Golden House in Schalksmühle

Bordell-Chefin: "Prostitution ein Beruf wie jeder andere"

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SCHALKSMÜHLE - Mit Anfeindungen hatte sie gerechnet, keine Frage. "Aber nicht mit solch massiven", sagt Mariana Simion, die das "Golden House" in Schalksmühle führt. Susanne Fischer-Bolz sprach mit der Bordell-Chefin.

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Ein Bordell in der Gemeinde? Das geht nicht, meinen viele. Im Sommer hatten die Immobilienbesitzer eine Räumungsklage eingereicht. Beide Seiten ließen das Verfahren aber ruhen - um sich außergerichtlich zu einigen. Bis jetzt. Aktueller Stand der Dinge: Bis zum 15. Dezember soll Mariana Simion auf Wunsch des Besitzers aus der Immobilie ausziehen; andernfalls gehe das Verfahren weiter. Mariana Simion will kämpfen. Ungeachtet dessen war sie bereit, über die aktuelle Debatte rund um das Thema Prostitution zu sprechen.

Mariana, Ich falle mit der Tür ins Haus. Ist Prostitution ein Beruf wie jeder andere?

Mariana: Ja. Die Frauen, die bei mir arbeiten, sehen das als einen Job an. Ich mache da keine großen Unterschiede zu anderen Berufen.

Wie viele Damen arbeiten im Golden House?

Mariana: Im Moment fünf bis sechs Damen und zwei Männer. Vier Frauen sind jeden Tag vor Ort und die anderen kommen ab und zu oder nur am Wochenende. Die Männer kommen nur bei Terminen.

Wie können Sie sicher sein, dass die Frauen freiwillig da sind und nicht von irgendjemanden zum Anschaffen gezwungen werden?

Mariana Simion

Mariana: Man sieht das und man merkt das. Außerdem sind die Frauen jeden Tag da und bekommen keinen Besuch. Sie gehen mit mir einkaufen und sind mit mir unterwegs. Wäre etwas unter Zwang, würde ich das direkt merken. Ich glaube ohnehin nicht, dass es zurzeit viele Zuhälter gibt. Das war damals anders, als die Grenze noch zu war, als man Frauen noch angeblich helfen musste, nach Deutschland zu kommen. Wenn es heute noch Zuhälter gibt, dann doch eher selten. Woher kommen die Frauen, die bei Ihnen arbeiten? Mariana: Im Moment habe ich vier Frauen aus Rumänien, eine Deutsche und eine Polin.

Haben die Frauen einen Arbeitsvertrag bei Ihnen?

Mariana: Nein. Sie haben ein Gewerbe angemeldet. Sie sind selbstständig. Sie arbeiten auf eigene Rechnung und sind krankenversichert.

Kann man als Prostituierte aus dem Job aussteigen? Kann eine, die bei Ihnen arbeitet, morgen das Handtuch schmeißen?

Mariana: Ja das passiert oft. Viele Frauen, die bei mir waren, haben mit dem Beruf aufgehört. Eine gerade vor Kurzem, sie arbeitet jetzt in einem anderen, ganz normalen Job in Olpe. Viele, die ich kennengelernt habe, sagen, dass sie vielleicht ein oder zwei Jahre arbeiten und sich dann etwas anderes vornehmen. Sie sparen Geld fürs Studium, für ein Haus, für eine Ausbildung.

Die Frauen haben dann nicht die Verpflichtung, für einen bestimmten Zeitraum zu bleiben?

Mariana: Nein, nein. Sie kommen, wann sie wollen, und gehen, wann sie wollen. Was natürlich für mich nicht so gut ist.

Wo ist dann die Sicherheit für Sie?

Mariana: Ich habe keine Sicherheit. Aber ich versuche immer vernünftige Frauen zu bekommen, dann spricht man sich ab. Wir reden über die Urlaubszeiten zum Beispiel, dass nicht alle auf einmal weg sind. Die wollen ja auch gern länger bei mir bleiben. Gibt es denn viele, die sich für den Job bewerben? Mariana: Es gibt Zeiten, in denen viele anrufen und sich vorstellen wollen. Und dann ist es wieder anders. Dann suche ich welche und es meldet sich keine. Das ist immer Glückssache - und in diesem Beruf das Schlimmste für mich.

