Knochenmühle und verhutzelte Fabelwesen (Teil 6 unserer Serie)

Corona-Runde: Von Rotthausen bis zur Glör

Corona-Runde Halver
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Es offenbaren sich zum Teil ungewohnte Ausblicke nach massiven Fällarbeiten.

Kontaktbeschränkungen, Verbot von Sport im Verein oder im Fitnessstudio – die Corona-Krise trifft uns alle. Aber: Keine Bewegung ist auch keine Lösung. Schon eine halbe Stunde Spazieren gehen oder Joggen an der frischen Luft tun gut. Hier finden Sie kleine, gut erreichbare Rundwege in und um Halver, die wir unter die Füße genommen haben. Heute geht‘s von Rotthausen aus einmal um die Glörtalsperre.

Schalksmühle/Halver – Gestern Abend gab’s Pommes und veganen Back-„Fisch“. Nein, bitte keine Diskussionen jetzt darüber, warum die Antifleischfraktion ihre Nahrung so nennt, aber abgesehen von diesem Mysterium muss ich als passionierter Steakliebhaber sagen: Es hat geschmeckt. Dumm nur, dass mir das Protein-Erbsen-Jackfrucht-und-was-weiß-ich-noch-Gemisch am Morgen danach wie ein Klumpen im Magen liegt.

Und das ausgerechnet vor der ersten Corona-Runde, die an die Stadtgrenzen von Halver und darüber hinaus führt. Es geht nach Rotthausen und zur Glörtalsperre.

Coronarunde Rotthausen – Glör – Rotthausen Start/Ziel: Gasthaus „Zum Nöckel“ (Bildmitte, rechts) Länge: 7,94 Kilometer Höhenmeter: 152 Meter Wege: überwiegend befestigte Waldwege, auf den letzten 1,5 Kilometern tief und schwierig begehbar

Die Anfahrt

Natürlich kann man es sich einfach machen. Direkt an der Talsperre gibt es einen Parkplatz, erreichbar von Schalksmühle aus über die Glörstraße bzw. von Breckerfeld über die Dahlerbrücker Straße. Parken, einmal rum um den See, ab nach Hause. Macht 3,4 Kilometer und ein paar Euro Parkgebühr, denn zumindest in der Saison ist der Parkraum am Haus Glörtal bewirtschaftet, sprich: kostenpflichtig. Ganz so einfach soll es an diesem Tag dann aber doch nicht werden, ich habe stattdessen das Haus „Zum Nöckel“ in Schalksmühle-Rotthausen als Startpunkt gewählt.

Fünf Grad, siffiger Regen, leichtes Magendrücken. Es läuft. Nicht. Aber dann geht die Sonne auf – im übertragenen Sinne zumindest –, wartet im trockenen Auto der Freund und Kollege Thomas Machatzke (TM). Geballte Schalksmühler Ortsexpertise sozusagen. Herbeigebeten, um mir Routentipps mit auf den Weg zu geben.

Die Streckenführung

Ich möchte Asphalt vermeiden – alte Männer, Achillessehne und so, Sie wissen schon – und streue deshalb noch eine kleine Schleife ein, die vom Nöckel aus unterhalb der Rotthauser Straße durch Wiesen und Wälder führt. Ein scheinbar beliebter Gassi-geh-Platz für die Anwohner – davon zeugen ein randvoller Eimer mit Hundekotbeuteln und reichlich Zigarettenkippen am Wegesrand. Nicht schön. Der folgende Wald war früher eingezäunt und Heimat einer Wildschweinrotte. Das Fleisch gab’s ein-, zweimal im Jahr zu kaufen in Rotthausen – bei Margrit Telschow. Vor rund 20 Jahren verstarb die beliebte Schalksmühlerin.

Eine Legende ist sie heute noch, weil’s hier das weltbeste Speiseeis gab, das einfach aus dem kleinen Fenster eines Wohnhauses heraus verkauft wurde. Ein wunderbarer Treffpunkt für Jung und Alt war das einst. Heute unvorstellbar. Schneller als man die Worte „Eis“ und „Wildschweinrücken“ aussprechen kann, würde wahrscheinlich irgendein Behördenvertreter auf der Matte stehen. Was schnurstracks zu der Erkenntnis führt, dass nicht alles schlecht war früher.

Unser Corona-Runden-Tester Axel Meyrich.

Nach einem knappen Kilometer trifft der Weg auf die Rotthauser Straße. Ich hole mir vom inzwischen hier der Dinge harrenden Kollegen letzte Instruktionen ab, und während „TM“ sich ins warme Zuhause zum Frühstück verabschiedet, verschwinde ich gegenüber der Einmündung Herberge im Wald.

