Angekommen im MK: Flüchtlinge mit klaren Zielen

Aisha Ali Bahal aus Somalia kümmerte sich rührend um einen kranken Landsmann. Abraham Haben aus Eritrea floh vor dem Militär. In Deutschland hat der junge Eritreer seinen Schulabschluss nachgeholt.
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Aisha Ali Bahal aus Somalia kümmerte sich rührend um einen kranken Landsmann. Abraham Haben aus Eritrea floh vor dem Militär. In Deutschland hat der junge Eritreer seinen Schulabschluss nachgeholt.

Sie kamen als Flüchtlinge und fühlen sich mittlerweile als Schalksmühler. „Eigentlich hat jeder in seiner Situation etwas geschafft“, findet Irmtraud Quenzel vom Netzwerk Flüchtlingshilfe Schalksmühle, das Flüchtlinge allzeit mit Rat und Tat zur Seite steht.

Schalksmühle – Einige haben eine Ausbildung gemacht und stehen inzwischen in Lohn und Brot. Andere haben Schulabschlüsse nachgeholt, sich einen Freundes- und Bekanntenkreis aufgebaut, engagieren sich im Sport oder kümmern sich um Familie und Kinder. Wir fragten nach, was aus Menschen, die hierzulande Schutz suchten, geworden ist.

Ein klares Ziel vor Augen hat Arian Khatibi aus dem Iran, der seit 2015 in Deutschland lebt. Schon mit 13 Jahren verließ er mit Vater, Mutter und Schwester seine Heimat, um in Malaysia eine internationale Schule zu besuchen, sein Abitur zu machen und ein Studium zu beginnen. „Wir Kinder sollten eine gute Schulausbildung haben“, erinnert er sich. Schon in Malaysia interessierte er sich für den christlichen Glauben.

Anwalt machte wenig Hoffnung

Ein Verwandtenbesuch im Iran, wo er wegen seines Glaubens verhaftet wurde, hatte fatale Folgen. Zwar gelang es seinem Vater, ihn mit einer Kaution aus dem Gefängnis zu holen. Sein Anwalt machte ihm jedoch wenig Hoffnung auf Haftverschonung. In der Flucht in die Türkei sah er damals den einzigen Ausweg. Als Deutschland 2015 die Grenzen öffnete, machte er sich über die Balkanroute auf den Weg in eine ungewisse Zukunft.

Seither ist viel geschehen. Manche Rückschläge – sein Abitur wurde nicht anerkannt und ein Studium rückte in weite Ferne – musste er hinnehmen. Andererseits öffneten sich durch vor Ort geknüpfte Kontakte neue Perspektiven. Inzwischen hat der junge Iraner erfolgreich eine Ausbildung zum Mechatroniker bei der Firma Gira in Radevormwald absolviert, arbeitet in seinem Beruf und hat am Berufskolleg Technik Remscheid eine Techniker-Ausbildung in Teilzeit begonnen. Ein Jahr lang stemmte er Ausbildung und Technikerschule gleichzeitig. Sein Ziel: An den Technikerabschluss ein Betriebswirtschaftsstudium anzuschließen.

Todesstrafe drohte

In den Iran zurückkehren kann er als konvertierter Christ, dem die Todesstrafe droht, nicht – nicht einmal für einen Familienbesuch. „Man bildet ein Emotionskissen, eine Art Schutzschild“, sagt er. „Es ist wie es ist.“

„Wir möchten nicht hier weg“, sagen auch Rizgar Hasan und seine Ehefrau Dilwin Ali aus Syrien, die mittlerweile einen großen Freundes- und Bekanntenkreis in Schalksmühle haben und sich pudelwohl in der Gemeinde fühlen. Der sportliche Rizgar, der in seiner Heimat ein Studium zum Sportlehrer absolvierte, gehört der DLRG an und ist für Fußballspieler als Schiedsrichter im Kreis Lüdenscheid ein bekanntes Gesicht. Als Trainer führte er bereits die Nachwuchskicker des TuS Stöcken-Dahlerbrück und – in einer AG – die der Primusschule an den beliebten Mannschaftssport heran.

Beruflich musste der Vater zweier Kinder noch einmal ganz von vorne anfangen. Derzeit besucht er das Gertrud-Bäumer-Berufskolleg, um sich zum staatlich geprüften Sozialassistenten ausbilden zu lassen. Sein Ziel ist es, Erzieher zu werden. „In Deutschland gibt es viele Möglichkeiten“ findet er. Ehefrau Dilwin Ali, die zunächst auch das Gertrud-Bäumer-Berufskolleg besuchte, kümmert sich um die Kinder, den fünfjährigen Jan und die eineinhalbjährige Helin. „Wir fühlen uns wohl“, sagt auch sie.

Jan und Helin, die Kinder von Rizgar Hasan und Dilwin Ali aus Syrien, sind in Schalksmühle zu Hause. Ihre Eltern erziehen sie zweisprachig

„Wenn man Hilfe braucht, findet man sie“, bringt die Somalierin Aisha Ali Bahal ihre Erfahrungen in Schalksmühle auf den Punkt. Als „starke Frau aus Somalia“ hat Irmtraud Quenzel die vierfache Mutter kennen gelernt. Zwei Kinder besuchen bereits den Kindergarten. Dass es unterschiedliche Kindergärten sind, macht das Hinbringen und Abholen ohne Auto nicht einfach. „Manchmal mit dem Fahrrad, manchmal mit dem Bus.“ Besonders rührend kümmerte sich Aisha, die seit drei Jahren in Schalksmühle lebt, um einen jungen herzkranken Landsmann, der mehrere Herzoperationen sowie Hirnoperationen über sich ergehen lassen musste und nach der letzten OP einen Schlaganfall erlitt, sodass er zuletzt weder laufen noch sprechen konnte. In der gesamten schweren Zeit seiner Krankheit war ihm die vierfache Mutter eine Stütze. Mittlerweile kann Kadar wieder laufen, sprechen und eine leichte Arbeit ausüben.

Vor dem Militär flüchtete Abraham Haben aus Eritrea. Nach einem Wasserschaden in seiner Wohnung ist der junge Eritreer mit seiner Familie – Ehefrau und zwei Kindern – vorübergehend In der Lieth untergebracht. Deutsch erlernte Abraham in der Begegnungsstätte Westfälischer Hof, bei deren Renovierung auch Flüchtlinge tatkräftig mithalfen. Zuvor musste der orthodoxe Christ erst einmal das lateinische Alphabet erlernen. Am Nestor Bildungsinstitut holte er die neunte Klasse nach und machte seinen Schulabschluss. Jetzt möchte er die zehnte Klasse in Angriff nehmen und anschließend eine Ausbildung zum Krankenpfleger beginnen.

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