Besuch auf dem Tannenhof Ottersbach

Besuch auf dem Weihnachtsbaumhof: Von drauß' vom Walde kommt er her

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Wenn Volkmar Ottersbach, Felix Halbe und Tom Köster die frisch gesägten Bäume den Berg hinauf schaffen, ist Muskelkraft gefragt.

Geschmückt ist jeder Baum schön; alles Natur – das mag stimmen. Trotzdem haben wir jedes Jahr Weihnachtsbaumwünsche. Breit und buschig soll unser Baum sein. Weihnachten ist bekanntlich ein Fest mit vielen Traditionen – unser Ritual ist ein Besuch auf dem Weihnachtsbaumhof in Schreibershof-Bruch.

Schreibershof - Wie alle Jahre wieder geht es am dritten Advent auf den Tannenhof der Familie Ottersbach. Premiere in diesem Jahr: der Baum, der bald geschmückt im Wohnzimmer glänzen wird, soll selbst im Wald gesägt werden. Ab dem zweiten Advent können die Christbaumkäufer an den Wochenenden in die Schonung oberhalb des Hofes wandern. Gern lassen sie sich auch von Stefan Ottersbach auf dem Hänger des Treckers hinauf chauffieren. Ein Erlebnis vor allem für Familien – auch für uns. 

Früh am Morgen ist noch nicht viel los auf dem Hof. Dass sich das im Laufe des Tages ändern wird, dessen ist sich Alexandra Ottersbach sicher – der dritte Advent ist Jahr für Jahr das Hauptverkaufswochenende im Dezember. Frische Christbäume gibt es auf dem Hof jedoch bis Heiligabend. „Auch wer am 24. Dezember kommt, wird noch versorgt.“ Dass sich Kunden „in letzter Minute“ auf Baumsuche begeben, sei allerdings nur vereinzelt der Fall.

Auf Frische wird großer Wert gelegt – ein Grund, warum Siegbert, Volkmar und Stefan Ottersbach täglich in der Schonung sind, um für Weihnachtsbaumnachschub und genügend Auswahl auf dem Hof zu sorgen. Seit acht Uhr, erzählt Stefan Ottersbach, der jüngste der drei Brüder, seien sie heute mit dem Abholzen beschäftigt. „Sobald es hell wird, werden die Sägen geschärft und wir legen los.“ Die Kunden werden mit dem Trecker den Berg zur Schonung rauf gefahren, frisch geschlagene Nordmanntannen herunter transportiert. Wir sind bereit für die Baumsuche. Die Männer der Familie sind entschlossen, stapfen zielstrebig gen Tannen und sind bald im Dickicht aus Ästen und Zweigen verschwunden. Dafür kommen Volkmar Ottersbach, Felix Halbe und Tom Köster den Berg hinauf – jeder einen Baum im Schlepptau. Nicht die ersten heute Morgen, die sie aus der Schonung hieven.

Noch sind die Kräfte unverbraucht. „Aber am Abend weiß man, was man getan hat. Die Muckibude kann man sich sparen“, schmunzelt Felix Halbe, der jedes Jahr auf dem Hof der Familie hilft. „Das gehört zum Advent, da wird sich auch nichts anderes vorgenommen.“ Die Tannen sind schwer, doch beim Schnee tags zuvor hätten sie noch mehr Gewicht gehabt, berichtet Volkmar Ottersbach: „Da waren sie gleich fünf Kilo schwerer.“ 

„Der sieht gut aus“, „Nein, der ist noch dichter“, „Die Spitze ist zu lang“: Fachmännische Kommentare sind nach ein paar Minuten zwischen den etwas mehr als mannshohen Tannen zu hören. Wir haben die Qual der Wahl und verlieren zwischendurch kurz den Überblick. Wo stand der schöne breite Baum noch mal? Auch wenn alle Tannen hier zur gleichen Zeit gepflanzt wurden – eine einheitliche Größe haben sie längst nicht. Zwischen den Bäumen mit einem stattlichen Maß von knapp zwei Metern stehen auch kleine Tännchen. „Die wollen einfach nicht. Das ist Natur“, sagen die Baumexperten.

Auf dem Hof beraten Alexandra Ottersbach und ihre Familie die Kunden beim Weihnachtsbaumkauf.

„Ich hab ihn“, ruft der Elfjährige schließlich überzeugt. Und tatsächlich: am Rand, nah an der abgezäunten Nachbarschonung mit den vielen kleinen Tännchen, die in den nächsten acht Jahren zu Weihnachtsbäumen wachsen sollen, steht er in voller Schönheit: groß, breit und buschig – unser Baum. „Der Idealbaum“, bemerkt Volkmar Ottersbach und zeigt auf die dichte Spitze: „Oben dicht bewachsen und nicht so lange Abstände zwischen den Zweigen – das wollen alle haben.“ Damit man dem Geschmack der Kunden gerecht werden könne, werde nachgeholfen. Im Frühjahr, wenn die Nadelbäume wieder beginnen auszutreiben, wird, wenn es den Anschein hat, dass die Spitzen zu lang werden könnten, mit kleinen Kerben im Stamm das Wachstum unterbrochen. Später sind davon nur noch kleine Ritzen im Holz zu entdecken. „Die Kunden stört das nicht und sie haben einen schönen Baum.“

