Vorerst kein islamischer Religionsunterricht

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An 130 Schulen, an denen bereits Islamkunde unterrichtet wurde, findet nun auch islamischer Religionsunterricht statt. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Mathe, Deutsch, Englisch und in der vierten Stunde Islam. So oder ähnlich könnten bald die Stundenpläne einiger Meinerzhagener Schüler aussehen.

Denn der NRW-Landtag verabschiedete am Mittwoch ein Gesetz, das den islamischen Religionsunterricht ab dem Schuljahr 2012/2013 einführt. Ziel ist es, ab dem kommenden Jahr den Unterricht in deutscher Sprache, unter deutscher Schulaufsicht und mit in Deutschland ausgebildeten Lehrkräften schrittweise einzuführen. In Meinerzhagen wird vorraussichtlich zunächst keine Schule diesen Unterricht anbieten. Es fehlen die Lehrkräfte.

„Ich habe das, genau wie alle anderen, heute aus der Zeitung erfahren. Bei uns wäre ein solcher Unterricht gar nicht möglich. Wir haben keinen einzigen Lehrer mit dieser Qualifikation“, erklärt Peter Regali, Schulleiter der Realschule. Aus diesem Grund starten nach Auskunft des NRW-Bildungsministeriums zunächst die 130 Schulen mit dem Unterricht, in denen bereits jetzt Islamkunde unterrichtet wird. „Das heißt es werden nicht sofort tausende Pädagogen benötigt. Derzeit stehen etwa 80 Islamkundelehrer zur Verfügung, sowie circa 60 weitere Lehrer, die im Sommer einen Zertifikatkurs abgeschlossen haben“, so Barbara Löcherbach, Sprecherin des Ministeriums. Sie verweist weiterhin darauf, dass es sich bei dem Islamkundeunterricht um kein verpflichtendes Angebot für die Schulen handle. Es sei vielmehr eine Einladung. Weiter heißt es vom Ministerium, dass der islamische Religionsunterricht eine Chance sei, denn er ermögliche Muslimen, ihren Glauben in der Mitte der Gesellschaft zu leben. Ob der Bedarf gegeben ist, muss von Schule zu Schule individuell entschieden werden.

An den Meinerzhagener Schulen ist das Thema offensichtlich noch nicht richtig angekommen. „Wir haben uns noch nicht wirklich mit dem Thema beschäftigt, auch bei uns hat keiner der Lehrer eine Qualifikation für dieses Fach“, berichtet Gabriele Busch, Rektorin an der Grundschule Rothenstein. Jedoch habe die Schule einen recht hohen Anteil an Schülern muslimischen Glaubens. „Wenn der Bedarf da ist, halte ich das durchaus für sinnvoll“, so Busch weiter. Bereits jetzt spiele der Islam im Religionsunterricht aber eine große Rolle. „Wir laden beispielsweise Kinder ein, die über ihren Glauben berichten, besuchen die Moschee oder laden Gäste in den Unterricht ein“, erläutert die Rektorin das bestehende Konzept. Die muslimischen Feiertage seien im Alltag häufig präsent und somit immer wieder Thema im Unterricht.

Auch am Evangelischen Gymnasium erfuhr man am Morgen aus den Medien von dem neuen Gesetz. „Grundsätzlich handelt es sich natürlich um eine konfessionsgebundene Schule. Das heißt, bei uns steht die christliche Lehre ganz klar im Vordergrund. Was aber nicht heißen soll, dass islamischer Religionsunterricht für uns nicht in Frage kommt“, so Landeskirchenrat Werner Prüßer, vom Landeskirchenamt in Bielefeld. Insgesamt sechs Schulen befinden sich mit dem Meinerzhagener Gymnasium in der Trägerschaft der Landeskirche. In der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck gibt es beispielsweise Islamkunde. „Man muss dazu sagen, dass diese Schule eine ganz andere Ausgangssituation hat“, so Prüßner. Die Schule sei Mitte der 1990er Jahre als Stadtteilschule entwickelt worden. Auf Grund des Migrationsanteils sei der Kirche schnell klar gewesen, dass sie etwas tun muss, wenn sie diese Schüler nicht ausgrenzen möchte. Das Konzept sei ein Erfolg. „Aber das gilt nicht für Meinerzhagen. Hier ist die Ausgangssituation eine andere. Ich denke nicht, dass es in Meinerzhagen islamischen Religionsunterricht geben wird“, so der Landeskirchenrat. Auch wenn sich der Träger dem nicht verschließen würde, sei der Schüleranteil zu gering, um ein solches Fach anbieten zu können.

Positiv bewerten die Meinerzhagener Muslime das Gesetz. „Wir begrüßen das sehr“, erklärt Osman Batgün von der islamischen Gemeinde. Für ihn ist der deutsche Unterricht ein guter Kompromiss. Auch wenn der islamische Religionsunterricht, genauso wie der evangelische oder katholische, bildungstheoretisch begründet ist, also nicht am Selbstinteresse der Religionsgemeinschaft ausgerichtet ist.

So sieht das auch der evangelische Pfarrer Klaus Kemper-Kohlhase: „Selbstverständlich sollte auch die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland das Recht haben, Religionsunterricht an Schulen zu erteilen, allerdings unter den Bedingungen, die auch für die beiden großen Kirchen gelten. Die Lehrkräfte müssen an öffentlichen Universitäten ausgebildet werden, hinter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen und in deutscher Sprache unterrichten. Das ist auch wichtig mit Blick auf die Transparenz dessen, was unterrichtet wird. Schwierig ist aber wohl nach wie vor die Frage, wer als verantwortlicher Ansprechpartner die Muslime repräsentiert.“

Jetzt liegt es an den Schulen, ihren Bedarf zu ermitteln. Jedoch erscheint es unwahrscheinlich, dass im kommenden Jahr islamischer Religionsunterricht in Meinerzhagen erteilt wird.

Von Lydia Machelett

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