Erinnerungen an frohe Feste

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Der Tannenbaum auf dem Gabentisch war mit Kerzen, Lametta und Engelshaar geschmückt. Davor liegen Weihnachtsteller, unter anderem mit einer Zigarettenschachtel der Marke HB.

Schalksmühle - In Gedanken versunken schaut Reiner Rutenbeck auf das schwarz-weiße Bild auf dem Computerdisplay vor ihm. Das Foto ist Jahrzehnte alt. Zu sehen ist ein Gabentisch mit einem Tannenbaum. Davor liegen fünf Weihnachtsteller mit Äpfeln, Nüssen und Plätzchen. Auf einem Teller findet sich auch ein Päckchen Zigaretten. „Eine Schachtel HB. Das Bild müsste dann nach 1948 aufgenommen sein“, schätzt Rutenbeck.

Von Alisa Kannapin

Der 82-Jährige nimmt sich in den Räumen des Heimat- und Geschichtsvereins die Zeit, einen Blick zurückzuwerfen. Auf die Zeit, als der Tannenbaum noch keine Nordmanntanne war, sondern eine einfache Fichte oder ein Hülsenbusch. Als Kinder nicht jede Menge Geschenke an Heiligabend auspackten, sondern die alte Puppe ein neues Kleid und das benutzte Spielzeug einen neuen Anstrich bekam.

Im Archiv des Vereins finden sich viele Fotos, die zeigen, wie Weihnachten früher gefeiert wurde – vor und während des Dritten Reiches oder auch in der Nachkriegszeit.

Weihnachten im Sonntagsanzug

Rutenbeck betrachtet ein Familienbild aus dem Jahr 1920. Die Verwandten haben sich vor dem Weihnachtsbaum versammelt, die Minen recht ernst, die Kleidung fein. „Da wurde Weihnachten nicht im Pullover gefeiert, sondern im Sonntagsanzug und -kleid. Die Feier fand in der guten Stube statt“, erzählt Rutenbeck.

Seine Mutter hätte früher immer die Türe abgeschlossen, damit die Kinder die Dekoration nicht schon vor Weihnachten begutachten konnten. „Mein Bruder und ich haben versucht, etwas durchs Schlüsselloch zu sehen. Bis unsere Mutter dann ein Stück Pappe davor geschoben hat“, sagt Rutenbeck und schmunzelt.

Doch nach dem Gottesdienst und dem Abendessen war es am Heiligen Abend so weit: Die Mutter klingelte, schloss die gute Stube auf und der Zauber konnte beginnen. Neue Spielzeuge bekamen die Kinder meist nicht geschenkt. „In der Kriegszeit hatten die Leute das Geld nicht. Dann verschwanden ein paar Wochen vor Weihnachten plötzlich einige Spielzeuge, die repariert oder frisch gestrichen auf dem Gabentisch wieder auftauchten.“

Geschmückt wurde der Baum mit Engelshaar, echten Kerzen, Schmuck und Lametta, das nach Weihnachten gebügelt und für das nächste Jahr aufbewahrt wurde. Vornehme Leute hätten früher einen Tannenbaum mit drehbarem Ständer auf dem Gabentisch stehen gehabt. „Der spielte beim Drehen Weihnachtslieder. Mit der elektrischen Lichterkette hatte das dann aber auch ein Ende.“

Nicht immer leicht sei die Zeit gewesen, als die Familien in Kriegszeiten Menschen aus zerbombten Städten bei sich aufnahmen und Lebensmittel-Knappheit herrschte. „Wer Platz hatte, nahm Leute auf. Bei uns lebten eine entfernte Verwandte mit ihrer Tochter und ein Vetter aus Berlin. Da war das Haus voll.“

Ein Tisch voller Spielgeräte, an der Wand aufgestellte Schlitten und dazwischen die Hakenkreuz-Fahne – das nächste Bild stammt aus dem Jahr 1943. Eine Weihnachtsmarkt-Ausstellung der Hitler Jugend ist darauf zu sehen. Im Saal an der Viktoriastraße, wo sich heute die Musikschule befindet, wurde für kleines Geld Spielzeug verkauft. „Das war zugunsten des Winterhilfswerks für Mütter, deren Männer im Krieg waren“, erklärt Rutenbeck. Die besten Spielzeuge wurden im Anschluss versteigert.

Betriebsjugend fertigt Spielzeuge an

„Die Geräte wurden vom Jungvolk in den Betrieben angefertigt. Mit einem der Schnöring-Brüder habe ich mal einen Hampelmann gemacht. Der war mit dem Pinsel sehr begabt, das war ein Kunstwerk“, erinnert sich Rutenbeck. Ein großer Hit sei damals auch ein Wackeldackel gewesen, aus einfachen Materialien gefertigt.

Ein Theaterstück führen Schüler in der Gaststätte „Zur Kuhle“ auf, das Foto wurde wahrscheinlich 1937 aufgenommen. „Das war so üblich, dass Schulklassen und Laien in der Weihnachtszeit Aufführungen zeigten.“ Die Kinder tragen zum Teil kurze Hosen der Marke Bleyle und lange Strümpfe. „Die waren aus dicker Wolle und kratzten schön. Mein Zimmer war morgens wegen der Verdunkelung recht düster, da habe ich einmal aus Versehen einen hell- und einen dunkelbraunen Strumpf angezogen. In der Schule wurde ich dann von den Mitschülern geärgert – das war so unangenehm, dass mir das nie wieder passiert ist.“

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