Chef-Koch trotz Rollstuhl

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An dem Herd, an dem Gerd Kutsch einst sein Handwerk lernte, arbeitet er heute noch.

SCHALKSMÜHLE - Gerd Kutsch ist ein kerniger Sauerländer. Ein Kämpfer. Einer, der nicht ans Aufgeben denkt. Auch nicht, als ihn ein Zeckenstich mit Borreliose infizierte und ihn an den Rollstuhl fesselte. Seit 27 Jahren lebt er mit der Krankheit und leitet dennoch die Gaststätte Haus im Dahl. Dass er auch selbst kocht, ist für ihn selbstverständlich.

Ein tockendes Geräusch. Auf und ab schnellt die rechte Hand von Gerd Kutsch. Innerhalb weniger Sekunden ist die frische Petersilie zerkleinert. Der 67-Jährige füllt die Kräuter in eine Schale. „Damit gleich alles fertig ist, wenn die Gäste kommen“, sagt Kutsch, während er Bohnen vorbereitet. Unterdessen ist seine Frau Brigitte mit dem Waschen und Schneiden des Salates beschäftigt.

Die beiden sind ein eingespieltes Team. Bereits 1967 übernahmen sie die Gaststätte Haus im Dahl von Gerds Eltern Anni und Karl Kutsch. Seit 1919 ist das Restaurant in Familienbesitz. Zuvor betrieb Wilhelm Dember zehn Jahre lang das Haus. Zusammen mit zwei Auszubildenden und einigen Aushilfen führt das Ehepaar Kutsch den Betrieb heute.

Gerd Kutsch wendet in dem schmalen Gang der Küche den Rollstuhl und rollt zum Backofen. „Lecker in der Suppe“, sagt der Koch kurz und knapp und zeigt auf einige Knochen, die vor sich hin garen. Am Ende der Küche steht ein Aquarium. Frische Forellen fischt das Paar nach einer Bestellung daraus. „Hier gibt’s kein Essen aus der Dose.“ Frisch, aber gerne auch mal deftig darf die Küche sein. Gerne mit Wild – frisch geschossen.

Früher ist Gerd Kusch selbst auf die Jagd gegangen. Beim Ansitz war es auch, als ihn 1985 ein Zecke stach. Die Stelle am Bein war dick. Der Hausarzt half mit Salbe. Als der Stich im April 1986 längst vergessen war, fühlte sich Gerd Kutsch schlecht. Gliederschmerzen. Schwäche. „Wie ‘ne Grippe.“ Doch auch nach Tagen der Ruhe keine Besserung. Erst schliefen die Arme ein, dann die Beine. Kutsch kam ins Krankenhaus nach Altena. Die Ärzte standen vor einem Rätsel. Trotz heftiger Medikamente verschlechterte sich der Zustand täglich.

„An einem Tag, als ich zu ihm kam, konnte er nur noch seinen Kopf bewegen.“ Brigitte Kutsch spricht leise, kämpft mit den Tränen. Wie damals. Sie nahm seine Hand, schluckte den Kloß im Hals herunter und sagte: „Das schaffen wir zusammen.“ Die Ärzte waren nicht so zuversichtlich. „Die dachten, dass ich das nicht packe.“ Gerd Kutsch sitzt draußen am Nebeneingang und zieht an der Zigarette. Ans Aufgeben dachte er nicht. „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren“, sagt Kutsch. Täglich Muskelaufbauübungen und Therapien. Kutsch kämpfte sich zurück an den Herd. Rund eineinhalb Jahre war er in Krankenhäusern und Reha-Kliniken in Altena, Höxter und Essen. Dann war er wieder zuhause in Dahlerbrück.

Erst vor 15 Jahren fanden Ärzte heraus, dass das braune Biest die Borreliose brachte. Wegen der Krankheit gab es viele Gerüchte im Ort. „Ich weiß nicht, wie oft ich schon gehört habe, dass wir schließen. Das ist alles Mist“, sagt Gerd Kutsch, während er entschieden auf den Tisch klopft. „Ich arbeite, bis mein Name auf der letzten Zeitungsseite steht. Vorher höre ich nicht auf.“

Kutsch steht für Beständigkeit. Mit 14 Jahren begann er in der Küche des ehemaligen Hotels Lindenhof in Hagen die Ausbildung zum Koch. An dem Herd, an dem er lernte, brutzelt, tranchiert und schmeckt er immer noch ab. Zwar ist unter der Regie von Brigitte und Gerd Kutsch der Saal und die Gaststube neu gestaltet und das Jagdzimmer neu eingerichtet worden, aber bis heute setzen sie auf das ländlich-bürgerliche sowie das familiäre Ambiente. „Bei uns gibt‘s kein Fastfood, sondern ordentliche und frische, regionale und saisonale Kost“, sagt der Chef der Gaststätte Haus im Dahl. Das Haus im Dahl hat montags bis samstags von 16 Uhr geöffnet. Donnerstags ist Ruhetag. Sonntags ist von 11 bis 14 Uhr und von 17 Uhr bis Ende offen geöffnet. - Von Matthias Clever

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