Uraltes Bauernhaus wird zum Leben erweckt

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Lebendige Vergangenheit: Arbeiten an der holz- und kohlebefeuerten „Kochmaschine. ▪

MEINERZHAGEN/LINDLAR ▪ Der Weg bis zum Freilichtmuseum im oberbergischen Lindlar ist nicht weit.

Nach knapp 30 Kilometern in einer knappen halben Fahrstunde von Meinerzhagen ist man dort, fühlt sich bei der Durchfahrt durch das schmucke bergische Städtchen mit seiner ortsbildprägenden St. Serverinskirche gleich irgendwie auch heimisch. Man passiert nämlich die Dr. Meinerzhagen-Straße – benannt nach einem verdienten Sohn der Stadt, dem langjährigen Chefarzt des örtlichen Krankenhauses und späteren Ehrenbürger, dessen familiäre Wurzeln mutmaßlich im gleichnamigen Ort im benachbarten Sauerland liegen. Es gibt viel mehr Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen Westfalen und Rheinländern im bergisch-märkischen Grenzgebiet, als man gemeinhin denken mag. Das wird demnächst auf dem wunderschönen Gelände des Freilichtmuseums für Ökologie und bäuerlich-handwerkliche Kultur auch durch ein mehrere hundert Jahre altes Bauernhaus sinnfällig dokumentiert.

Das 1629 erstmals urkundlich erwähnte Stammhaus der Familie Schürfeld in der Ortslage Nieder-Schürfelde bei Meinerzhagen, mittlerweile akut vom endgültigen Verfall bedroht, soll in alter Schönheit und wieder hergestellter Funktionalität dort einen Platz für die Ewigkeit finden, worüber wir bereits kürzlich berichten konnten.

Die heutigen Eigentümer des uralten Hauses, Familie Grote, die ein in der unmittelbaren Nachbarschaft erbautes Haus bewohnen, haben mittlerweile einen Vertrag mit dem Leiter des Freilichtmuseums, Michael Kamp, geschlossen. Kostenlos übertragen sie damit die noch vorhandene Bausubstanz des wohl ältesten noch erhaltenen Bauernhauses der Region in die Obhut des Museums.

„Für uns ist das ein echter Glücksfall. Denn genau nach einem solchen Gebäude vom Typus des sogenannten Hallenhauses hatte schon mein Amtsvorgänger gesucht. Es stellt für unsere museale Sammlung eine wunderbare Bereicherung dar“, drückt der Museumsleiter seine Begeisterung über diese Neuerwerbung aus. Der Volkskundler hatte bei einer seiner Überlandfahrten auf der Suche nach geeigneten neuen Objekten für sein Museum im Mai dieses Jahres „per Zufall“ das versteckt unterhalb der Kreisstraße zwischen Breddershaus und Drögenpütt und oberhalb der Fürwiggetalsperre im Ebbegebirge gelegene Gebäude entdeckt. Kamp war, wie er sagt, „regelrecht elektrisiert“ von diesem Fund. Denn dem Fachmann für Hausforschung fielen sofort die noch erkennbaren typischen Elemente auf: Ein Hallenhaus, das als „Niedersachsenhaus“ im norddeutschen Raum bekannt ist, dessen südliche Verbreitungsgrenze aber auch bis in den märkischen und oberbergischen Kreis hinein reichte. In der Internetenzyklopädie Wikipedia wird diese Gebäudeform so beschrieben: „Das Hallenhaus, wegen seines regionalen Bezuges zumeist niederdeutsches Hallenhaus genannt, ist ein im 13. bis 15. Jahrhundert aufgekommenes Wohnstallhaus der bäuerlichen Bevölkerung in Fachwerkbauweise. Es ist ein ‘Einhaus’, bei dem Wohnung, Stallraum und Erntelager in einem großen Hauskörper zusammengefasst sind. Diese ländlich-bäuerliche Hausform war bis zu ihrem Niedergang im 19. Jahrhundert in der Norddeutschen Tiefebene vom Niederrhein bis nach Hinterpommern weit verbreitet. Äußerliche Erkennungszeichen des Hallenhauses sind das große Einfahrtstor an der Giebelseite, die Fachwerkbauweise und das weit heruntergezogene, großflächige Dach. Ursprünglich war es reetgedeckt und daher stehen die letzten Vertreter mit dieser Dacheindeckung heute gewöhnlich unter Denkmalschutz.“

