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Ein Jahr der Katastrophen: Bürgermeister blickt zurück - und ins Jahr 2022

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Von: Bettina Görlitzer

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Schalksmühle, Ortsschild
Ein weiteres Jahr Schalksmühle. © AA-Archiv

Ein ereignisreiches Jahr geht zu Ende. Das Jahr 2021 wird als ein weiteres Jahr der Pandemie im Gedächtnis bleiben. Aber das ist nicht die einzige Krise dieses Jahres.

Schalksmühle – Es ist viel passiert in Schalksmühle in 2021. Bürgermeister Jörg Schönenberg blick zurück auf das vergangene Jahr, aber auch nach vorne ins Jahr 2022.

Über die Herausforderungen und die Dinge, die dabei fast ein bisschen untergegangen sind, und darüber, wie es im nächsten Jahr in der Volmegemeinde weiter gehen wird, sprach er mit Bettina Görlitzer

Jörg Schönenberg, Schalksmühle, Bürgermeister
Bürgermeister Jörg Schönenberg im Interview zum Jahreswechsel 2021/2022. © Görlitzer, Bettina

Herr Schönenberg, als ob die Pandemie mit all ihren Einschränkungen nicht schon genug gewesen wäre, gab es 2021 mit dem Hochwasser, der Brandstiftung an der Primusschule und nun auch noch der Sperrung der A45 noch weitere Katastrophen, die die Gemeinde getroffen haben. Da kann es doch kaum noch Spaß machen, Bürgermeister zu sein. Was ist Ihre Motivation, trotzdem jeden Tag ins Rathaus zu kommen und Ihre Arbeit zu machen?

2021 ist sicherlich kein einfaches Jahr gewesen. Aber Motivation ist allein schon deshalb gegeben, weil ich diesen Ort liebe. Ich wohne in diesem Ort und ich mag auch die ganze Region. Bei solchen Schadensereignissen ist es natürlich wichtig, nicht den Kopf hängen zu lassen, sondern loszumarschieren, anzupacken und als Gemeinschaft zu versuchen, Probleme zu lösen. Wenn man merkt, dass man nicht alleine auf diesem Weg ist, gibt das ja auch wieder Hoffnung und Motivation. Dass man sich natürlich andere Dinge wünscht als Pandemie, als Hochwasser, als Brandstiftung und A45 gesperrt – darüber müssen wir nicht diskutieren.

Welches davon würden Sie als größte Herausforderung für Schalksmühle benennen?

Ich finde eine Wertigkeit nicht fair. Jedes Ereignis für sich ist verheerend, aber man muss immer sehen, wie persönlich der Einzelne betroffen ist. Für jemanden, der einen Angehörigen in der Pandemie verloren hat, ist Corona sicher das Schlimmste. Das Hochwasser sollte man auch nicht nur mit Blick auf Schalksmühle sehen. Wenn man hört, dass zwei Feuerwehrkameraden in den Nachbarkommunen ihr Leben verloren haben, ist das schrecklich und es erschüttert einen. Ebenso bewegen uns alle die Bilder, die wir im Fernsehen gesehen haben, mit den vielen Toten. Wer durch Sperrung der A45 seine Existenz bedroht sieht, wird sicher dieses Ereignis für sich persönlich als besonders einschneidend sehen.

Wovon waren Sie persönlich am meisten betroffen?

Die Bilder des Hochwassers zu sehen, als ich aus meinen Urlaub zurückkam (den der Bürgermeister abgebrochen hat, Anm. der Redaktion), war erschreckend. Das Gute war, dass wir in Schalksmühle keine Schwerverletzten oder Toten hatten. Aber die Zerstörungen, die ich in Firmen oder Privatwohnungen gesehen habe, haben mich betroffen gemacht. Das ist ja kein Sperrmüll gewesen, den wir aus Wohnungen entsorgt haben, sondern persönliche Erinnerungsstücke, hinter denen ganze Lebensgeschichten stehen. Hoffnung macht mir dabei die große Solidarität, das Anpacken, die Hilfe. Gerade in der Not merkt man, ob man eine intakte Gemeinschaft hat.

Und wie war das an der Primusschule – als es da brannte, waren Sie vor Ort?

