Große Unfallgefahr

Wildschweine vermehren sich explosionsartig

MEINERZHAGEN ▪ Sie leben wie im Paradies, haben keine natürlichen Feinde und sind Meister im Verstecken. Und wenn sie freiwillig aus ihrem „Paradies“ kommen, dann werden sie oft zur Gefahr für den Straßenverkehr: Wildschweine.

Das Unfallrisiko für Autofahrer steigt durch stetiges Wachstum der Wildschweinpopulation. Experten prophezeien, dass es auf Grund des milden Winters dieses Jahr noch mehr Wildschweine als ohnehin schon geben wird.

Eine genaue Anzahl der in Deutschland existierenden Wildschweine kann nicht genannt werden, da sie sehr zurückgezogen leben und es somit kaum möglich ist, sie zu zählen. Wie viele Tiere jedoch getötet wurden, darüber gibt es recht genaue Zahlen. Mehr als 58 500 Wildschweine wurden im vergangenen Jahr von Jägern in Deutschland erlegt. Die hohen Abschusszahlen bestätigen die rasante Vermehrung des Wildes.

Der stellvertretende Hegeringsleiter Klaus Kermes bestätigt die enorme Vermehrung des Schwarzwildes und führt diese auf die milden Winter und trockenen Frühjahre zurück. Er spricht von einer 300-prozentigen Vermehrungsrate innerhalb kurzer Zeit. Ebenso bemerkte Kreisveterinär Dr. Jobst Trappe eine größere Anzahl an Wildschweinen, die er auf die Schweinepest untersuchte. Diese Bestandsexplosion ist vor allem der veränderten Kulturlandschaft zu verdanken. Denn der eigentliche Lebensraum der Tiere beschränkt sich auf Laub- und Mischwälder, aber auf immer größerer Fläche werden Pflanzen angebaut, die den Wildschweinen Versteck und Futter zugleich bieten. Besonders der Maisanbau bedeckt eine enorm große Fläche des Bundesgebiets, da dieser auch zur Energiegewinnung lukrativ ist.

Auch Michaela Diller, BUND-Sprecherin aus Meinerzhagen, sieht das Problem der Vermehrung der Wildschweine im Maisanbau und ein dadurch verursachtes Überangebot an Futter. Angesichts der massiven Population häuft sich auch die Anzahl der Autounfälle mit Wildschweinen.

Nach Schätzungen des Deutschen Jagdschutz-Verbandes kommt es in Deutschland jährlich zu rund 230.000 Wildunfällen. Erst am Dienstagabend kollidierte eine Autofahrerin auf der L 539 bei Hösinghausen mit einer Wildschweinrotte. Dabei wurde ein Wildschwein getötet, mindestens zwei weitere wurden ebenfalls gestreift. Ob sie verletzt wurden ist jedoch nicht bekannt. Mitte November kam es auf der A 4 zwischen Eckenhagen und dem Autobahnkreuz Olpe Süd zu einem schweren Wildunfall mit elf getöteten Wildschweinen. Deshalb ist es ratsam, als Fahrer die Warnschilder ernst zu nehmen und das Tempo zu senken. „Im Notfall laut hupen und das Lenkrad still halten, da ein Ausweichmanöver alles noch schlimmer machen kann“, raten Experten.

Die Lösungsansätze, um der enormen Vermehrungsrate Herr zu werden, unterscheiden sich. Der Jagdschutzverband argumentiert mit verstärkter Jagd, denn wenn Jäger nicht einschreiten, würden die Wildschweine ihren Bestand jedes Jahr verdoppeln oder sogar verdreifachen. Tierschützer hingegen sind davon überzeugt, dass die Nachwuchsschwemme das Verschulden der Jäger selbst sei, da diese den Borstentieren das ganze Jahr Futtermittel zuführen würden.

Einen wissenschaftlich bewiesenen Zusammenhang gibt es allerdings zwischen dem Körpergewicht der Tiere und ihrer Geschlechtsreife, der Grund für die rasante Fortpflanzung des Wildes sei.

Ab etwa 40 bis 50 Kilogramm ist ein Wildschwein fortpflanzungsfähig. Im Winter jedoch verliert das Tier zwischen zehn bis dreißig Prozent seines Gewichts, somit ist der Frischling im nächsten Frühjahr nicht geschlechtsreif. Die Sauen hingegen finden – teils auch dank der Jäger – ganzjährig Futter, nehmen über den Winter kaum ab und sind früher in der Lage Nachwuchs zu bekommen. Ohne die Kontrolle durch Jäger könnten sich die Bestände jedoch unkontrolliert vergrößern, folglich müssen die Wildschweine bejagt werden. Da aber häufig Futter ausgelegt wird, um die Schweine zu locken und zu erlegen, wird die Fortpflanzung dadurch wiederum begünstigt.

Diesen Vorwurf kann Kreisveterinär Dr. Trappe allerdings nicht bestätigen. Trappe im Gespräch mit der MZ: „Durch den intensiven Maisanbau sitzt das Schwarzwild praktisch mehr als ein halbes Jahr im eigenen Futterparadies und entzieht sich damit dem Zugriff der Jäger. Da muss man schon etwas unternehmen, um sie aus der Reserve zu locken.“ Trappe befürwortet deshalb ausdrücklich die sogenannten Kirrungen (Futterstellen zum Anlocken der Schweine). „Es ist ohnehin nur eine Kirrung pro 100 Hektar erlaubt und die ist auch meldepflichtig bei der unteren Jagdbehörde“, so der Kreisveterinär. Es entsteht ein Teufelskreis und der begünstigt die Bestandsexplosion der Wildschweine und die damit verbundene Häufung der Wildunfälle. ▪ simin

Rubriklistenbild: © van de Wall

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