Viele Impfwillige, doch zu wenig Impfstoff

Nach dem Wegfall der Priorisierung: Telefone in Arztpraxen stehen nicht still

Die Priorisierung bei der Impfung fällt weg
+
Die Priorisierung bei der Impfung fällt weg.

Jeder kann, wenn er möchte – theoretisch. Praktisch aber sieht es beim Thema Impfen anders aus: „Es ist kein Impfstoff da“, sagt der Meinerzhagener Mediziner Dr. Holger Reimann. Die Freigabe der Impfreihenfolge sorgt vor allem dafür, dass es in den Arztpraxen vor allem eines mehr als genügend gibt: Impfwünsche.

Meinerzhagen – Die Zahl der Erstimpfungen – sie ist in Reimanns Praxis in dieser Woche mehr als überschaubar: sieben. So vielen – oder besser so wenigen – Impfwilligen kann in dieser Woche in der Praxis Am Alten Teich der Impfstoff des Herstellers Biontech/Pfizer verabreicht werden. „Johnson & Johnson ist noch nicht da“, berichtet der Internist. Der Vektorimpfstoff soll jedoch noch kommen. Falls nicht, bedeutet es für Reimanns Mitarbeiter einmal mehr Patienten anrufen, Termine umplanen. Praxisalltag. „Zwei Arzthelferinnen sind nur mit dem Bereich Impfen beschäftigt.“ Dass Patienten anrufen und nach Impfterminen fragen, sei jedoch mehr als verständlich.

Außer Moderna, der nicht an Hausärzte geliefert werde, sei in seiner Praxis zumindest theoretisch alles zu bekommen. „Praktisch sieht es aber so aus, dass wir eine geringe Anzahl an Erstimpfungen durchführen und hoffen, dass wir mit den Zweitimpfungen durchkommen.“

„Ich glaube es erst, wenn er bei mir im Kühlschrank steht“

Wie viel Impfstoff seine Praxis erhalte, erfahre Reimann am Donnerstag vorher: „Ich glaube es aber erst, wenn er bei mir im Kühlschrank steht.“ Ab der kommenden Woche solle der Impfstoff für Hausarztpraxen sogar noch weiter gekürzt werden.

Und das, obwohl die Corona-Impfungen auf die Hausärzte „abgewälzt“ worden seien: „Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Politik damit auseinandersetzt, dass es mehr Impfstoff gib“, so Reimanns Einschätzung. Dass nun auch Betriebsärzte bei den Impfungen einsteigen, sei gut: „Ich bin dafür. Doch wie soll das funktionieren, wenn kein Impfstoff da ist.“

Seit März seien von Monat zu Monat mehr Impfdosen versprochen worden, „jetzt ist bald Ende Juni und es tut sich nichts.“ Eine kontinuierliche Arbeit, bedauert Reimann, sei so nur schwer möglich.

Spitzentag mit 1000 Anrufen

Die Aufhebung der Impfpriorisierung bleibt auch im Multimedicum nicht ohne Folgen. Nachfragen gab es diesbezüglich schon viel früher. Vor mehr als drei Wochen sei es losgegangen, berichtet der Meinerzhagener Mediziner Claudius Bertram, der im Multimedicum mit drei Kollegen praktiziert. An einem Tag seien sogar 1000 Anrufe registriert worden, die Zahl der Versuche, sie sei wohl dreimal so hoch. „Das hat uns auch sehr beeindruckt.“ Mittlerweile seien zwei weitere Telefonistinnen eingestellt worden: „Wir haben von zwei auf vier aufgestockt.“

Aufstocken, das wäre auch bei der Anzahl der Impfungen wünschenswert. Doch die Impfstoffmengen variieren auch im Multimedicum. Während es sowohl von Astrazeneca als auch Johnson & Johnson ausreichende Reserven gebe, hier daher auch vergleichsweise kurzfristig Impftermine vergeben werden könnten, gibt es für Patienten, die das Vakzin des Herstellers Biontech bevorzugen, Wartelisten: „Hier gibt es tatsächlich einen Engpass und man sollte wöchentlich nachfragen.“ Die verfügbaren Impfdosen würden auch für die Zweitimpfungen benötigt.

Information und Gespräche mit Patienten

Die Verunsicherung nach dem zwischenzeitlichen Astrazeneca-Stopp und die Sorge über seine möglichen Nebenwirkungen – beides hält immer noch an. Claudius Bertram und seine Kollegen setzen daher bei Gesprächen mit ihren Patienten vor allem auf Information. So werde etwa über den sehr seltenen, erblich bedingten Risikofaktor aufgeklärt, der für eine Sinusvenenthrombose verantwortlich sein könne. Viele Sorgen könnten relativiert werden. Dass eine Impfung für viele seiner Patienten Entlastung bedeutet, sie sich dadurch nicht mehr „unfrei“ fühlen, dafür hat der Arzt Verständnis und gibt ein Stimmungsbild: „Ein Patient sagte, ich könne ihm auch Kakao spritzen, wenn das zähle, Hauptsache, er sei geimpft.“ Klar ist für Bertram aber auch: „Es wird niemand zu einem Impfstoff überredet. Wenn jemand Sorge hat, sollte er seinem Gefühl folgen.“ Seit Wochenbeginn können auch Kinder ab zwölf Jahren eine Impfung gegen das Coronavirus erhalten. Eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission gibt es nicht, daher Fragen von Eltern auch im Multimedicum. Bertrams Meinung ist identisch mit der seines Kollegen Holger Reimann: Er habe ein ungutes Gefühl, sagt der Mediziner und hält sich an die Vorgabe der STIKO. Kinder, die jünger als 16 Jahre sind, werden in seiner Praxis nicht geimpft.

Dass die Hausarztpraxen durch die Aufhebung der Priorisierung von impfwilligen Patienten „überrannt“ werden – Claudias Bertram nimmt diesen Umstand mit Gelassenheit. Auch bezogen auf das Impfen betrachtet er seine Arbeit als Verpflichtung gegenüber seinen Patienten: „Es ist unsere Aufgabe.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare