Alte Dorfgemeinschaft wird in Rotthausen vermisst

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Die Aufnahme etwa aus dem Jahr 1912 zeigt die Familie Friedrich Wilhelm Loh vor ihrem Haus in Rotthausen. Im Hintergrund rechts ist die Schraubstock-Fabrik Loh zu sehen, zu der vermutlich die rechts stehende Gruppe von Arbeitern gehörte.

Schalksmühle - „Wenn ein Tor gefallen ist, glaubte man, der Nöckel fällt auseinander.“ Das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft von 1954 in Bern, als Deutschland im Endspiel gegen die favorisierten Ungarn mit 3:2 Toren den Titel holte, hat Heinrich Stuhldreher nicht vergessen.

Ganz Rotthausen war damals auf den Beinen, um vor dem kleinen Schwarz-Weiß-Fernsehgerät der Gaststätte „Zum Nöckel“, die noch heute ein beliebter Treffpunkt ist, das Spiel der deutschen Elf zu verfolgen. „Das war ein Highlight“, erinnert er sich.

Nicht nur als Gaststätte, auch als Poststation mit öffentlichem Fernsprecher war das Haus „Zum Nöckel“ früher eine wichtige Anlaufstation. Als es die Kreuzkirche Am Mathagen noch nicht gab, fanden am Nöckel sogar einmal im Monat Gottesdienste statt, wie sich Heinrich Stuhldreher erinnert. Hoch oben auf der Anhöhe über dem Ortskern von Schalksmühle fühlt er sich wohl. „Weiter bis zum Sportplatz kriegt mich keiner hier runter“, gibt er schmunzelnd zu.

Mit einer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 900 zählt Rotthausen, das früher zum Kirchspiel Halver gehörte, zu den ältesten Siedlungen Schalksmühles. Seit alter Zeit war das Leben im Ort bäuerlich geprägt.

Verstehen sich bestens: die Nachbarn (von links) Heidrun Wilmsmann, Folker Schnepper, Hans Wilmsmann, Heinrich Stuhldreher, Peter Kappel und Margarete Stuhldreher.

Heinrich Stuhldreher und seine Ehefrau Margarete sowie seine Nachbarn Folker Schnepper, Peter Kappel und das Ehepaar Wilmsmann können sich noch gut an sieben landwirtschaftliche Betriebe und eine kleine Fabrik, die das Bild der Ortschaft prägten, erinnern. Von den sieben Höfen ist einer geblieben. „Es wurde viel Getreide angebaut, aber auch Kartoffeln und Runkelrüben.“ Zum Schutz der Höfe hatte Rotthausen einst eine eigene Feuerspritze.

Zur Bebauung Rotthausens, die sich mit den Jahren entwickelte, merkte Altbürgermeister Paul G. Mühlen in seinem Buch zum 25-jährigen Jubiläum der Gemeinde nach der Neugliederung im Jahre 1969 an: „Die Ortschaft Rotthausen hat ohne einen Bebauungsplan eine abgeschlossene Bebauung. An eine Erweiterung war nicht gedacht. Es erfolgte lediglich eine Arrondierung sowie die Verlagerung von drei landwirtschaftlichen Betrieben aus dem Ortskern an den Rand der Ortschaft.“

Erinnerungen an „Opa Mörchen“

Wenn die Nachbarn vom Leben in Rotthausen erzählen, fällt immer wieder der Name Carl Mörchen, „Opa“ Mörchen genannt. Als „fleißig, zäh und frech“ beschreibt seine Enkelin Heidrun Wilmsmann das Rotthauser Original. „Er war Metzger und hat auf den Höfen die Hausschlachtungen gemacht.“

Ohne seine Kappe ging „Opa Mörchen“ so gut wie nie aus dem Haus. „Wenn der Schirm nach hinten zeigte, musste man vorsichtig sein, wenn er (der Schirm) hinten war, blieb man besser weg, dann war’s ganz aus“, erinnert sich Heinrich Stuhldreher lachend an den resoluten Metzger, mit dem an schlechten Tagen nicht gut Kirschen essen war.

Waldemar Mörchen, Heidrun Wilmsmann Vater, richtete später auf Rotthausen ein eigenes Schlachthaus ein. Bis 1980 verblieb der Schlachthof am Ort. „Daraus wurde am Ende der Partyservice Wilmsmann.“ Die kleine Firma, die ihren Sitz auf Rotthausen hatte, war übrigens die Schraubstockfabrik Loh, die 1937/38 an Hugo Becker überging.

Der Steinbach-Hof von Peter Kappel kann auf eine 400-jährige Geschichte zurückblicken und ist ein echtes „Schätzchen“ in Rotthausen.

Alte Bilder aus Schalksmühle erinnern an die Zeit, als es in Rotthausen noch den Schießklub „Weißer Hirsch“ und den Gesangverein Rotthausen gab. Das 50- und 60-jährige Vereinsjubiläum des Chores wurde noch groß im Festzelt gefeiert, erinnern sich die Nachbarn. Danach ereilte den Chor das Schicksal vieler Chöre – und der Nachwuchs blieb aus.

Letztlich wurde die Vereinstätigkeit eingestellt und die verbliebenen Sänger verteilten sich auf andere Chöre. Mit dem Kleingartenverein Rotthausen, der 1976 Grund und Boden von der Gemeinde anmietete und darauf ein kleines Gartenparadies errichtete, hat der Ort einen neuen Verein für sich gewinnen können.

Etwas verloren gegangen ist den Rotthausern das dörfliche Gemeinschaftsleben. „Früher war der Zusammenhalt sehr viel besser“, findet Margarete Stuhldreher. „Im Winter sind wir immer ins Theater oder zur Eisrevue gefahren.“ Erntedankfeste und Osterfeuer waren stets Feste für das ganze Dorf. „Es gab auch einen Maibaum.“ Vor drei Jahren sei die Dorfgemeinschaft, eine lockere Gemeinschaft, jedoch aufgelöst worden.

Eines der ganz alten Gebäude in Rotthausen ist der Steinbach-Hof von Peter Kappel, der auf eine 400-jährige Geschichte zurückblicken kann. Ein altes Brunnenhäuschen, wie es früher viele in der Gegend gab, hat der gelernte Schlosser originalgetreu nachgebaut. Auch altes Ackergerät ist noch vorhanden.

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