durch die täglichen Schießübungen in der Polizeischule beunruhigt. „Das wäre wie zu Hause“, erinnert sich Tobias Schmidt an die Aussage eines Flüchtlings.

Misshandlungen der Bewohner des Lagers seien in dieser Einrichtung kein Thema, da alles unter ständiger Polizeiaufsicht ablaufe. Jedoch hat die Regierung schnell auf die Vorkommnisse reagiert und auch dieses Lager wurde zwei Tage vorher von Beamten aus Arnsberg kontrolliert, wie Schmidt und seine Kollegen erfuhren. Es wurde ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Auch Tobias Schmidt war von dem gut organisierten System für die freiwilligen Helfer beeindruckt. „Die Übergabe bei der Ankunft, eine große Pinnwand mit Angaben, Telefonnummern für alle Notfälle und Vorkommnisse erleichtern den ständig wechselnden Helfern die Arbeit. Wir hatten lediglich kleinere Verletzungen zu behandeln und ein paar medizinische Dinge auszugeben, nachdem uns der diensthabende Arzt eingewiesen und die Einrichtung verlassen hatte.“

Die Zukunft für die Flüchtlinge ist ungewiss, sie hatten noch keine Ahnung, wohin sie gebracht werden. Für die jungen Helfer aus Schalksmühle war es ein nachhaltig beeindruckender, sehr informativer und lehrreicher Einsatz, den sie nicht vergessen werden, wie die Brüder Schmidt bekräftigten.

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