Seit der Legalisierung der Prostitution in Deutschland gibt es einen permanenten Zustrom von Frauen aus Osteuropa. Das ist Fakt. Und genau diese Frauen arbeiten unter großem Konkurrenzdruck. Können Sie dem widersprechen?

Mariana: Nein, das stimmt schon, weil jedes Jahr mehr kommen. Dadurch sind die Preise gefallen, weil die Neuen Geld verdienen wollen und auch bereit sind, für weniger Geld zu arbeiten. Und es gibt durchaus eine große Konkurrenz. Aber wenn die Prostitution nicht legal wäre, würden die Frauen auch weiter arbeiten - wie in Rumänien, Frankreich und Italien, wo die Prostitution verboten ist. Die arbeiten alle auf der Straße. Und dann ist alles noch viel schlimmer.

Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, die das Thema Prostitution an die Öffentlichkeit und damit in die Diskussion gebracht hat, sagt: "Prostitution ist Ausbeutung und degradiert Frauen zum käuflichen Objekt." Hört sich ganz vernünftig an, oder?

Mariana: Die Frau als Ware? Das sehe ich nicht so. Erstmal: Die Frauen suchen sich das selber aus, was sie machen wollen und was nicht. Sie bieten erotische Dienstleistungen. Sie bieten einen Service.

Welche Gründe gibt es denn, dass Frau das freiwillig macht?

Mariana: Es dreht sich alles ums Geld. Meistens haben sie keine oder kaum eine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen. In Rumänien beispielsweise ist der Verdienst etwa 160 Euro im Monat - und die Miete ist meist teurer. Die Frauen können das nicht schaffen. Ich kenne Frauen, die ihr Studium aufgegeben haben, weil sie sich nicht mehr über Wasser halten konnten. Die sind dann hier hergekommen, um Geld zu verdienen. Ich haben Frauen kennengelernt, die die Medizin für Angehörige nicht mehr bezahlen konnten. Jede hat einen anderen Grund - aber meistens geht es ums Geld. Zwar kann man als Prostituierte nicht mehr so viel verdienen wie früher, aber es ist besser als nichts - und mehr als man im Klamottengeschäft oder in einer Fabrik verdienen könnte.

Alice Schwarzer, um wieder bei ihr zu sein, wünscht sich eine Welt, in der Männer keine Frauen mehr kaufen wollen oder können. Welche Welt wünschen Sie sich?

Mariana: Ich wünsche mir eine Welt, in der alle glücklich sind - und eine Welt, die mehr Verständnis für den Beruf der Prostituierten aufbringt. Alice Schwarzer findet, dass man die Prostitution abschaffen sollte. Aber das geht nicht. Prostitution wird immer weiter gehen -- legal oder nicht legal. Aber illegal ist für die Frauen noch schlimmer. Wenn ich höre, was in Rumänien oder Italien passiert -- dort gibt es mehr Gewalt gegen Frauen. Und wenn etwas passiert, können sie nicht zur Polizei gehen. Die Polizei ist in Rumänien nicht gut auf die Frauen zu sprechen, die auf der Straße arbeiten. Sie zahlen die Strafe nicht, werden wieder erwischt. Und: Sie können nicht mehr in Sauberkeit arbeiten. Und dann, wenn es illegal ist, gibt es auch wieder viele Zuhälter, die dann sagen: ,Komm ich helfe dir, ich beschütze dich.'

In Frankreich sollen Freier künftig bestraft werden. Werden sie beim Kauf von Sex erwischt, sollen sie 1500 Euro zahlen. Glauben Sie, dass das Wirkung auf die Freier hat?

Mariana: Nein, das glaube ich nicht. Die werden höchstens etwas vorsichtiger werden.

In Deutschland droht Freiern künftig eine Strafe, wenn sie bewusst Dienste von Zwangsprostituierten in Anspruch nehmen. Eine sehr sinnvolle Geschichte, oder?

Mariana: Ja, das ist absolut sinnvoll. Aber ich glaube nicht, dass es das noch oft gibt.

Zudem ist ein Verbot von Flatrate-Sex vorgesehen. Ist es nicht wirklich ungeheuerlich, dass man für 69 Euro ein Komplett-Paket mit Bratwurst und Frau bekommt?

Mariana: Das sehe ich genauso. Damit bin ich absolut nicht einverstanden, dass es so etwas gibt. Ich finde es gut, wenn sich die Gesetze ändern - zum Wohle der Frauen.

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