Hunger, Elend und Tod: "Werkstatt" beleuchtet Ersten Weltkrieg

Christian Voswinkel, Vorsitzender des Heimatvereins Meinerzhagen, informierte über die Lebensumstände der Menschen zur Zeit des Ersten Weltkriegs. - Fotos: Schüller

Meinerzhagen - Wurde der erste Weltkrieg zunächst von der Bevölkerung mit Euphorie begrüßt, so ließ er die Menschen auch in Meinerzhagen und Valbert bald die Schrecken von Hunger, Elend und Tod spüren. Wie das Leben der Menschen zwischen 1914 und 1918 aussah, das beschrieb der Vorsitzende des Heimatvereins Christian Voswinkel am Donnerstagabend bei der „Werkstatt Geschichte“, einer Veranstaltungsreihe von Heimatverein und VHS Volmetal.

Von Petra Schüller

Vor dem Krieg, zwischen 1900 und 1913 habe die Wirtschaft in Meinerzhagen einen Aufschwung erlebt, so Voswinkel. Viele Firmengründungen fielen in diese Zeit. Der große Zulauf an Arbeitskräften ließ den Wohnraum im damals noch kleinen Städtchen mit rund 3300 Einwohnern knapp werden. So wurde 1905 eine Baugesellschaft gegründet, die ein Jahr später sechs neue Häuser errichtete. 1913 sollte mit dem Großbrand in Meinerzhagen nicht zum letzten Mal eine düstere Zeit für die Menschen anbrechen. „Als der erste Weltkrieg ausbrach, waren die meisten der durch die Brandkatastrophe zerstörten Häuser gerade wieder aufgebaut“, so der Ortsheimatpfleger. Nach der Mobilmachung am 2. August 1914 fehlten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und in den Betrieben. Die Frauen waren nun besonders gefordert und mussten sich der harten körperlichen Arbeit stellen.

Die englische Seeblockade habe die Wirtschaft zusätzlich belastet, erklärte Voswinkel, der Nachschub wichtiger Rohstoffe sei ausgeblieben. Die Betriebe mussten Waffen und Material für die Front produzieren. Ein Jahr nach Kriegsbeginn seien 90 russische Kriegsgefangene in die Volmestadt gebracht worden, bald darauf auch 60 Franzosen. Sie mussten arbeiten und in der Landwirtschaft helfen. Schon 1915 habe man eine Zwangswirtschaft eingeführt. „Den freien Handel gab es nicht mehr, stattdessen wurden Lebensmittelkarten für Mehl, Milch, Brot oder Fleisch an die Bevölkerung ausgegeben“, erklärte Voswinkel. Die Nahrung wurde zunehmend rar, die Menschen hungerten. Wie die umfangreichen Aufzeichnungen des Valberter Pastors Erich Villbrandt belegen, wurden Valberter Schulkinder aufgefordert, Beeren zu sammeln. Ein Pfund Beeren brachte 30 Pfennig ein. Insgesamt seien in diesen Jahren Beeren im Wert von 20 000 Mark aus Valbert ausgeführt worden.

Neben den Aufzeichnungen des Pastors sorgten zwei weitere Chronisten dafür, dass die Not dieser Zeit nicht in Vergessenheit gerät: Die Chronik des Gemeindevorstehers Wilhelm Hedfeld beschreibt eindringlich die Umstände dieser Zeit. Und auch die Schulchronik der katholischen Schule Meinerzhagen, erstellt von Lehrer Grosche, gibt Einblick in das Leben der Menschen. Wie die alten Schriften belegen, ließ die Kohlennot die Menschen frieren, auch Schuhe waren Mangelware. „Die Jugend behilft sich mit Holzschuhen, im Sommer wird barfuß gelaufen“, heißt es da. Im Winter 1916/17 verschlimmerte eine Kartoffelmissernte die Situation, im ganzen Land herrschte eine Hungersnot. Die Zeit ging als „Steckrübenwinter“ in die Geschichte ein, da diese Kohlart zum wichtigsten Lebensmittel der Bevölkerung wurde. Voswinkel nannte auch Namen und Familienstand vieler Gefallener. „Solche Einzelschicksale helfen dabei, die Schrecken des Krieges zu zeigen“, erklärte er.

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