„Maloche“ und „Ganove“ sind nur Anleihen

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Bürgermeister Erhard Pierlings überreichte gemeinsam mit Ira Zezulak-Hölzer (links) Blumen. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Die Stimme, die rund 40 Besucher des Vortrags „Jiddisch im Alltag“ am Donnerstagabend als Bandaufnahme vernahmen, ließ wohl niemanden unberührt.

Der Interviewte sprach den vertrauten Sauerländer Dialekt. Er erzählte, dass seine Heimatstadt, in der er gelebt hatte, etwa vier- bis fünftausend Einwohner hatte. Etwa 50 von ihnen seien Juden gewesen. Seine Heimatstadt war bis 1938 Meinerzhagen.

Die Geschichte des jüdischen Viehhändlers Julius Fischbach war den Besuchern noch sehr präsent. Erst zwei Tage zuvor hatte ein Artikel von Stadtarchivarin Ira Zezulak-Hölzer in der MZ Leben und Flucht der Familie Fischbach vor dem nationalsozialistischen Terror noch einmal sehr lebendig werden lassen. Am Donnerstagabend waren Ausschnitte des Interviews mit dem gebürtigen Meinerzhagener Teil des Vortrags „Jiddisch im Alltag“. Als Veranstalter hatten das Stadtarchiv Meinerzhagen gemeinsam mit dem Heimatverein und der Geschichtswerkstatt der VHS Volmetal eingeladen.

An diesem Abend ging es jedoch nicht um die Schicksale jüdischer Familien, sondern um ein Forschungsprojekt, das die Verbreitung der Jiddischen Sprache und Kultur und ihre regionale Ausprägung in Europa vor der NS-Zeit dokumentiert. Vorgestellt wurde das Projekt „Eydes“. Der Begriff steht im Jiddischen für „Zeugnis“. Hierbei handelt es sich um einen Sprach- und Kulturatlas. Die Idee hierzu entwickelte der Sprachwissenschaftler Max Weinreich, dessen Sohn Uriel Weinreich den Traum des Vaters nach dessen frühem Tod fortführte.

Ab 1952 wurden Interviews mit jüdischen Bürgern aus ganz Europa geführt, in denen sie zu jiddischen Ausdrücken in ihrer Sprache und zu örtlichen Gepflogenheiten befragt wurden. So entstanden insgesamt 5000 Stunden Tonmaterial. In den 1960er Jahren beteiligte sich auch Julius Fischbach an dem Forschungsprojekt der Columbia University in New York.

Gebannt hörten die Besucher zu, wie er dem Interviewer erzählte, welche Jiddischen Ausdrücke er von seinen Eltern für ganz alltägliche Dinge, für den Viehhandel oder religiöse Themen übernommen hatte. Da klang manches doch sehr vertraut: So kannte auch Fischbach das hebräischstämmige Wort „betúch“ als jiddischen Ausdruck für eine reiche Frau. Im Deutschen wurde daraus der bekannte Begriff „betucht“. Weitere Worte, die auch der Meinerzhagener Interviewte kannte, sind etwa Ganove oder Maloche. Auch schäkern, dufte, Kaff, Schlamassel, Tinnef oder Zoff kommen aus dem Jiddischen.

Den beiden Referenten des Abends, Dr. Ulrike Kiefer und Robert Neumann vom „Förderverein für Jiddische Sprache und Kultur“ lag eines besonders am Herzen: Sie betonten, dass der gesamte Fundus an Tondokumenten für jeden Interessierten im Internet zugänglich ist. Unter http://www.eydes.de öffnet sich der Sprach- und Kulturatlas. Wer das Interview mit Julius Fischbach anhören möchte, sollte den Unterpunkt „Tonarchiv“, dann „Ortsarchiv (sortiert nach Ortsnamen)“ und schließlich „Meinerzhagen“ anklicken. Das Archiv bietet unterschiedlichste Nutzungsmöglichkeiten. So lässt sich auch nachsehen, in welchen Regionen ein bestimmter Ausdruck üblich war.

Rückmeldungen aus der Zuhörerschaft machten deutlich, wie groß das Interesse an Informationen ist, die zeigen, welche Anteile der Jiddischen Kultur in der Volmestadt noch zu finden sind, obwohl die Tradition mit der grausamen Verfolgung der jüdischen Bürger ein abruptes Ende fand. Ira Zezulak-Hölzer ermunterte daher: „Wer Informationen hierzu beisteuern kann, ist eingeladen, mich im Stadtarchiv zu besuchen und sein Wissen weiterzugeben.“ Die Stadtarchivarin arbeitet derzeit an der Dokumentation über die jüdische Gemeinde in Meinerzhagen und ist für alle weiterführenden Informationen dankbar.

„Sie haben uns einen profunden Schatz an Tondokumenten und Informationen zugänglich gemacht und eine ausgesprochen interessante Materie vorgestellt“, dankte auch Bürgermeister Erhard Pierlings den Referenten und überreichte ihnen mit gemeinsam mit Ira Zezulak-Hölzer Blumen und ein kleines Präsent. ▪ ps

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