Die Ursachen der Beinahe-Katastrophe

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Das Sportflugzeug durchtrennte das dicke Kabel der Hochspannungsleitung. ▪

MEINERZHAGEN ▪ „Flugzeugabsturz im Bereich Baberg bei Lengelscheid.“

Diese Meldung ging am 6. April dieses Jahres um 9.22 Uhr bei der Feuerwehr Meinerzhagen ein. Innerhalb weniger Minuten waren die Löschzüge eins und drei vor Ort – um festzustellen, dass auf einer Wiese direkt neben der Autobahn das oberste Kabel einer dort verlaufenden Hochspannungsleitung offensichtlich abgerissen war. Das lose Ende lag auf der Wiese. Laut erster Einschätzung des Stromversorgers „Enervie“ bestand im Umkreis von 20 Metern um das Kabel herum Lebensgefahr. Schließlich wurde der Strom abgeschaltet – erst jetzt war die „Unfallstelle“ abgesichert.

Von dem Verursacher, dem vermeintlich abgestürzten Flugzeug, fehlte allerdings jede Spur. Das Rätsel klärte sich um 10.50 Uhr schließlich auf: Der zweisitzige „Sportflieger“ der Marke Robin HR 200/100, den zwei Autofahrer von der A 45 aus bei seiner Kollision mit dem Stromkabel beobachtet hatten, war inzwischen sicher in Würzburg gelandet.

Warum es zu der beinahe folgenschweren Berührung mit dem Stromkabel und damit einer möglichen Katastrophe kam, ist mittlerweile im Detail geklärt. Der MZ liegt der offizielle Untersuchungsbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig vor.

Der Pilot des Sportflugzeugs darf zumindest vorerst nicht mehr fliegen. Die Landesluftfahrtbehörde in Münster hat ihm vorläufig die Lizenz entzogen. Außerdem muss der 46-Jährige aus dem Ruhrgebiet Schadenersatz für das defekte Erdkabel leisten. Nach dem Unfallbericht der Bundesaufsichtsbehörde hat der Pilot gegen mehrere Vorschriften verstoßen und die Mindestflughöhe deutlich unterschritten.

Der Vorfall vom 6. April 2011 über dem Luftraum von Meinerzhagen wird in dem Untersuchungsbericht als „Schwere Störung“ klassifiziert. Die Ereignisse der Beinahekatastrophe und der Flugverlauf am 6. April werden von der Behörde wie folgt geschildert:

„Um 8:51 Uhr startete der Flugzeugführer zu einem Sichtflug vom Flugplatz Marl-Loemühle zum Flugplatz Würzburg (Schenkenturm). In Würzburg sollte ein Geschäftstermin wahrgenommen werden.

Der anfängliche Flugverlauf führte laut Auswertung der Aufzeichnungen des mitgeführten GPS-Gerätes in ca. 1000 Fuß (= 300 Meter) entlang der Autobahn A43 westlich an der Kontrollzone Dortmund vorbei. In Höhe der Stadt Witten erfolgte der Weiterflug in Richtung Hagen. Laut Aussage des Piloten war südlich von Hagen eine Umkehr aufgrund der im Nebel liegenden Hügel nicht mehr möglich. Im Bereich des Hagener Ortsteiles Dahl wurde ein Vollkreis nach links geflogen. Weiter führte der Flug entlang der Autobahn A45, da der Pilot hier nach eigener Aussage keine Gefahren durch Hindernisse wie z.B. Windkraftanlagen erwartete. Die Höhe über Grund war nach Angabe des Piloten anfangs ca. 250 bis 400 Fuß (zwischen 75 und 120 Meter).

Nördlich von Meinerzhagen kollidierte das Flugzeug um 9:18 Uhr mit dem Erdseil einer Freileitung und durchtrennte dieses. Die Höhe des Erdseiles war an dieser Stelle ca. 36 m (ca. 120 ft) über der Fahrbahn der Autobahn.

