A45-Prozess in Hagen

"Ehrenmord"-Prozess endet mit Haft und Schlägerei

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Blick in den Gerichtsaal. Die vier Männer links waren an der Schlägerei beteiligt.

[UPDATE 18.15 Uhr] SCHALKSMÜHLE - Mit einer Schlägerei und mehreren Leichtverletzten im Zuschauersaal ist der A45-Prozess vor dem Landgericht Hagen zuende gegangen. Der 51-jährige Hauptangeklagte, Iptehals A.s „finnischer“ Onkel, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Von Thomas Krumm

Der zur Tatzeit 16-jährige Bruder muss eine sechseinhalbjährige Jugendstrafe verbüßen. Die Mutter der Getöteten wurde vom Mordvorwurf freigesprochen, muss aber 1500 Euro Geldstrafe wegen einer uneidlichen Falschaussage im ersten A45-Prozess zahlen. Der vierte Angeklagte, Iptehal A.s 49-jähriger „deutscher“ Onkel, wurde freigesprochen.

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Nach der Verkündung des Urteils gingen Familienmitglieder, die der Fraktion des „finnischen“ Onkels zugerechnet werden müssen, auf Vertreter der Kernfamilie um die restlichen drei Angeklagten los. Die jungen Männer bewaffneten sich mit Stühlen des Schwurgerichtssaales und schlugen aufeinander ein, bevor sie von den herbeieilenden Justizbeamten voneinander getrennt werden konnten. Im Kern lag dem Angriff ein Vorwurf zugrunde, der auch im Laufe des Verfahrens geäußert wurde: So habe die Familie um Iptehals Mutter und ihren Bruder dem „finnischen“ Onkel die Schuld zugeschoben, um von eigener abzulenken. Auch der tödliche Schuss sei wohl vom Bruder der Getöteten abgefeuert worden, hatte der Anwalt des Hauptangeklagten noch in seinem Plädoyer vermutet.

Dementgegen sah das Schwurgericht den Mordvorwurf gegen den 51-Jährigen aber als hinreichend bewiesen an, und es nannte dafür einige sehr starke Indizien: Den Aufenthalt des 51-Jährigen in Deutschland in der Zeit der Tat, seine von ihm selber in einer Vernehmung zugegebene Anwesenheit am Tatort, die durch die Überprüfung seiner Handyortungsdaten bestätigt wurde, und seine Flucht über Amsterdam nach Syrien. „Warum sollte er zum Tatort gebracht worden sein, wenn er keinen Tatbeitrag erbracht hätte?“, erklärte die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen in ihrer Urteilsbegründung. „Die Kammer geht davon aus, dass er den tödlichen Schuss abgegeben hat.“

Den Hauptbeitrag des Bruders, der seinen Onkel schwer belastet hatte, sah das Gericht in den vertrauensbildenden Maßnahmen, mit denen dieser die junge Frau zunächst ins Elternhaus nach Schwerte gelockt und später zum Rastplatz Sterbecker Siepen gefahren hatte. Dort wartete der Mörder, bei dessen Anblick vor der Fahrt Iptehal A. nach vielen Warnungen wohl gar nicht ins Auto gestiegen wäre, erklärte die Richterin. Vom Mordvorwurf freigesprochen wurde die 49-jährige Mutter der Getöteten, die lediglich für eine Falschaussage im ersten A45-Prozess verurteilt wurde. Damals hatte sie behauptet, dass sie ihre Tochter niemals „Hure“ oder „Schlampe“ genannt hatte.

Dies sah die Kammer nach knapp 30 Verhandlungstagen und 110 Zeugenaussagen als erwiesenermaßen gelogen an. Die Strafe war eher symbolischer Art: Die 49-Jährige muss 150 Tagessätze zu je zehn Euro bezahlen und wird im Gegenzug für die erlittene Untersuchungshaft entschädigt. Der 49-jährige „deutsche“ Onkel wurde „umfassend“ freigesprochen. Seine angebliche Fahrt zur Auskundschaftung eines möglichen Tatortes stellte sich als der Versuch zum Ankauf eines Autos in Lüdenscheid heraus.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig – zumindestens das Urteil „lebenslänglich“ wird voraussichtlich vom Bundesgerichtshof überprüft werden.

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