Autist und Kunst: „Keine Angst vor Konfrontation“

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Die Leiterin der Kreativ-AG, Nadine Müller, von der Außenstelle der Märkischen Werkstätten erläutert die Arbeiten.

SCHALKSMÜHLE ▪ Hunger auf Kunst? Der kann gestillt werden mit ungewöhnlichen Exponaten, Ideen, detailgetreuen Ausführungen. Freude und Aufregung zeigten die Künstler zur Eröffnung ihrer ersten Ausstellung. Menschen mit Autismus, die seit 2007 in der Schalksmühler Abteilung der Märkischen Werkstätten in der ehemaligen Grundschule Klagebach arbeiten.

Mit dem Motto: „Plötzlich haben wir hundert Möglichkeiten unbekannter Buntheit“ stellt sich die seit einem Jahr tätige Kreativ-AG der Gemeinschaft in der Volmegemeinde vor.

AG-Leiterin Nadine Müller verwies in ihrer Begrüßung auf die Erklärungstafeln zum „Ausdrucksmalen“ nach Arno Stern, die die Ausstellung vervollständigen. „Es geht um die Art und Weise, wie die Gebilde entstehen; das Erleben von Unabhängigkeit wird in persönlichen Äußerungen ausgedrückt“, heißt es da. Das bestätigen auch die Eltern Elke und Horst Oberwein. Ihr Sohn Martin ist mit vier Exponaten vertreten, hat aber selbst schon sieben Ausstellungen mit Hilfe der Eltern durchgeführt, so beispielsweise in der Dokumenta in Kassel – 40 Jahre Autismus – und im alten Schlachthof in Soest, wo er über 30 Bilder gezeigt hat. Der 43-jährige lebt im Johannes-Busch-Haus in Lüdenscheid, die Eltern in Plettenberg „Er bespricht seine Bilder nicht mit uns. Im Gegenteil, das ist meine Kunst, antwortete er mir auf eine Anregung“, berichtet Mutter Elke. Mit Buntstiften und Gouache fertigt er in drangvollen Schaffensphasen bis zu 20 Bilder an einem Wochenende. Dabei zeigt er Veränderungen in seinem Bewusstsein deutlich in der Ausführung. Manchmal gibt er einem Bild auch selbst einen Titel. In der Kreativ-AG hat er ganz anders gearbeitet, als die Eltern es von zu Hause kennen.

„Wir lieben besondere Ausstellungen“, betonte Heide Bachmann, stellvertretende Bürgermeisterin, zur Eröffnung. „Es geht bunt zu im Rathaus unserer Gemeinde. Und ich bin sicher, das etliche Bürger die Gelegenheit wahrnehmen, sich diese ansprechende Auswahl anzusehen“.

Tiere, Figuren, Papierbastelarbeiten, Schalen, Sparschweinchen und bunte Bilder sind entstanden. „Teenage-Girl“ mit einem riesigen Herz beeindrucken ebenso wie der Einladungs-Text von Tobias Schröter. „Er und Sie willkommen für einen Hunger unter kreativ erlösender Perspektive. Achtung vor Angst vor der Konfrontation. Trauen sie sich, behindert sein geht anders“, so der Anfang seiner Ausführungen mit hohem Anspruch, denn er mag nicht Malen. Jedoch bringt er es für sich und seine Mitbewohner, die mit der Störung des zentralen Nervensystems leben müssen, auf den Punkt. „In uns leben Talente, die wir dezent zu gebrauchen wissen.“ Die Ausstellung lädt bis zum 27. November ein, einen Einblick in die einzig- und anderartige Erfahrungswelt dieser Mitmenschen zu bekommen. ▪ jori

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