Es beginnt schönes Gelände

Es beginnt mir gänzlich unbekanntes, aber schönes Gelände. Es geht gemächlich bergab, über vernünftig gangbare Weg. Gut, ein wenig matschig ist es schon, aber wenn die letzten Schneereste verschwunden sind, wird sich das geben. Nach einer lang gezogenen Rechtskurve gurgelt es von links die Hügel herab. Es ist die Glör, ein kleiner Bach, der unweit der Halveraner Hofschaft Rothenbruch entspringt.

Teilweise noch gefroren war die randvolle Glörtalsperre bei dieser Runde.

Von nun an ist die Glör mein Begleiter, murmelt sympathisch linkerhand vor sich hin. Der Waldweg trifft kurze Zeit später auf ein Asphaltsträßchen, jene Straße, die die Halveraner Ortslage Glörfeld, die links oberhalb liegt, mit Schalksmühle-Rotthausen verbindet. Kurz links gelaufen und sofort wieder rechts in den Wald. Das ist mein Weg.

Dem deutschen Schulmeister Ernst Anschütz wird der Text des um 1824 entstandenen Volksliedes „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach...“ zugeschrieben. Klipp-Klapp macht hier heute nichts mehr, wohl aber früher, als die Glör das Rad einer Knochenmühle antrieb. Die so gemahlenen Knochen wurden meist als organischer Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt. Heute geht es an selbiger Stelle nüchterner zu, warnen die Stadtwerke Halver alle Unbefugten vor dem Betreten der Pumpstation Knochenmühle. Ich fühle mich angesprochen und trabe flugs weiter. Immer geradeaus bis zur Glörtalsperre. Meiner kleinen Bachfreundin sage ich nun „bye-bye“, sie mündet nach Durchfluss der Talsperre in Dahlerbrück in die Volme.

Links herum um die Talsperre

Für mich geht’s links herum um den Stausee, der bei gutem Wetter ein beliebtes Ausflugsziel ist, heute aber menschenleer und stellenweise fast schon mystisch daherkommt. Die sogenannten Überschwemmungsgebiete der Talsperre sind vollgelaufen, und die eisigen Temperaturen der vergangenen Wochen haben dazu geführt, dass Bäume und Pflanzen aus dem Eis ragen. Käme gleich ein verhutzeltes Fabelwesen wütend um die nächste Ecke gesprungen, wundern täte mich das nicht.

Die Realität indes ist nicht weit entfernt. Die Freizeitschwerpunkt Glörtalsperre GmbH (FSG) mahnt, doch bitte die Corona-Regeln einzuhalten. Kein Problem, die Sache mit dem Abstand. Aber die FSG hat seit meinem letzten Lauf um die Glör, der schon einige Jahre zurückliegt, noch viel mehr getan. Eine neue Beschilderung weist auf die verschiedenen Rundwanderwege inklusive Länge der Touren hin – ein sehr schöner Service.

Und mehr noch: Im Bereich des Glörtals soll bereits ab dem 8. Jahrhundert Schmiedeeisen erzeugt worden sein, ab dem 12. Jahrhundert kam die Produktion von Holzkohle hinzu. Reste dieser Meilerterrassen finden sich gleich oberhalb des Rundweges. War mir bis dato unbekannt. Die Info-Tafeln längs des Weges beheben die Wissenslücke. Als 64 000-Euro-Frage kann das schon herhalten bei Günther Jauch.

Corona-Auswirkungen längs der Talsperre

Ein paar Meter weiter dann die Folgen von Corona – aufgereiht wie an einer Perlenkette. Die Jugendherberge Glörsee (www.jugendherberge. de) hat pandemiebedingt geschlossen. Ich kenne Örtlichkeiten und Herbergsvater von einem Aufenthalt mit meiner Handball-Jugendmannschaft – ein schönes Haus mit tollen Gastgebern. Hoffentlich geht es hier in der Nach-Coronazeit weiter.

Die nächste Übernachtungsmöglichkeit folgt nur ein paar Meter weiter. In einer 100 Jahre alten, picobello sanierten Villa vermietet die Familie Otto eine 114 Quadratmeter große Ferienwohnung. 40 Meter vom Wasser entfernt zu einem moderaten Preis (www.fewo-breckerfeld.de).

