Im Raum stehen mehr als 500 Missbrauchstaten

Die 1. Strafkammer des Landgerichts Hagen verhandelt gegen den 53-jährigen Meinerzhagener.

MEINERZHAGEN - Ein 53-jähriger Familienvater muss sich vor der 1. Strafkammer des Landgerichts Hagen verantworten. Er soll seine Stieftochter in Meinerzhagen über Jahre hinweg sexuell missbraucht haben. Die Taten sollen begonnen haben, als das Kind elf Jahre alt war. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe.

Von Thomas Krumm

Keinen Anlass, an den Angaben der beiden Hauptbelastungszeuginnen zu zweifeln, sieht die Psychologin Cornelia Orth, die ein umfangreiches Glaubwürdigkeitsgutachten zu den Aussagen der beiden Stieftöchter des Angeklagten vortrug. Dabei wurde erneut deutlich, dass die ältere der beiden Schwestern einen weitergehenden Missbrauch durch ihren unmittelbaren Widerstand dauerhaft verhinderte: So soll der Stiefvater ihr bei einem von drei Vorfällen in die Hose gefasst haben, worauf sie ankündigte „laut zu schreien und es jedem zu sagen, wenn er weitermache“.

So berichtete die Gutachterin den Vorfall, der auch ihr in den Gesprächen erzählt wurde. Auch weil die Zeugin lediglich von „Handlungen am unteren Rand“ eines sexuellen Missbrauchs berichtete, sah die Psychologin keinen Anlass, an den Angaben zu zweifeln. Trotz ihres Hasses habe die Zeugin in den Vernehmungen die Handlungen ihres Stiefvaters nicht dramatisiert.

Anders war die Situation gegenüber ihrer missbrauchten Schwester: Um diese aus der Reserve zu locken und den jahrelangen Missbrauch aufzudecken, erzählte sie ihr von einer angeblichen „Vergewaltigung“ durch ihren Stiefvater. „In ihren Aussagen ist sie wieder zum realistischen Kern der Geschehnisse zurückgekehrt“, urteilte die Expertin. Auch Hinweise auf eine komplottartige Verabredung der beiden Schwestern gegen den verhassten Stiefvater fand die Gutachterin nicht. „Es gab sehr individuelle Schilderungen der beiden Schwestern.“

Erschreckende Worte fand das mutmaßliche Hauptopfer in den Gesprächen mit der Psychologin für seine unerträgliche Situation: „Zeiten ohne Emotionen“ habe sie damals erlebt, die Kindheit sei ihr gestohlen worden. „Ich hatte meinen Körper verlassen.“

Erschreckend war die von ihr geschätzte Anzahl der Übergriffe. Demnach sei sie dreieinhalb Jahre lang etwa jeden zweiten Tag missbraucht worden. Das ergäbe eine Zahl weit jenseits von 500 Missbrauchstaten. In einer Vernehmung äußerte das Opfer: „Das war immer und in jeder Situation ekelhaft.“

Als sehr ernstzunehmendes Indiz für die Glaubwürdigkeit der Zeugin wertete die Gutachterin die Art und Weise, wie die mittlerweile junge Frau die Ereignisse schilderte: „Es gab keine Schuldzuweisungen.“ Im Gegenteil habe sie Schuldgefühle wegen ihrer eigenen duldsamen Beteiligung an den Übergriffen geäußert. „Sie hat keinen Wunsch nach einer Bestrafung des Angeklagten, sie will nur ihre Ruhe haben.“

Variationen der Schilderungen in den unterschiedlichen Vernehmungen erklärte die Psychologin mit dem Bemühen der Zeugin, das Ganze im Interesse ihrer jüngeren Schwestern geheim zu halten: „Sie hatte nie die Motivation, sich für eine Aussage alles zu merken. Sie wollte nie aussagen, alles vergessen, alles hinter sich lassen.“

Für den Angeklagten und seine beiden Anwälte Lars Barnewitz und Christian Spies wurde nach dem Gutachten die prozessuale Situation noch schwieriger, der Ton zwischen ihnen und der Staatsanwältin deutlich rauer.

Die Verteidiger trugen diverse Fragen vor, die das Gutachten ihrer Meinung nach hätte beantworten müssen. „Sie hören nicht zu“, rügte die Staatsanwältin. Die Anwälte kündigten an, möglicherweise ein weiteres Glaubwürdigkeitsgutachten zu beantragen. In diesem Fall würde der Prozess nicht wie vorgesehen am 6. Januar, sondern erst später enden.

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