Dieser Brand hat mich persönlich ganz schwer getroffen, weil in diesem Projekt sehr viel Herzblut drinsteckt. Da war für mich im ersten Moment eine große Leere. Wenn man da nachts rausgerufen wird und sieht, dass schöne Dinge ohne Sinn und Verstand zerstört werden, ist man erschrocken.

Wo sehen Sie Schalksmühle jetzt, am Ende des Katastrophenjahres 2021 insgesamt?

Viele haben möglicherweise nur die Schadensereignisse wahrgenommen. In Schalksmühle sind aber viele Dinge umgesetzt oder auf den Weg gebracht worden. Trotzdem mache ich mir Sorgen über einige Entwicklungen. Der Einzelhandel im Ortskern leidet verstärkt. Ich mache mir aber auch Sorgen um die Industrie mit ihren Fachkräften. Auch wenn es bei uns in Teilbereichen noch gut aussieht. Lieferkettenengpässe und die Sperrung der A45 sind Gefahren, die sich negativ auswirken können. Wir müssen die Probleme schnell angehen und Alternativen wie zum Beispiel die Sanierung und den Ausbau der Bahnstrecken angehen. Auch das parallel zur Sauerlandlinie verlaufende Straßennetz muss optimiert werden.

Es gab ja auch den einen oder anderen Lichtblick – was hat Ihnen in diesem Jahr am meisten Freude gemacht?

Das waren die große Solidarität und das Miteinander, das ich hier in Schalksmühle und in der ganzen Region erleben durfte. Wenn man Bürgermeister ist und in diesem Ort wohnt, fragt man sich, was Heimat bedeutet. Neben Verwurzelungen ist es insbesondere das Miteinander. Ob es bei den Spenden war, bei den Aufräumarbeiten – in Schalksmühle haben wir zusammengehalten. Das war beeindruckend und hat Mut gemacht für die Zukunft.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Unwetterkatastrophe?

Der Klimaschutz mit den Vorkehrungen, die wir zum Hochwasserschutz, zum Schutz vor Starkregen treffen müssen, sind Themen, die uns jetzt ganz stark tangieren. Wir müssen uns zum Beispiel als Anrainerkommunen der Volme gemeinsam auf den Weg machen. Das fängt in Meinerzhagen (Quelle) an und geht über Hagen und bis die Volme in die Ruhr mündet. Wir sind sicher noch über Jahre beschäftigt, die Schäden zu beseitigen. Wir haben erstmal die wichtigen Verkehrsanbindungen wieder hergestellt. Straßenschäden kann man schnell beheben.
Aber den Hochwasserschutz muss man vernünftig planen und regional angehen. Es geht um Gewässerprofile und die Befestigung von Ufermauern. Die Anpflanzungen, die nach den Abholzungen der Wälder wegen des Borkenkäferbefalls nötig sind, gehören auch in diesen Zusammenhang. Beim nächsten Starkregen drohen ansonsten Hangabgänge.

Gibt es noch anderes, das drängt?

Industrie und Einzelhandel muss man im Auge behalten. Es läuft schon jetzt viel über das Internet. Wenn wir die Ortskerne nicht stärken und etwas gegen Leerstände unternehmen, werden wir hinterher keine Geschäfte und Gastronomie mehr haben. Das trifft nicht nur die kleineren Kommunen, sondern auch Mittelzentren wie zum Beispiel Lüdenscheid. Außerdem müssen wir daran arbeiten, die Verkehrsverbindungen zu optimieren. Das gilt für Pkw-, Bus- und Bahnverkehr. Die B54 ist im Moment die einzige Verbindung durchs Volmetal.

Es gab aber nicht nur Schlechtes – in Schalksmühle wurde auch vieles auf den Weg gebracht. Was käme für Sie in einer rein positiven Bilanz des Jahres vor?

Obwohl Corona und das Hochwasser viele Arbeitskräfte binden, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, haben wir viele andere Dinge auf den Weg gebracht. Wir haben die Kreuzkirche übernommen und entwickeln sie zu einem Ort der Begegnung. Wir haben über den Digitalpakt an den Schulen Endgeräte beschafft und verteilt. Wir haben eine schöne Lesung mit Wladimir Kaminer gehabt. Das Dachgeschoss der Grundschule Spormecke wurde für den Schulbetrieb ausgebaut, der große Buswendeplatz in Rölvede fertig gestellt. Wir haben mit Straßensanierungen angefangen, im Bereich der Asenbach und woanders. Die Spielplätze in Stallhaus und an der Glörtalsperre sind fertig.

