Bayern oder Balearen – wohin zog es die Großeltern?

Udo Rümke blättert gern in seinen Urlaubs-Alben. Und auch Wolfgang Eggert erkundete die Welt. - Foto: Beil

Meinerzhagen - „Heute fliegen Sie drei Wochen ans Mittelmeer, legen sich an den Strand, kommen braun gebrannt wieder und haben nichts gesehen.“ Urlaub heute und Urlaub vor Jahrzehnten – zwei vollkommen unterschiedliche Welten, zumindest für die Bewohnerin des Langemann-Hauses, die dieses Fazit zieht.

Wohin hat es die heutige Großeltern-Generation in jungen Jahren gezogen? Waren Auslands-Aufenthalte eher selten? Und gab es überhaupt die Möglichkeit, einige Wochen abseits von Heim und Herd zu entspannen? Auf diese Fragen rund um die schönste Zeit des Jahres können viele Bewohner des Wilhelm-Langemann-Hauses an der Mühlenbergstraße Antworten geben.

Zum Urlaub anno dazumal zählen dabei auch skurrile Erlebnisse. Die eingangs erwähnte Seniorin beispielsweise kann sich ein Schmunzeln noch heute nicht verkneifen, wenn sie an eine Sommerfrische in der Schweiz zurückdenkt: Bereits Anfang September sei man Mitte der 80er-Jahre einmal in einem Höhendorf vom Schnee überrascht worden. „Ich wurde dort eines morgens wach und sah beim Blick aus dem Fenster dreimal vier Beine, die durch die Luft schwebten.“ Des Rätsels Lösung: „Mit Helikoptern hatte man Kühe von einer Alm holen müssen.“

Für die Kriegsgeneration war ein Urlaub in Deutschland – wenn überhaupt – die Regel. Diese Erfahrungen sammelte auch Martina Hüttebräucker, Sozialdienstleiterin im Langemann-Haus, in vielen Gesprächen mit Bewohnern. So auch am Freitag, als sich die so genannte „Erinnerungsrunde“ in der nostalgisch eingerichteten „guten Stube“ traf. „Urlaub“ lautete das Thema, das bei Eis und Getränken diskutiert wurde. Fritz Schöneborn (84) erinnert sich: „Mit den Eltern bin ich eigentlich nie verreist. Das kam erst später, in den 60er-Jahren. Meine Partnerin wollte damals nach Bayern – und das haben wir dann auch gemacht. Mit dem Auto ging es nach Füssen. Das Fahrzeug haben wir die ganze Zeit vor der Unterkunft stehen lassen, weil wir immer spazieren gegangen sind. Das hat uns zu der Erkenntnis gebracht, das nächste Mal besser mit dem Zug zu fahren.“ Der 84-Jährige erinnert sich aber auch noch an etwas, was es heute so kaum noch gibt: Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Österreich. „Ich hatte einmal den Pass vergessen. Da habe ich mächtiges Glück gehabt, denn der Zöllner sagte zu mir ,geh’ einfach durch’.“

Dass Deutschland reizvolle Urlaubsziele bietet, diese Erfahrung machte auch Wolfgang Eggert (78). Er erinnert sich: „Mit der Schule ging es in den 50er-Jahren in den Thüringer Wald, Urlaub mit den Eltern gab es gar nicht. Die hielten Vieh und konnten deshalb nicht verreisen. Aber gefehlt hat mir damals eigentlich nichts.“ Erst später erkundete Wolfgang Eggert die Welt mit seiner Lebensgefährtin auf eigene Faust: „Zypern und die griechischen Inseln zum Beispiel. Und auch nach Marokko bin ich gereist.“

Udo Rümke ist jünger als seine beiden Mitbewohner. Der 62-Jährige zählt zu jener Generation, die als junge Erwachsene in den 60er- und 70er-Jahren die Zeit des aufkommenden Massentourismus’ miterlebte. Das spiegelt sich auch in der Auswahl seiner damaligen Reiseziele wider: „Zypern, fünf Mal Türkei, Tunesien, Portugal. Ich bin viel und gerne gereist“, erzählt er. In die Erinnerungsrunde hatte er sogar ein dickes Fotoalbum mitgebracht. „Schön, wenn man sich das alles heute noch einmal anschauen kann“, findet er. Rümke weiß noch heute, dass er mit seinen Eltern eher kleinere Ausflüge – beispielsweise zum Einkaufen nach Venlo – unternahm. „Auf den Geschmack in Sachen Auslandsurlaube bin ich durch meinen Großvater gekommen. Der hat mir damals die erste Reise nach Mallorca spendiert“, schmunzelt er.

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