1. come-on.de
  2. Volmetal
  3. Schalksmühle

Die Not ist immer größer: Lange Schlangen bei der Tafel

Erstellt:

Von: Sarah Lorencic

Kommentare

Es werden immer mehr Menschen, die auf das Angebot der Tafel zurückgreifen müssen. So gerne die Tafel unterstützen will, sind ihr aber auch die Hände gebunden.
Es werden immer mehr Menschen, die auf das Angebot der Tafel zurückgreifen müssen. So gerne die Tafel unterstützen will, sind ihr aber auch die Hände gebunden. (Symbolfoto) © dpa | Nicolas Armer

Wer bei der Tafel in der Schlange steht, kann sich einen Einkauf im Supermarkt nicht mehr leisten. Ob am Hälversprung in Schalksmühle oder an der Mühlenstraße in Halver: Die Schlangen bei der Tafel werden immer länger.

Schalksmühle/Halver – Von der dreifachen Menge an Kunden spricht Astrid Lehmann. Der Großteil der neuen Abnehmer besteht aus ukrainischen Flüchtlingen, aber auch immer mehr Rentner und Familien aus Halver und Schalksmühle kommen dazu. „Sie schaffen es nicht mehr alleine“, weiß Astrid Lehmann. Seit mehr als 20 Jahren ist sie aktiv bei der Tafel, hat aber so einen Ansturm noch nicht erlebt.

Die gestiegenen Kosten für nahezu alles treffen auch die Tafel. Rund 400 Euro kostet momentan der Sprit für die Autos, mit denen die Supermärkte angefahren werden. Nochmal 450 Euro Stromkosten sind es für das Kühlhaus – das muss besonders kühl sein, weil die Lebensmittel im Supermarkt schon nicht mehr ganz so frisch sind.

Froh und dankbar ist Tanja Rolf über die Hilfe der Tafel, die sie als Alleinerziehende seit einigen Jahren dringend braucht.
Froh und dankbar ist Tanja Rolf über die Hilfe der Tafel, die sie als Alleinerziehende seit einigen Jahren dringend braucht. Als Dankeschön hilft sie manchmal aus. Und im Anschluss der Ausgabe kriegt auch sie ihre Kiste mit Lebensmitteln. © Lorencic, Sarah

Weil so oft eine Katastrophe die nächste jagt, gibt es in den Supermärkten immer weniger Lebensmittel für die Tafeln. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Supermärkte kalkulieren besser und haben weniger Reste. Was für die Läden gut ist, ist schlecht für die Initiative, die Menschen eine Unterstützung bieten möchte. Denn mit den gestiegenen Preisen ist ein Einkauf im Supermarkt für die Tafelkunden erst recht nicht mehr möglich.

Zu geringe Rente: Ein Rentnerehepaar kommt jede Woche, auch an diesem Mittwoch stehen sie am Hälversprung an der Ausgabe. Die Schalksmühler möchten namentlich nicht genannt werden, es ist ihnen unangenehm. Der 73-Jährige ist sauer: „Ich habe 47 Jahre gearbeitet, und jetzt?“ Einkaufen geht das Ehepaar nur die Sachen, die es bei der Tafel nicht bekommt. Mal einen Liter Milch, mal Eier. Nicht immer gibt es jedes Lebensmittel bei der Tafel. Vor allem an trockenen Vorräten mangelt es, wie Astrid Lehmann sagt. Öl gibt es nur noch vereinzelte Flaschen – die gibt es für die Tafel nicht mehr. Der derzeitige Preis für Öl hält vom Kauf ab.

Spenden bleiben indes auch aus. „Alles geht in die Ukraine“, meint Lehmann. Das sei grundsätzlich in Ordnung, aber man dürfe die hiesigen Initiativen nicht vergessen. Vor allem, weil die Ukrainer am Ende bei der Tafel sind. In Schalksmühle sind sie das aufgrund der guten Zusammenarbeit zwischen der Tafel und der Flüchtlingshilfe von Beginn an. Es ist ein Zusatzangebot auf ehrenamtlicher Basis und kein staatliches Angebot. Zur Tafel gehen darf jeder, der Leistungen bezieht oder ein zu geringes Einkommen hat. Die Tafel-Kunden werden respektvoll behandelt und im Gegenzug erwarten das die Mitarbeiter auch. Das klappt nicht immer, weil es derzeit wenig Lebensmittel gibt. Die Ukrainer verstehen das noch weniger. Irmtraud Quenzel von der Flüchtlingshilfe will ihnen noch einmal das Angebot der Tafel erklären, wie sie auf Anfrage sagt.