8Giebel, Kreuzkirche Dritter Ort
8Giebel: Ministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Staatssekretär Klaus Kaiser mit Anja Wolf bei der Vorstellung der Baupläne. © Machatzke, Thomas

Und einiges geht jetzt noch weiter...

Ja, bei den Haltestellen fangen wir an, sie barrierefrei umzubauen. Wir sind dabei, das Klimaschutzkonzept umzusetzen. Beim Breitband geht es ab 2022 in die Umsetzung des dritten Calls. Der sechste Call ist in Vorbereitung. Denken Sie auch an den Verkehrsentwicklungsplan, wo wir uns um Rad- und Gehwege kümmern wollen. Bei der Sportentwicklung erwarten wir Ergebnisse der Befragungen um die Jahreswende. Für die Moderniseierung der Sporthalle Löh laufen jetzt die Ausschreibungen. Sie merken, wir haben eine Vielzahl von Projekten für 2022 in der Umsetzung.

Was steht konkret für 2022 an?

Unter anderem formale Dinge, damit zum Beispiel die Mini-Häuser in Rotthausen gebaut werden können. Wir wollen die Kita Dahlerbrück fertigstellen und die Schäden an der Primusschule beseitigen. Wir werden die Sanierung der Asenbach weiter verfolgen. Bedauerlicherweise müssen wir dort die Kanalsanierung in offener Bauweise durchführen. Dies geschieht in enger Abstimmung mit Straßen.NRW, da die Brücke an der Glörstraße saniert werden muss. Gleichzeitig müssen wir auch die B54 im Auge behalten. Wir wollen Gas geben bei Fotovoltaik, befassen uns mit den Themen Jahnsportplatz und Entwicklung von Gewerbe- und Wohnbaugebieten.

Und manches geht einfach weiter?

Ja. Ich weiß nicht, wann der Volmetalradweg fertig wird, aber wir arbeiten 2022 daran, genauso wie an einer fußläufigen Verbindung zwischen Kuhlenhagen und Linscheid. Eine Verbesserung des Radwegenetzes beschäftigt uns ebenfalls. Wir haben verschiedene Brücken, die erneuert werden müssen. Den Aufzug im Ortskern wollen wir 2022 errichten. Die Umsatzsteuernovelle, die übernächstes Jahr kommt, verlangt noch einige Vorbereitung. Die Umbauarbeiten am Feuerwehrgerätehaus Winkeln sollen fertiggestellt werden. Das Deckenerneuerungsprogramm hat begonnen und wird weitergeführt. Die Weiterqualifizierung des Dritten Ortes müssen wir einläuten.

Das klingt nach viel Arbeit.

Es wird nicht langweilig. Manchmal beeinflussen Katastrophen das Tagesgeschäft. Dadurch verschiebt sich mal was – das ist unstrittig. Aber wir arbeiten weiter dran, Schalksmühle weiterzuentwickeln. Manche Dingen gehen schneller, manche dauern länger. Beim Volmetalradweg zum Beispiel heißt es, immer wieder Bretter bohren. Der Volmepark, der beim Hochwasser sehr gelitten hat, wird auch nächstes Jahr neu errichtet.

Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass man vieles gar nicht planen kann. Oder? 

Stimmt. Aber manche Dinge sind vorhersehbar. Da kann man schon andere Vorkehrungen treffen, als getroffen worden sind. Ich wünsche mir von der Politik auf Landes- und Bundesebene klarere Aussagen und keine Spekulationen. Außerdem sollte man bei einer Pandemie, die man nicht einschätzen kann, keine Versprechungen machen, die man nicht halten kann. Das beste Beispiel ist die heutige Diskussion um die Impfpflicht.

Was wird für Schalksmühle die größte Herausforderung im nächsten Jahr?

Das ist schwierig zu sagen. Wenn ich die wirtschaftliche und sonstige Entwicklung sehe, glaube ich, dass wir als Gemeinde mit dem Haushalt im nächsten Jahr vernünftige Rahmenbedingungen haben. Aber sicherlich kann ich nicht sagen, wie die Pandemie verläuft, wie schnell wir beim Klimaschutz – Hochwasserschutz, Starkregen und Wald – nachhaltig Erfolge erzielen können. Aber selbst wenn wir Lösungen für Hochwasserschutz finden, können wir Ereignisse wie im Juli nicht gänzlich vermeiden.
Und je länger die Sperrung der A45 dauert, umso größer werden die Folgen. Betriebe könnten ihren Sitz verlagern, Menschen könnten wegen der schlechten Anbindung aus Schalksmühle wegziehen. Fachkräfte könnten sich neue Arbeit suchen. Ich sehe große Herausforderungen für ganz Südwestfalen.

