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„Wegballern“ ist nicht mehr im Trend

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Von: Fabian Paffendorf

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Ein Haufen Kokain
Amphetamine, Kokain und andere illegale „Wachmacher“ werden laut den Drogenberatern der Drobs zunehmend von jüngeren Menschen konsumiert.  © Christian Charisius / dpa

Die Anzahl der angezeigten Drogendelikte in Meinerzhagen und Kierspe ist laut der Polizei im Märkischen Kreis rückläufig. Ursächlich dafür sei laut der Drogenberatungsstelle Drobs allerdings auch ein großer Wandel beim Handel mit illegalen Substanzen. Der Drogenhandel habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr ins Internet verlagert.

Meinerzhagen/Kierspe – Die Anzahl der angezeigten Drogendelikte in den Volmestädten Meinerzhagen und Kierspe ist laut Statistik der Polizei im Märkischen Kreis in den vergangenen drei Jahren rückläufig. Das Zahlenwerk, das die Polizei unter Vorbehalt verstanden wissen will, kann allerdings nicht als repräsentativ für die tatsächlichen Aktivitäten der Drogenszenen in den Kommunen angesehen werden, wie Stefan Tertel, Geschäftsführer der Drogenberatung im Märkischen Kreis (Drobs), anmerkt. Ebenso kritisch sollte auch die von der Polizei für 2021 ausgewiesene Zahl von drei toten Kierspern im Zusammenhang mit illegalen Betäubungsmitteln betrachtet werden.

„Das grundlegende Problem bei den Statistiken der Polizei ist, dass hier illegale Drogen gesondert ausgewiesen werden“, sagt Stefan Tertel. Denn aus der langjährigen Erfahrung bei der Arbeit mit den Suchterkrankten wisse man, dass der Konsum der Klienten stets polyvalent wäre. „Die Konsumenten, die ausschließlich illegale Drogen nehmen, gibt es nicht. Bei vielen gilt Alkohol als ‘Schmiermittel’“, sagt Tertel. Zu beachten wäre zudem, dass sich beim Handel von illegalen Betäubungsmitteln in den vergangenen Jahren viele Veränderungen eingestellt hätten.

Wie Drogenberater Bernd Weißflog, der im Kiersper Rathaus die Außensprechstunden für die Volmestädte leitet, weiß, gebe es eben nicht mehr nur feste Umschlagplätze, an denen sich Dealer und Konsumenten treffen würden. „Sicherlich gibt es in den Städten weiterhin bestimmte, einzelne Plätze, die signifikant höher frequentiert werden, was den Handel angeht. Ein Großteil des Handels findet aber heutzutage übers Internet statt“, erklärt Weißflog. Drogenkonsumenten würden den Stoff bequem per Klick bestellen, die Ware würde dann durch Kuriere oder gar per Post an eine Packstation geliefert. Natürlich gebe es daneben noch jene, die regelmäßig die Betäubungsmittel bei Kurztrips ins benachbarte Ausland in größeren Mengen einkauften und dann wieder zu Hause mehrere Konsumenten versorgen würden. Gemessen an den Einwohnerzahlen der Städte im Märkischen Kreis würden Konsum und Drogendelikte in allen Städten gleichsam hoch sein, sagt Stefan Tertel: „Kierspe oder Meinerzhagen stehen im Verhältnis in Sachen Drogenproblematik auf demselben Level wie Lüdenscheid, Iserlohn, Halver und andere Kreiskommunen“, erklärt Tertel.

Was im Vergleich der Konsumentenstruktur auffalle, sei laut Stefan Tertel, dass man es heutzutage mit Klienten zu tun hätte, bei denen der Griff zur jeweiligen Droge auch eine Frage des Alters sei. „Harte Drogen, die den Konsumenten regelrecht ,wegballern’ wie zum Beispiel Heroin sind bei Jüngeren kein Thema. Sie wollen am Leben mit anderen teilhaben, leistungsfähiger sein, greifen eher zu Amphetaminen, Kokain. Zum Runterkommen wird Cannabis konsumiert, Alkohol getrunken. Sie wollen keine Junkies sein, begreifen sich anders“, erläutert Tertel. Laut Bernd Weißflog spielten bei der Wahl der Drogen auch andere Faktoren wie etwa Online-Gaming eine Rolle: „Leute, die drei Tage und Nächte am Stück mit anderen zocken wollen, die konsumieren nebenher Speed oder anderes.“ Das Suchtverhalten wäre da fließend in seinen Übergängen. Smartphone-, Internet- und Gaming-Suchtverhalten gingen einher mit dem Missbrauch legaler und illegaler Substanzen.

