August Zirner liest Frankenstein in Schalksmühle

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Mit jeder Faser seines Körpers schlüpfte August Zirner bei der ersten Kulturveranstaltung im Pädagogischen Zentrum der Primusschule in die Rolle des Wissenschaftlers Viktor Frankenstein.

Schalksmühle - „Es wird Zeit, dass wir im Pädagogischen Zentrum wieder Kulturveranstaltungen durchführen.“ Mit einer musikalisch-theatralischen Lesung, bei der Grimme-Preisträger August Zirner tief in die Gedankenwelt von Mary Shelleys „Frankenstein“ blicken ließ, gab Bürgermeister Jörg Schönenberg das PZ der Primusschule nach dessen Umbau im laufenden Schulbetrieb erneut für Kulturveranstaltungen frei.

Seit Mitte 2015 hätten die Räumlichkeiten nicht mehr zur Verfügung gestanden, erklärte er am Freitag bei der Eröffnung. Manches habe sich seither geändert. Inzwischen habe der Mensa-Verein das Catering übernommen. Auch die Bestuhlung sei neu. 

Gemeinsam mit dem Spardosen-Terzett aus Essen, das mit eigens komponierten Stücken eine dramatische Klangkulisse zur schaurigen Geschichte des besessenen Wissenschaftlers und seines mordenden Ungeheuers entwarf, näherte sich August Zirner seinem „Frankenstein“ aus der Rückschau an. Alles Unheil, alles Grauen, das der Wissenschaftler mit der Erschaffung seiner grausigen Kreatur heraufbeschworen hatte, war bereits geschehen. Alle Menschen, die er liebte –sein kleiner Bruder und seine Braut – waren tot. Wider besseres Wissen hatte er eine Unschuldige als Mörderin dem Schafott überlassen. Wahnsinnig vor Entsetzen fühlte er sich dazu verdammt, seine Geschichte zu erzählen. 

Alle Register seiner bemerkenswerten Erzählkunst zog der Schauspieler und Musiker August Zirner, der auch als Querflötist nachhaltigen Eindruck hinterließ, bei seinem fesselnden, packenden Streifzug durch Mary Shelleys düstere Welt. Vor dem Hintergrund künstlicher Intelligenz und der Frage, was die Wissenschaft darf, war die 200 Jahre alte Vorlage von erschreckender Aktualität. 

Sichtlich gut gelaunt sahen die Schalksmühler der Eröffnung des Pädagogischen Zentrums entgegen.

Kein Mucks war im Raum beim gut 60-minütigen Seelentrip eines Getriebenen, der vom Gedanken Leben zu erschaffen besessen war, zu hören. Nicht den mordenden Unhold, sondern dessen Schöpfer, den Wissenschaftler, stellte Zirner glasklar als das eigentliche Monster dar. Dass dieser sich seiner Verantwortung nicht stellte, von Entsetzen gepackt vor dem Geschaffenen davonlief und schwieg, machte das Ganze umso schlimmer. „Ich gehe wie ein böser Geist durch die Welt, der bis heute sein Unwesen treibt“, hieß es am Ende. Sein Schweigen, das Nicht-Eingestehen seines Fehlers war das Verhängnisvolle, das letztlich auch seiner großen Liebe das Leben kostete. 

Schauriges Lachen verstärkte den Gruseleffekt. Mit jeder Faser seines Körpers litt, fieberte und wand sich August Zirner mit dem Wissenschaftler, der Gott gleich sein wollte, mit. Alles, was zwischen den Zeilen stand, fing das Spardosen-Terzett – bestehend aus Kai Struwe (E-Bass und Electronics), Rainer Lipski (E-Piano) und Mickey Neher (Schlagwerk) – mit seinen Effekten und Eigenkompositionen ein. Stilistisch riefen die drei Musiker aus Essen ein breites Spektrum zwischen barocken Klängen bis zu funkiger, dahinjagender Musik ab, kosteten glückliche Momente aus und bauten schaurige Drohkulissen und Angstszenarien auf. Auf der Querflöte wob August Zirner seine Geschichte dabei effektvoll weiter. Aus allem –Schauspiel- und Erzählkunst sowie der Emotionalität der Musik – bezog die gefeierte Lesung ihre Faszination.

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