Direkt auf dem Weg wird in diesem Bereich deutlich, dass die FSG richtig Geld in die Hand genommen hat, um das Umfeld der Glörtalsperre mehr als nur aufzuhübschen. Der Spielplatz und die Infrastruktur rund um die DLRG-Station machen, wenn auch noch nicht komplett fertig, einen guten Eindruck. Hier haben sich übrigens zwei Kolleginnen aus der Redaktion vor wenigen Tagen todesmutig in die Glörfluten gestürzt. Eisbaden. Ich muss an die beiden Sarahs denken. Und es fröstelt mich. Wegen des Eisbadens natürlich – nicht wegen der Kolleginnen.

Wärmende Gedanken liefert das Haus Glörtal (www.haus-gloertal.de). Wenn doch schon Sommer wäre. Corona vorbei. 25 Grad. Ein Weizenbier auf der Terrasse, dazu ein irisches Rumpsteak mit Beilagensalat. Auf der persönlichen Agenda steht ein Besuch in diesem gastronomischen Schmuckstück, das seit Sommer vergangenen Jahres durch Jochen Bernsdorf betrieben wird, ganz oben.

Die Talsperre ist randvoll

Plötzlich ist die Stille vorbei. Man hat den Staudamm noch nicht betreten, da rauscht es wie verrückt. Die Talsperre ist randvoll, entsprechend viel Wasser donnert am Fuß des 32 Meter hohen Bauwerks zu Tale, um von dort aus geordnet weiterzufließen. Kurze Fotopause, verbunden mit der Überlegung, welcher Weg eingeschlagen werden soll. Am Ende der Staumauer links geht’s nach Dahlerbrück. Der Weg so mancher redaktionellen Weihnachtswanderung ist gesperrt. Fällarbeiten. Rechts führt der normale Rundweg weiter, doch ich entscheide mich für den „Schweineberg“ geradeaus. Sprintserie um Sprintserie haben hier fluchende Schalksmühler Handballer schon absolviert. Ich trabe in Minimalgeschwindigkeit, ist schon steil.

Überraschung: Dieses Stück ist Teil eines Pilgerweges des Bistums Essen, der von Meinerzhagen nach Duisburg führt (www.pilgerweg.bistum-essen. de). Oben angekommen, rechts halten, nach wenigen 100 Metern dann wieder links. Es sind die finalen 1,5 Kilometer zurück zum Ziel. Und sie führen komplett bergauf durch tiefes Gelände. Borkenkäfer, schweres Gerät – ich hatte mir fest vorgenommen, keine darniederliegenden Fichten mehr zu fotografieren. Holz bitte nur noch in 30er-Länge gesägt und gestapelt in meiner Garage, aber nicht in Massen in der Horizontalen am Wegesrand. Das frustriert nämlich.

Abgehakt. Das Ziel ist in Sicht. Gelb leuchtet der Nöckel am Horizont. Am Hof Schnepper ist fester Boden erreicht, ich sehe mittlerweile aus wie nach einer 72-Stunden-Übung bei der Bundeswehr auf dem Truppenübungsplatz Wahner Heide Ende der 1980er-Jahre. Das neue Auto, heute vor sechs Tagen abgeholt, wird es mir danken. Ein bisschen Reeswinkler Weg, dann rechts auf die Rotthauser Straße. Zielstrich. Acht Kilometer liegen hinter mir, die kurzweilig waren, am Ende aber schwer gangbar. 952 Kalorien habe ich verbraucht. Sagt meine App. Die muss es wissen. Ob das reicht für die nächste Portion Backfisch? Ich denke schon. Vielleicht ist sogar noch ein fetter Klecks Mayonnaise drin. Nicht vegan. Sondern schön mit Ei und allem, was dazu gehört.

Corona-Runden in Halver und Umgebung - unsere Serie

Der Läufer- und Wandertreff an der Büchermühle ist ein charmanter Alleskönner. (Teil 1)
Die Flugplatz-Route befindet sich am Rande der „Wilden Ennepe“. (Teil 2)
Der Trimm-Dich-Pfad an der Herpine lädt zu Fitnessübungen ein. (Teil3)
Die Leyer-Sonnenschein-Runde sorgt für Nostalgie. (Teil 4)
Die verkürzte Oberbrügger Crosslauf-Strecke. (Teil 5)
Von Rotthausen bis zur Glör. (Teil 6)
Das ehemalige Munitionsdepot in Schwenke. (Teil 7)
Der Volmeschatz-Weg rund um den Bollberg. (Teil 8)5
Kleine, aber feine Tour an der Heesfelder Mühle. (Teil 9)
Über Schulten Hedfeld entlang der Wilden Ennepe. (Teil 10)
Rund um Hülscheid und Altenhülscheid. (Teil 11)
Der V-Weg rund um Heinken-Hedfeld, Vorst und Anschlag. (Teil 12)
Vom Kreisch über den Rundwanderweg A6. (Teil 13)

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