Im Mai werden die Bäume „in Form“ gebracht, indem störende Äste heraus geschnitten werden. „Das verwächst sich.“ Unser zukünftiger Weihnachtsbaum kann auch abgesägt werden. Das heißt: er könnte. „Die Säge ist stumpf“, lautet nach einigen Minuten und noch mehr Schweiß die niederschmetternde Erkenntnis. Volkmar Ottersbach hilft mit der Motorsäge nach. Immerhin: Den Berg hinauf bis zum Feldweg wird das nadelige Schwergewicht mit Manneskraft transportiert. 

Vorbei an einem jungen Paar, das entzückt vor einem ebenfalls formvollendet gewachsenen Exemplar aus Holz steht. „Das ist unser“, steht für Chantal Tetzlacht fest, die schnell das Namensschild an die Tanne steckt. Mit ihren Freund ist sie schon zum dritten Mal aus Recklinghausen zum Weihnachtsbaumhof in Schreibershof gekommen. Früher sei er immer mit den Eltern seines Freundes zum Christbaumkauf ins Sauerland gereist, erzählt Torben Radtke. „Das war damals ein Ritual.“ 

Für uns geht es samt Baum nach einer knappen Stunde, bei der wir auch die Aussicht bis Hunswinkel genießen konnten, wieder hinab ins Tal. Das Wetter ist inzwischen ungemütlich geworden. Feuchter Nieselregen statt leise rieselt der Schnee wie noch tags zuvor. Die Weihnachtsbaumexperten sind mit ihren speziellen Hosen und Jacken auch für Regenwetter gewappnet. Schlimmer als Regen sei starker Frost, berichten sie. Sind die Äste gefroren, können sie beim Abholzen und Abtransportieren leicht brechen.

Wieder auf dem Hof angekommen, hat sich hier das Bild inzwischen geändert. Es herrscht Betrieb, das Team um Alexandra Ottersbach und ihren Schwager Siegbert Ottersbach misst, berät und hört sich die Wünsche der Kunden genau an, um den perfekten Baum für sie zu finden. Dass die Ansprüche hoch sind, weiß Alexandra Ottersbach. Und nicht immer sind sich alle einig. Die meisten Männer würden allerdings den Frauen das letzte Wort bei der Auswahl überlassen. Einmal, erinnert sie sich, sei sogar ein Umtausch vorgenommen worden, um das Weihnachtsfest zu retten. 

Aus Recklinghausen sind Chantal Tetzlacht und Torben Radtke zur Weihnachtsbaumsuche ins Sauerland gereist.

Das Geschäft mit den Weihnachtsbäumen ist Familiensache. Anna und Laura Ottersbach sind damit quasi aufgewachsen: „Wir kennen es nicht anders“, erzählen sie, während wir uns am Feuer mit heißem Kakao und Glühwein aufwärmen. Für sie sei der Advent schon immer eine besondere Zeit gewesen, erinnern sich die Schwestern. Mit Folgen: Bei der Wahl der Bäume seien sie sehr kritisch. Groß, kugelförmig und breit – das sind die Idealmaße. „Früher als Kinder wurden die Weihnachtsbäume, die wir uns schon ausgesucht hatten, manchmal einfach noch verkauft. Wir wurden dann getröstet, dass wir noch einen anderen finden würden“, schmunzelt Laura Ottersbach. 

Dass sie einen Baum finden wird, der ihren Vorstellungen entspricht, darin ist sich auch Sigrid Thielmann sicher, die von Schreibershof bis Bruch nur einen kurzen Weg hat. Etwas schmaler soll der Baum dieses Jahr sein, berichtet sie, „dafür aber wieder rot und silber geschmückt“. Zeit für einen Plausch ist beim Baumkauf immer. Die familiäre Atmosphäre schätzen die Besucher. Und viele verlassen sich auch auf den Geschmack von Alexandra Ottersbach. Für viele Nachbarn und Bekannte wählt sie den Baum der Bäume aus. Eigens dafür gibt es eine Weihnachtsbaumwunschliste. 

Weihnachten ist das Fest der Liebe – eine Besonderheit gab es im vergangenen Jahr: Weil die Dame seines Herzens Weihnachten so sehr liebte, machte ihr Freund ihr während der Baumsuche einen Heiratsantrag.

Dr. Peter Vitt kommt mit einer Enkelin Leonie zum Feuer. Im Arm hat die Fünfjährige dicke Tannenäste. Den Baum wird der Drolshagener erst am nächsten Morgen mit seinem Sohn aussuchen. „Nach alter Väter Sitte“ werde er geschlagen – mit einer sogenannten Knipp. Seit 25 Jahren – solange wohnt er in Drolshagen – komme er zum Weihnachtsbaumhof, sagt Vitt. Heute habe er seiner Enkelin einfach nur zeigen wollen, „wo das Christkind die Weihnachtsbäume holt“.

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