Zäher Neustart nach Brandkatastrophe

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Senorin Gerda Rolle mit ihrem treuen Hund Bobby vor dem Eingang zu ihrem bereits zum zweiten Mal durch einen Brand zerstörten Zuhause. Ein Wohnwagen dient tagsüber als Unterkunft. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Diesen Samstagabend werden die acht Bewohner des ländlichen Mehrfamilienhauses in der abgeschiedenen Ortslage Neuhohlinden oberhalb des Wiebelsaattals nicht vergessen. Bei einem Großbrand wurde am 5. März das vom Ursprung aus dem Jahr 1890 stammende Gebäude nahezu völlig zerstört.

Drei Familien verloren ihre Bleibe, standen über Nacht mit nichts als dem was sie am Leibe trugen und einigen wenigen geretteten Habseligkeiten vor einer existenziellen Notsituation. Gut fünf Monate nach der Brandkatastrophe hat sich ihr Leben zwar einigermaßen normalisiert. Aber der erhoffte Neuaufbau des gemeinsamen Zuhauses lässt auf sich warten.

„Das ist zurzeit mein Vier-Sterne-Hotel“, zeigt die 75-jährige Seniorin der Familie, Gerda Rolle, auf den gleich neben dem Hauseingang platzierten Wohnwagen. Hier hält sie sich tagsüber auf, um nach dem Rechten zu schauen und weiterhin Anteil zu nehmen am Geschehen auf dem benachbarten, von ihrer Tochter Sabine (50) und deren Lebensgefährten Peter Jestrup (60) betriebenen Reiterhof. Ihr schwarzer Mischlingshund Bobby, der aus dem Tierheim Dornbusch nach Neuhohlinden kam, achtet wachsam auf alles, was sich rund um das Gebäude tut.

Das vollständig ausgebrannte Dachgeschoss des lang gestreckten Bauernhauses mit zum Teil noch alten Lehmdecken und -wänden ist mit grünen Planen abgedeckt. Darunter sieht es nur auf den ersten Blick von außen so aus, als könnten hier vielleicht doch noch Menschen leben. Drinnen bietet sich ein Bild heilloser Verwüstung. Und auch in den Räumen, die vom Feuer nicht direkt betroffen waren – so auch die Wohnräume von Gerda Rolle – zeigen sich die Einwirkungen des Löschwassers. Alles ist feucht. Überall schimmelt es.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Leben noch einmal so etwas mitmachen muss“, erzählt Gerd Rolle. Schon einmal, 1968, hatte es auf dem Hof in Neuhohlinden gebrannt und man musste danach neu anfangen. Auch diesmal kommt kein Gedanke ans Aufgeben auf. „Bekannte haben mich zwar gefragt, ob ich nicht besser das Geld von der Versicherung nehmen und in eine altengerechte Wohnung ziehen sollte. Doch das kommt überhaupt nicht in Frage. Das ist mein Zuhause und das meiner Kinder und Enkel, die hier eine Zukunft haben sollen“, gibt sie sich entschlossen zum abermaligen Wiederaufbau.

Schwiegersohn Rainer Kirchner (59), der sich kurz nach dem Brand hoffnungsfroh zeigte, dass man schon bald würde starten können, ist mittlerweile einigermaßen ernüchtert. „Obwohl das Gebäude ausreichend versichert ist, gibt‘s da doch noch etliche Probleme“, berichtet er. Und er ist froh, dass er schon frühzeitig auf den Rat von Freunden gehört und einen versierten Fachanwalt zur Unterstützung und Wahrnehmung der Interessen der Betroffenen eingeschaltet hat. Die Auseinandersetzung mit der Versicherung nämlich gestaltet sich gelinde gesagt „zäh“.

Knackpunkt und letztlich entscheidende Frage ist: Vollständiger Neubau nach dem Abbruch der Brandruine – oder womöglich Wiederherstellung der Gebäudesubstanz unter Nutzung noch vorhandener Elemente? Darüber gibt es momentan einen gutachterlichen Streit, der gerade in die zweite Runde geht. Familie Rolle/Kirchner lassen jetzt das Gutachten der Versicherung sachverständig prüfen, das in deutlichem Widerspruch zu den Aussagen des von ihnen selbst in Auftrag gegebenen Gutachtens eines Bausachverständigen steht.

Gemeinsam mit dem Meinerzhagener Architekten Achim Hager hat man bereits genehmigungsreife Pläne für einen Neubau ausgearbeitet. Die behördliche Genehmigung für den Abriss der alten Gebäudesubstanz liegt vor. Doch ohne das Einverständnis der Versicherung kommt man nicht weiter.

Immerhin ist die Frage der Unterbringung bis zur Bezugsfertigkeit des neuen Zuhauses geklärt. Die Versicherung übernimmt hierfür bis zu einer Dauer von 24 Monaten die Kosten. Gerda Rolle ist bei weitläufigen Verwandten in Schürfelde untergekommen. Sabine Rolle und Lebensgefährte Peter Jestrap mit Sohn Dennis (20) konnten in eine freie Ferienwohnung im nahe gelegenen Wiebelsaat einziehen. Die jüngere Rolle-Tochter Beate (45) mit Ehemann Rainer und den beiden Töchtern Alea (12) und Fiona (7) haben nach kurzen Stippvisiten in einer Pension und einer Ferienwohnung vorübergehend ein leer stehendes Wohnhaus ebenfalls in Wiebelsaat anmieten können.

Auch dank der großen Unterstützung und zahlreicher Sach- und Geldspenden konnte man sich in der Zwischenzeit wieder all das beschaffen, was zum täglichen Leben nötig ist. Das eine oder andere Brauchbare hat man sogar noch aus dem Brandhaus retten können. Darunter auch die komplette Musik-Sammlung von rund 1000 Langspielplatten und 800 CD von Rainer Kirchner, die für ihn vor allem einen hohen ideellen Wert darstellt. Die Sammlung widerstand in zwei über einhundert Jahre alten Eichenschränken den Flammen. „Das ist fast ein Wunder, denn von außen war alles schwarz verkohlt“, beschreibt Rainer Kirchner seinen überraschenden Fund.

Für die erfahrene große Anteilnahme und Unterstützung ist man sehr dankbar. Rainer Kirchner: „Das war schon überwältigend für uns alle und eine große Hilfe vor allem in den ersten Tagen und Wochen. Jetzt sind wir froh, dass unser Leben wieder einigermaßen normal läuft. Aber unser großer Wunsch und erklärtes Ziel bleibt natürlich weiter, so schnell wie möglich wieder ein gemeinsames Zuhause in Neuhohlinden beziehen zu können.“ Und so hofft man vor allem auch darauf, dass es jetzt baldmöglichst zur einer Einigung mit der Versicherung kommt und endlich der Startschuss für den Wiederaufbau fallen kann. ▪ -fe

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