Nach der Kollision mit dem Hindernis entschied sich der Pilot über die Wolkendecke zu steigen. Der Weiterflug erfolgte nach Angabe des Piloten in ca. 3500 Fuß (rund 1050 Meter). Nach der Kollision mit dem Erdseil bemerkte der Pilot nach eigener Aussage einen Schaden an der rechten Tragfläche und im weiteren Verlauf eine leichte Unwucht beim Motorlauf. Bei einer Drehzahl von ca. 2 300 RPM lief dieser aber nahezu vibrationsfrei. Die Option einer Ausweichlandung auf dem Flugplatz Siegerland wurde aufgrund der dort vorherrschenden schlechten Wetterbedingungen verworfen. Die Landung auf dem Flugplatz Würzburg (Schenkenturm) erfolgte ca. 52 Minuten nach der Kollision mit dem Hindernis um 10:30 Uhr ohne Probleme.“

Soweit der Hergang laut Untersuchungsbericht.

Wesentlich für die Probleme, in die der mit rund 325 Flugstunden erfahrene Inhaber einer gültigen Lizenz für Privatpiloten geriet, waren die an diesem Tag herrschenden Wetterbedingungen. Zwar betrug die Sichtweite am Startort in Marl-Lohmühle noch rund vier Kilometer, die Hauptwolkenuntergrenze lag bei rund 300 Meter über Grund. Laut Flugwetterauskunft des Deutschen Wetterdienstes dominierte am Ereignistag „unterhalb einer Inversion feuchtkühle Meeresluft das Wettergeschehen. Die tiefe Bewölkung über dem Sauerland war nahezu geschlossen.“ Im Untersuchungsbericht wird festgehalten dass die Wetterbedingungen für die Kollisionsstelle im Bereich des sogenannten GAFOR-Gebiets 36 (Sauerland) mit X (geschlossen) eingestuft wurde, das heißt: die Bodensicht beträgt weniger als 1,5 km und/oder die Hauptwolkenuntergrenze ist geringer als 500 Fuß (rund 150 Meter) über der Bezugsfläche. „Sichtflüge sind nicht möglich“, lautet dazu der Befund der BFU. Die Kollision ereignete sich laut Feststellung der BFU in einer Höhe von nur 36 Metern (!) über der Fahrbahn der Autobahn Sauerlandlinie. Das Flugzeug durchtrennte das Erdseil einer von Nordwest nach Südwest verlaufenden Hochspannungs-Freileitung.

Das Flugzeug wies nach diesem Kontakt und nach der der Landung „leichte Beschädigungen an einem Propellerblatt, an der rechten Seite der Motorhaube, am rechten Tragflügel im Bereich der Nasenkante sowie am Randbogen“ auf.

Bis zu seiner dann glücklichen Ankunft in Würzburg nahm der Pilot keinen Funkkontakt mit einer Bodenstelle auf. Nach der Kollision hatte der Pilot mit dem Durchsteigen der dichten Wolken bis zur freien Sicht an deren Obergrenze eine nach Einschätzung von Fachleuten überaus gefährliche Situation zu meistern. Der Meinerzhagener Journalist und Pilot Thomas van de Wall, der am Unglückstag auch vor Ort war, kommentiert: „Er hätte bei diesem Manöver leicht die Orientierung und damit Kontrolle über die Maschine verlieren und abstürzen können.“ Dass die Kollision mit dem Kabel nur leichte Beschädigungen an der einmotorigen Maschine verursachte, grenzt nach Einschätzung des erfahrenen Fliegers aus der Volmestadt an ein Wunder. Fazit des Experten nach Durchsicht des Untersuchungsberichtes: „Hätte der Pilot die herrschenden Flugwetterbedingungen zur Kenntnis genommen, wäre er gar nicht erst losgeflogen.“

Genau auf diesen Aspekt geht der BFU-Untersuchungsbericht zum Ende der Darlegungen mit dem Hinweis auf die geltenden Sicherheitsmindesthöhen für Überlandflüge nach Sichtflugregeln ein. Diese sind „in einer Höhe von mindestens 600 Metern (2000 Fuß) über Grund oder Wasser durchzuführen...“

Der Beinaheabsturz der Maschine hatte am Unglückstag eine umfangreiche Such- und Rettungsaktion unter Einsatz auch von Hubschraubern zur Folge, die hohe Kosten auslöste. Schaden in beträchtlicher Größenordnung trat zudem durch den Stromausfall ein, den es durch die vorübergehende Abschaltung auch in heimischen produzierenden Unternehmen, wie zum Beispiel der Firma Otto Fuchs, gab. Wer für diese Kosten aufzukommen hat, wird noch zu klären sein und als weiteres Problem neben dem Verlust der Fluglizenz auf den 46-jährigen Piloten der Unglücksmaschine zukommen. ▪ -fe

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