Gerichtsprozess

"Man denkt ja nicht, dass man erwischt wird": Tankstellen-Räuber legt Geständnis ab

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Schalksmühle/Lüdenscheid- Es hatte sich aufgrund der Beweislage angedeutet: „Ich soll für den Angeklagten erklären, dass er der Täter des Tankstellenüberfalls war“, legte Verteidiger Andreas Trode am Mittwoch – stellvertretend für seinen 22-jährigen Mandanten – ein Geständnis ab.

Der legte mit weiteren Erklärungen nach: „Ich dachte mir: ‘Komm, ich mache das’. Man denkt ja nicht, dass man erwischt wird.“ 

Schon im Mittagszug des 7. Oktober von Lüdenscheid nach Schalksmühle habe er sich überlegt: „Was kann ich machen?“ Schulden waren der Grund für den gefühlten Handlungsbedarf. Sprachnachrichten auf seinem Handy belegten im Gerichtssaal, dass er von einem Bekannten, dem er 400 Euro schuldete, unter Druck gesetzt wurde: „Machst du Spiele mit mir, werde ich richtig stinkig“, hieß es da. Oder auch: „Lass mich nicht wütend werden!“ 

Schulden lösten Gedankengang aus

Ja, er hätte sich das Geld auch von jemandem leihen können, räumte der Angeklagte freimütig ein. Aber dann hätte er bei Gelegenheit wieder vor dem gleichen Problem gestanden. „Sie glauben, Sie hätten das Geld irgendwo besorgen können?“, staunte der Verteidiger über das mickrige Tatmotiv. „Warum haben Sie das nicht gemacht?“, fragte ein ebenfalls staunender Staatsanwalt und erinnerte den Angeklagten an die Mindeststrafe von fünf Jahren für eine besonders schwere räuberische Erpressung. 

Letztlich waren die Schulden nur ein Symptom für ein tieferliegendes Problem: Mit geliehenem Geld hatte er seinen Cannabis-Konsum finanziert. Nach der Rückzahlung der 400 Euro fuhr er kurz nach der Tat mit seinem Privatgläubiger von Schalksmühle nach Lüdenscheid, kaufte für die restlichen 105 Euro aus der Beute Marihuana und meldete sich am Abend des Tattages bei der Polizei, weil sein Vater ihm von den Ermittlungen gegen ihn berichtet hatte.

Messer an den Hals gehalten

„Offen und ehrlich, aber sehr spät“, nannte der Staatsanwalt das Geständnis in seinem Plädoyer. Aufgrund dessen war er geneigt, dem Angeklagten zu glauben, dass er der Kassiererin eigentlich die stumpfe Seite des Messers an den Hals halten wollte. Das änderte am beantragten Strafmaß von sieben Jahren Haft nicht viel, machte aber aus der gefährlichen Körperverletzung eine fahrlässige. 

Mit dem Verteidiger war sich der Staatsanwalt einig, dass der 22-Jährige in eine Entziehungsanstalt eingewiesen werden solle: Die Tat stehe in engem Zusammenhang mit dessen Drogensucht. Wegen der Länge der zu erwartenden Strafe müsste der Angeklagte aber vor seiner Therapie zweieinhalb Jahre im Gefängnis absitzen.

Der Verteidiger wies auf die schwierige prozessuale Lage seines Mandanten hin, der aufgrund der anfänglichen Beweislage durchaus Grund gehabt habe, zu glauben, dass er ungeschoren davonkommen könne. „Es gab eine gewisse Chance für eine erfolgreiche Verteidigung.“ 

"Alles oder nichts"

Auf der Basis der Devise „alles oder nichts“ habe dann die Verteidigung das letztlich entscheidende Fasergutachten in Auftrag gegeben, das den Angeklagten überführte. Bei einer klareren Beweislage hätte es auch schon zu Beginn ein Geständnis geben können, erklärte der Verteidiger und beantragte eine Haftstrafe von fünf Jahren und neun Monaten. Das Urteil soll am Freitag verkündet werden.

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