„Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“: Karton für über 600 Euro ersteigert

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Ein 26-jähriger Schalksmühler stand wegen mutmaßlichen Betruges vor dem Amtsgericht Lüdenscheid.

Schalksmühle - Ein arbeitsloser Schmied (26) aus der Volmegemeinde hat im Oktober 2016 ein Verkaufsangebot ins Internet-Auktionshaus Ebay eingestellt. Dafür musste er am Dienstag vor dem Amtsrichter antreten.

Er sagt, es habe sich um die Verpackung eines Mobiltelefons iPhone 7 gehandelt. Das Mindestgebot betrug 1 Euro. Verkauft hat er den leeren Pappbehälter für 655 Euro. Der Käufer hat ihn angezeigt. Er fühlt sich betrogen, weil er kein Smartphone, sondern nur den Karton bekommen hat. 

Der Fall wird die Justiz noch länger beschäftigen. Denn der Angeklagte bestreitet den Betrugsvorwurf. Und der Käufer erscheint nicht zum Prozess. Stattdessen erklärt der Lüdenscheider Strafverteidiger Heiko Kölz, sein Mandant habe die Ware „ausdrücklich als ‘only Verpackung’ deklariert.“ Dass der 26-Jährige die 655 Euro eingestrichen hat, sei nicht verboten. „Natürlich war er nicht traurig, das Geschäft war ja gut.“ 

Die Frage, ob der Betrugsvorwurf der Staatsanwaltschaft nachweisbar ist, bleibt zunächst offen. Denn Strafrichter Andreas Lyra stellt fest: „Die Verkaufsanzeige liegt mir nicht vor.“ Er fragt den Angeklagten: „Wo hatten Sie die Verpackung her?“ Antwort: „Ich habe sie gefunden, und ich hatte gerade Geldprobleme.“ Nächste Frage: „Wer kauft denn so was?“ Nächste Antwort: „Leute, die ein Handy verkaufen wollen, aber keine Verpackung haben.“ Denn Mobiltelefone, berichtet der Schalksmühler, verkauften sich besser mit Karton. 

Verkaufserlös schon ausgegeben

Das klingt zunächst plausibel. Doch der Richter fasst nach. „Wenn die Gebote auf 600 Euro zusteuern, dann wissen Sie doch genau, dass hier nicht auf die Verpackung geboten wird.“ Rechtsanwalt Kölz verweist auf die Artikelbeschreibung, die sein Mandant verfasst hast – und auf den Käufer. „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.“ Die Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage und Wiedergutmachung an den Geschädigten lehnt der Angeklagte ab. Er hat das Geld aus dem Verkaufserlös sowieso schon ausgegeben, sagt er. 

Der Richter setzt das Verfahren aus. Der säumige Zeuge soll noch einmal vorgeladen werden. Bei Ebay will Lyra versuchen, die Artikelbeschreibung zu erfragen. Neuer Termin von Amts wegen.

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