Ukrainische Flüchtlinge: Verständigungsprobleme führten auch dazu, dass erst seit wenigen Wochen die drei Euro pro gepackte Kiste und Tüte von den Ukrainern bezahlt werden, sagt Astrid Lehmann. Eine kleine Abgabe im Vergleich zu anderen Tafeln, weiß auch Tochter Lea. Das Geld wird aufs Konto der Tafel eingezahlt. Zahlen muss aber nur, wer kann. Wer nichts hat, muss auch nichts abgeben. Denn selbst die drei Euro fallen manchen schwer, wissen die Mitarbeiter. Trotzdem ist es ein Geben und Nehmen.

Eine Ukrainerin sagt im Gespräch mit uns, dass sie jede Hilfe nimmt, die es gibt, denn: „Life in Germany is very expansive, in Ukraine everything is cheap.“ In Deutschland sei das Leben sehr teuer, in der Ukraine sei alles günstig. Das Geld, was sie kriegen, reiche einfach nicht. Bevor sie ins Auto einsteigt, ruft sie, dass sie bald weg sei, sie wolle hier nicht bleiben. „Life is nothing without home and family“, sagt sie. Was so viel heißt wie: Ein Leben ist nichts ohne ein Zuhause und die Familie. Ihr Mann, ihr Bruder, sie alle sind in der Ukraine und kämpfen, erzählt sie.

Großfamilie mit Schicksalsschlag: Zum ersten Mal bei der Tafel am Mittwoch ist eine sechsköpfige Familie, die frisch aus Radevormwald nach Schalksmühle gezogen ist. Bei ihr brach vor Kurzem die Welt zusammen. Der Vater der vier Kinder hatte einen schweren Autounfall im Juli und verlor seinen Job. Jetzt brauchen sie Unterstützung vom Staat, sagen sie. Es ist ihnen unangenehm und es fällt ihnen schwer, in der Schlange anzustehen. Auf dem Weg zur Tafel haben sie sich mit dem Bus auch noch verfahren und mussten nach dem Weg fragen. Doch sie brauchen die Hilfe, sagen sie. „Und am Ende retten wir ja auch Lebensmittel und tun etwas Gutes“, sagt die 32-jährige Mutter.

Alleinerziehende: Tanja Rolf hingegen ist alleinerziehend. Sie ist nicht nur Kundin bei der Tafel, sondern auch Helferin. Gerade jetzt, wo Sabine Kapfer im Krankenhaus krankheitsbedingt ausfällt, wird jede helfende Hand gebraucht. Gemeinsam mit ihrer Nachbarin Jasmin Lorbeer, die mit ihrem einjährigen Sohn den Mittwoch bei der Tafel verbringt, packt sie Kisten und hilft bei der Ausgabe. Bei der letzten Durchsicht am Dienstag vor der Ausgabe haben die beiden jungen Frauen das Obst, das die Nacht nicht mehr überstanden hat, zu Marmelade eingekocht. Als Gefäß nutzten sie unter anderem ein Spargelglas – alles, was geht.

„Wir jammern zu wenig“

Denn bei der Tafel ist man pragmatisch. Man hilft direkt, unkompliziert und unbürokratisch. Was nicht vom Spendenkonto bezahlt werden kann, zahlt Astrid Lehmann nicht selten aus ihrer eigenen Tasche. Wie zum Beispiel die Schultüten, die sie jedes Jahr für die Tafelkinder packt, die eingeschult werden. In diesem Jahr waren es nur zehn, sagt sie. Und wenn bei der jährlichen Wunschbaum-Aktion ein Wunsch nicht erfüllt wird, kauft sie das Geschenk. Das sind mitunter große Wünsche, wie sie jedes Kind hat, manchmal aber schreibt auch eine Mutter für ihr Baby Windeln als Wunsch auf. Es ist traurig, das war es schon immer, sagt Astrid Lehmann. Momentan aber weiß man nicht, wo man zuerst helfen soll. „Wir jammern nicht genug“, sagt Lea Lehmann. Die Zeit fürs Jammern fehle und am Ende auch der Mut – sind es doch die, die zur Tafel kommen, die jammern dürften. Und erst recht die Kriegsflüchtlinge. Solange niemand ohne Kiste geht, ist man bei der Tafel zufrieden. Wie voll sie sind, liegt nicht ihrer Hand.

Auch interessant

Kommentare