Kiffen wird in völlig unbeschwerter Art propagiert

Bei den Drogen der Wahl orientierten sich junge Menschen mitunter an populärkultureller Sozialisation. Nachvollziehbar werde dies etwa bei der Hip-Hop-Jugendkultur. „Illegale Substanzen, über deren Konsum das Vorbild rappt, werden eher in Erwägung gezogen, wenn Jugendliche zu Drogen greifen“, weiß Weißflog. Wenn in unbeschwerter Art und Weise das Kiffen propagiert werde und in den Medien Themen wie die geplante Freigabe von Cannabis durch die Ampel-Koalition geisterten, dann bestehe laut Stefan Tertel mitunter die Gefahr, dass sich unter jungen Menschen die irrige Annahme schon verbreitet hätte, dass Kiffen längst erlaubt und gesellschaftlich akzeptiert sei. Vonseiten der Drobs fordere man gleichwohl, mit einer von der Politik vorgeschlagenen „kontrollierten Cannabis-Abgabe“, eine Aufstockung der Präventionsangebote. Die Steuermehreinnahmen sollten in dem Fall der Arbeit der Drogenberatungen zugutekommen. „Zu den Antworten, die die Politik uns in der Sache noch schuldig ist, gehört auch die, in welchen Mengen die Abgaben überhaupt vorgesehen sein sollen“, fügt Stefan Tertel hinzu.

Zu den hochaktuellen Themen, die der Drogenberatung derzeit auch einiges an Kopfweh bereiten, gehört eine besorgniserregende Entwicklung unter den Langzeitkonsumenten im Märkischen Kreis: Immer mehr Suchterkrankte im Kreis rutschen in die Obdachlosigkeit ab. „Wir beobachten hier eine Entwicklung, wie wir sie aus Großstädten wie Dortmund oder Köln schon länger kennen“, sagt Tertel. Entgegenwirken will die Drogenberatung dem Problem mit neuen Angeboten wie dem Projekt „WoSu MK“, das im vergangenen Jahr startete. Um betroffenen Suchterkrankten ein Dach über dem Kopf zu geben, sei neben einer intensiven Betreuung der Klienten ein starkes Netzwerk an Kooperationspartnern notwendig, so der Geschäftsführer der Drogenberatung. Neben Kooperationen auf regionaler Ebene brauchte es ebenfalls Sponsoren, Unterstützer aus lokaler Politik und möglicherweise private Immobilienbesitzer, die helfen könnten, um den Wohnraum für Klienten der Beratungsstelle zu ermöglichen. „Natürlich ist ein Suchterkrankter mit einer Wohnung nicht sofort wieder clean, aber allein die Tatsache, dass es sich um Menschen handelt, die das Hilfsangebot annehmen, sollte ein positives Signal sein“, sagt Stefan Tertel.

Im Gegensatz zu den Großstädten sei im Märkischen Kreis Wohnraum vorhanden, um die Projektarbeit umsetzbar zu machen. Auf der anderen Seite wünsche die Drobs sich, dass es vonseiten der Politik mehr Möglichkeiten gibt, eine Angebotsinfrastruktur im Märkischen Kreis zu realisieren, so wie sie in den größeren NRW-Städten längst installiert und etabliert sei. Neben Substitutionsangeboten wie zum Beispiel Methadonausgabestellen müssten ebenfalls dezentrale Konsumräume im ländlicheren Bereich geschaffen werden. Diese Angebote würden nicht nur den Klienten helfen, sondern es zudem auch ermöglichen, eine Szene transparenter zu machen, die im Kreis wenig öffentliche Präsenz zeigt, aber dennoch da ist.

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