Kyrill: 108 Einsätze, 780 Stunden Arbeit in Lebensgefahr

So sah es nach dem Orkan auf der B 54 hinter Neuenhaus aus – die Durchfahrt war versperrt. - Archivfoto: Schüller

Meinerzhagen - 108 Einsätze, 780 Arbeitsstunden. Die Statistik der Meinerzhagener Feuerwehr im Zusammenhang mit Orkan Kyrill, der heute genau vor zehn Jahren auch über die Volmestadt fegte, liest sich – mit Abstand betrachtet – nüchtern.

Dass die Wehrmänner und -frauen vor einem Jahrzehnt dabei manchmal ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, darüber sagen die Zahlen nichts aus. Stadtbrandinspektor Thomas Decker bringt es auf den Punkt: „Waldarbeiter sind damals aus dem Wald hinaus gelaufen – wir manchmal hinein.“

Noch heute atmen der damalige Stadtbrandinspektor Herbert Zelinski und sein ehemaliger Stellvertreter Achim Hager erleichtert auf. Ihr wichtigstes Kyrill-Fazit fällt eindeutig aus: „Gott sei Dank ist von uns niemandem etwas passiert.“ Und das war nicht selbstverständlich. Denn die beiden einstigen Feuerwehr-Chefs erinnern sich noch an Einsätze wie diesen: Um 18.34 Uhr, der Orkan hatte inzwischen seine volle Stärke erreicht, krachte es vor und hinter einem Auto, das auf der Ebbestraße unterwegs war. Der Wagen wurde von umgestürzten Bäumen regelrecht eingekeilt. „Die Insassen wollten trotz der weiterhin bestehenden Gefahr durch umstürzende Bäume ihr Fahrzeug zuerst nicht verlassen. Mit gutem und energischen Zureden haben wir es dann aber doch noch geschafft, sie zu überzeugen“, berichten Zelinski und Hager.

Kyrill im Volmetal - Rückblick auf den Sturm im Jahr 2007

Die Katastrophennacht vom 18. auf den 19. Januar 2007 hat sich tief ins Gedächtnis der beiden Feuerwehrmänner in damals verantwortlicher Position eingebrannt. Herbert Zelinski beispielsweise erinnert sich noch genau an sein erstes Kyrill-Erlebnis: „Es war gegen 16 Uhr, ich hatte gerade Feierabend, als mein Meldeempfänger Alarm schlug. Ein Baum war umgekippt. Er hatte das Haus meines Schwagers am Eseloher Weg getroffen.“ Achim Hager weiß sogar von einem noch früheren Einsatz – es war der erste an diesem Tag: „Baum auf Straße bei Fürwigge“, hieß es bereits um 14.27 Uhr.

Was folgte, war auch für hartgesottene Einsatzkräfte außergewöhnlich. 41 Jahre lang war der inzwischen in die Alters- und Ehrenabteilung gewechselte Herbert Zelinski im Feuerwehrdienst. „Aber so etwas wie Kyrill hat es in dieser Zeit nie gegeben – weder vor- noch nachher.“

Kyrill forderte von allen Rettungskräften aber auch Improvisationsgeschick. Beispielsweise als der Funkverkehr bei der Feuerwehr in der „heißen Phase“ für etwa eine Stunde zusammenbrach. Achim Hager: „In dieser Situation haben wir teilweise Faxe geschickt und natürlich unsere privaten Handys benutzt.“

Schnell wurde am 18. Januar 2007 deutlich, dass in Meinerzhagen jede helfende Hand gebraucht wurde. „Im Schichtdienst waren wir mit allem im Einsatz, was verfügbar war. Und das betraf sowohl unsere Kameraden als auch die Fahrzeuge“, erinnert sich Herbert Zelinski, der damals Verantwortung für etwa 120 Feuerwehrleute übernahm. In der kritischsten Phase waren bei Kyrill alle Feuerwehrgerätehäuser besetzt. Zelinski koordinierte die Einsätze vom Gerätehaus in Haustadt aus, Hager hatte sich am Florianweg einquartiert. Thomas Decker, heute Chef der heimischen Feuerwehr, war damals Zugführer in Valbert. Er war im Gerätehaus an der Ihnestraße anzutreffen.

Einen „Trumpf“ hatten die Führungskräfte der Meinerzhagener Wehr, den sie sowohl am 18. Januar als auch in den arbeitsreichen Tagen unmittelbar nach dem Orkan ausspielten: Alle Wehrleute verfügen über eine gute Ausbildung, wissen was sie tun. Das gilt auch für die Männer mit den Motorsägen, denen eine besondere Rolle zukam: „Wir haben viele Handwerker unter unseren Kameraden, auch erfahrene Landwirte, die mit Sägen umgehen können. Und sogar zwei Forstbetriebsmeister“, berichtet Herbert Zelinski. Beim Zersägen der teilweise unter Spannung stehenden Stämme – die eine besondere Gefahr darstellten – war dieses Fachpersonal unverzichtbar.

Die Aufräumarbeiten nach Kyrill dauerten Monate. Waldbetretungsverbote, gesperrte Straßen – all das waren Nachwehen des Orkans. Wie gefährlich die Lage in den heimischen Wäldern war, verdeutlicht ein Feuerwehreinsatz am 5. Februar 2007, lange nach der Katastrophennacht: Laut Einsatzbericht wurde ein Waldarbeiter beim Zersägen eines unter Spannung stehenden Stammes im Bereich Jühberg zwischen Grünenbecke und Neuebrücke so unglücklich getroffen, dass er sich mehrere Brüche zuzog. Männer des Löschzuges 1 holten ihn mit einer Trage aus dem Wald und übergaben ihn an den Rettungsdienst.

Thomas Decker sieht sich und die Meinerzhagener Wehr heute, zehn Jahre nach Kyrill, jedenfalls gut gerüstet für künftige Einsätze, auch wenn der Faktor „Glück“ bei einem solchen Ereignis sicherlich immer eine Rolle spiele. „Die Autos sind stets vollgetankt, die Sägen geschärft.“

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