Teamarbeit in der Landwirtschaft

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Ein echter Familienbetrieb: Ralf, Kilian und Jannika Brinkmann arbeiten zusammen auf dem Hof.

Meinerzhagen - 200 Milchkühe und 120 Jungrinder: Das bedeutet jede Menge Arbeit. Die beginnt auf dem Hof der Familie Brinkmann schon um 5.30 Uhr am Morgen, Feierabend ist meistens gegen 18.30 Uhr.

Füttern, Kälber versorgen, Feldarbeit und verschiedenste Aufgaben im Büro stehen auf dem Programm, zweimal am Tag müssen die Kühe gemolken werden. Trotzdem hat Ralf Brinkmann regelmäßig freie Wochenenden und kann auch mal einen längeren Urlaub planen. Die Kooperation mit einem anderen Betrieb macht das möglich. Seit einigen Jahren arbeiten die Familien Brinkmann und Turck in einer GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) zusammen. Ralf Brinkmann hat sie 2006 zusammen mit Friedhelm Turck gegründet, inzwischen hat dessen Sohn Matthias den Hof und damit auch die GbR-Anteile übernommen. „Wir sind immer noch zwei reine Familienbetriebe, aber wir können die Aufgaben günstiger verteilen“, erklärt Ralf Brinkmann. Früher lebten auf beiden Höfen Milchkühe, ihre Kälber und Jungrinder. Jede Familie kümmerte sich um ihre Tiere und musste morgens früh raus, um zu melken. Mit der GbR-Gründung entschieden sich die Landwirte für eine ganz neue Struktur: Alle Milchkühe stehen seitdem in Brinkmanns Stall in Niederhengstenberg, Matthias Turck zieht auf seinem Hof in Oberworbscheid die Jungrinder auf. Zweimal pro Woche hilft er in Niederhengstenberg beim Melken, gemeinsam mit Ralf Brinkmanns Sohn Kilian bewirtschaftet er außerdem das Grünland und die Ackerflächen, auf denen Futter für die Tiere angebaut wird. Um die neugeborenen Kälber und ihre Mütter kümmert sich Kilians Schwester Jannika.

Eine effiziente und lohnende Arbeitsteilung, findet Kilian Brinkmann: „Wir verdienen durch die GbR zwar nicht unbedingt mehr Geld, aber wir haben mehr Freizeit und damit natürlich auch mehr Lebensqualität“, sagt der 26-Jährige, der den Hof seines Vaters eines Tages übernehmen möchte. „Wir teilen zum Beispiel die Wochenenddienste so ein, dass jeder nur an jedem zweiten Wochenende dran ist. Das ist ein großer Gewinn.“ Aber auch wenn die Arbeit clever verteilt ist – das Pensum bleibt hoch. Morgens und abends werden die 200 Milchkühe gemolken, das dauert jeweils zwei bis drei Stunden. Dazwischen ist im Stall ebenfalls viel zu tun: Kälber werden geboren und müssen versorgt werden, und auch die Kühe brauchen nach einer anstrengenden Geburt mehr Pflege und Aufmerksamkeit als sonst. Regelmäßig müssen die Landwirte den Milchkühen die Klauen schneiden, und wie Menschen können auch Tiere ab und zu krank werden. „Wir haben immer ein Auge darauf, ob es allen Kühen gut geht“, sagt Kilian Brinkmann. Typische Anzeichen für eine Erkrankung fallen ihm und seinem Vater sofort auf: Lässt eine Kuh die Ohren hängen oder sehen die Augen eingefallen aus, schauen sie genauer hin und rufen bei Bedarf den Tierarzt. Wenn der Arzt einem Tier Medikamente verordnet, dokumentieren die Landwirte das ganz genau: In welchem Zeitraum und in welcher Dosierung wurde welches Mittel verabreicht? Nach jeder Behandlung gelten strenge Wartezeiten, bevor die Milch wieder an die Molkerei geliefert oder ein Tier geschlachtet werden darf. Überhaupt verbringen Ralf und Kilian Brinkmann nicht nur viel Zeit im Stall, sondern auch im Büro. Der Verwaltungsaufwand ist hoch: Auch andere Arbeitsabläufe müssen sorgfältig dokumentiert oder vorab geplant werden, die Landwirte erstellen zum Beispiel Düngepläne für ihre Flächen oder beantragen Prämien.

Kilian Brinkmann hat sich deshalb entschieden, sich nach seiner Ausbildung noch zum Staatlich geprüften Agrarbetriebswirt fortzubilden. Zwei Jahre lang hat er dafür die Fachschule für Agrarwirtschaft in Meschede besucht. Das war gut investierte Zeit, sagt er: „Betriebswirtschaftlich zu denken, ist heutzutage ein Muss. Wenn wir anbauen oder neue Maschinen kaufen möchten, müssen wir schließlich ganz genau durchrechnen, ob sich das lohnt.“ Ob die Arbeit auf dem Hof in Zukunft wirtschaftlich bleibe, hänge aber nicht nur von ihrer eigenen Planung ab: „Die Landwirtschaft ist an einem Scheideweg“, ist Ralf Brinkmann überzeugt. „Die Auflagen, nach denen wir uns richten müssen, werden immer strenger. Irgendwann werden wir vor der Frage stehen: Können wir überhaupt noch unternehmerisch arbeiten und preislich mit dem Weltmarkt mithalten? Oder sollen wir stattdessen subventionierte Landschaftspflege betreiben und nur noch dafür sorgen, dass die Natur sich die Flächen nicht zurückholt und alles zuwächst? Die Lebensmittel müssten dann aus anderen Ländern importiert werden.“

Auch sein Sohn ist sicher, dass der Landwirtschaft „drastische Veränderungen“ bevorstehen. „Ich wünsche mir eine gesellschaftliche und politische Diskussion darüber, wohin es gehen soll“, sagt er. „Das höre ich übrigens auch von vielen anderen jungen Landwirten: Wir brauchen eine Richtung, und die müssen alle gemeinsam festlegen.“

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