Rahmedetalbrücke A45 ist derzeit gesperrt.
Rahmedetalbrücke A45 ist derzeit gesperrt. © Olaf Moos

Die Gemeinde hat den Stellenplan aufgestockt, was erhoffen Sie sich davon?

Wir haben viele Projekte, die angegangen werden müssen. Das schürt ja auch Erwartungen. Wenn Dinge parallel abgearbeitet werden müssen, braucht man Ressourcen, Leute, die Planungen im Haus begleiten. Es geht darum, die Projekte, die anstehen, schneller bewältigen zu können.

Eins davon, die 8Giebel, findet landesweite Beachtung. Was ist dort für 2022 geplant?

Dass wir diesen dritten Ort zu einem Treffpunkt für Kultur und Bildung entwickeln. Das ist eine große Aufgabe. Sicherlich ist es schwierig, zurzeit ein Programm für Jung und Alt zu entwickeln. Trotzdem sollten wir, wenn auch eingeschränkt, ein Angebot machen können. Ob die Musikschule im nächsten Schritt dazu kommt, wird im Zuge des Regionale-Projektes zu klären sein. Zielrichtung ist natürlich, den geplanten großen Wurf zu wagen. Ich bin da guter Dinge. Wichtig ist, dass es ein Projekt wird, dass durch die Öffentlichkeit getragen wird, wenn das der Fall sein sollte, dann gelingt es. Man muss sich damit identifizieren, deshalb sollte die Gemeinde nicht der Taktgeber sein.

Wird es denn Veranstaltungen mit Publikum geben können?

Man muss sicher Vorkehrungen treffen. Aber ich denke schon, dass man mit ein bisschen Vorsicht Kultur machen kann. Das ist auch wichtig. Ob alle Dinge so funktionieren, gerade wenn der gemütliche Teil im Mittelpunkt steht, bezweifle ich. Ich sage ganz ehrlich, wir müssen mit der Pandemie leben. Das bedeutet Einschränkungen, aber das heißt nicht, dass nichts mehr geht. Das kann es auch nicht sein. Menschen brauchen das Miteinander. Wir brauchen die Kommunikation. Wir brauchen die Kultur. Wir werden lernen müssen, Ansprüche anzupassen.

Worauf freuen Sie sich im neuen Jahr besonders?

Für die Gemeinde freue ich mich, wenn wir mit unseren Projekten weiterkommen. Persönlich hoffe ich, mit meiner Frau im Sommer einen Urlaub in Deutschland genießen zu können.

Was wünschen Sie sich?

Für die Gemeinde wünsche ich mir, dass wir die Schäden an der Primusschule und nach dem Hochwasser weitestgehend abarbeiten können. Dass wir wieder mehr das Miteinander pflegen können, das ist gerade für Kinder und Senioren wichtig. Digitale Gespräche sind in Pandemiezeiten sinnvoll, ein digitaler Gottesdienst mag ja auch schön sein, aber der Mensch braucht auch die persönlichen Kontakte. Wir sehnen uns nach ein bisschen mehr Normalität. Das ist für Kinder wichtig, aber auch für uns.

Also hängt immer noch ganz viel von der Pandemie ab?

Mir ist es wichtig, Mut und Hoffnung zu machen. Wir haben sicherlich 2021 viel erlebt, aber wir haben auch vieles auf den Weg gebracht und umgesetzt.

Wir sollten den Optimismus nicht verlieren und versuchen, sich immer dort, wo man gebraucht wird, einzubringen. Ich glaube, wichtig ist auch, dass wir lernen, mit Rahmenbedingungen wie Corona umzugehen. Das ist einfach so. Dann wünsche ich mir auch von der Bundes- und Landespolitik bis hinunter zu den Kommunen, dass sie einheitlich bei der Bewältigung der Pandemie auftreten. Nur dann haben wir die Möglichkeit, das notwendige Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen.

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