Im Gespräch mit der Eigentümerfamilie konnte schnell eine in diesem Fall in vielfältiger Hinsicht glückliche und vorteilhafte Vereinbarung auf den Weg gebracht werden. Dabei ging es nicht um einen Verkauf gegen Geld – denn angesichts des baulichen Zustandes wäre andernfalls nur noch ein kostenaufwendiger Abbruch die Alternative gewesen. Museumsleiter Michael Kamp hat auf dem nach wie vor noch in der Aufbauphase befindlichen, 1998 eröffneten Gelände des Freilichtmuseums Lindlar bereits den künftigen Standort für das „Haus Schürfelde“ festgelegt: Unweit der alten Seilerei aus Wipperfürth und Müllershammer aus Lindlar-Oberleppe, in Nachbarschaft zur gerade im Wiederaufbau befindlichen St. Barbara Kapelle aus Rösrath-Hellenthal und nahe dem Waldstück mit dem Hochseilgarten oberhalb des das Museumsgelände durchfließenden Lingenbachs. „Das Haus soll wieder lebendig werden. Im Stall werden Tiere untergebracht sein. Es wird mit zeittypischem Mobiliar gezeigt, wie die Menschen darin lebten und arbeiteten. Es wird einen Ausstellungsbereich zum Thema Hallenhaus geben“, beschreibt Kamp den angestrebten Endzustand. Der wird voraussichtlich im Jahr 2014 erreicht sein. Bis es zur offiziellen Eröffnung kommen kann, die dann auch öffentlichkeitswirksam im Rahmen einer Sonderveranstaltung erfolgen soll, bleibt viel zu tun. Den spannenden Prozess vom Umzug und Wiederaufbau eines über vierhundert Jahre alten Gebäudes hat uns beim Besuch in Lindlar in dieser Woche der Museumsleiter anschaulich geschildert.

Im kommenden Jahr werden Experten eines Büros für Bauforschung zunächst einen umfänglichen Bau- und Konstruktions-Plansatz des Gebäudes mit dem aus dem frühen 17. Jahrhundert stammenden Hallenhaus und dem vermutlich 1790 angebauten Wohnhaus fertigen. Auf digitaler Basis entstehen exakte Grundrisse, Schnitte, Ansichten. Diese akribische Bestandaufnahme bildet auch die Grundlage für die Erstellung eines Baualtersplans. Aus diesem heraus können die verschiedenen Entwicklungsstufen mit immer wieder erfolgten Umbauten zeitlich eingeordnet werden.

Mittels eine gesonderten Schadenskartierung wird auch schon festgelegt, welche nicht mehr zu erhaltenden, schadhaften oder bereits fehlenden Bauelemente beim Wiederaufbau ersetzt/rekonstruiert werden müssen.

Mittels des Verfahrens der Dendrochronologie wird zusätzlich eine exakte Altersbestimmung des verwendetem Bauholzes, hier wohl vornehmlich Nadelholz und Eichen aus den umliegenden Wäldern, vorgenommen.

Durch eine Befund-Dokumentation innerhalb des Hauses wird beispielsweise auch ergründete, welche originalen Farbgestaltungen für die Innenräume es gab. „Gemeinhin nimmt man an, dass die meisten Räume in weiß gehalten waren. Doch wir wissen, dass auch in alten Zeiten bei der Innengestaltung alle möglichen bunten Farben zur Anwendung kamen“, erklärt der Experte.

Parallel dazu erfolgt eine archivalische Aufarbeitung der Geschichte des Hauses und seiner Eigentümer. Hierbei wird Kamp unter anderem durch Meinerzhagens Stadtarchivarin Ira Zezulak-Hölzer unterstützt. Sie hat gerade eine Reihe von Archivfunden aufbereitet – darunter übrigens auch ein ausführlicher Artikel der MZ aus dem Jahr 1989. Damals war unter Auswertung zahlreicher Quellen und Aussagen von Zeitzeugen auf den besonderen historischen Wert des Gebäudes aufmerksam gemacht worden. Zusätzlich sind rund ums Haus demnächst noch weitere Spurensuchen vorgesehen, zum Teil in Form von Grabungen, um womöglich noch auf ältere Reste früherer Besiedlungen zu stoßen.

Diese sogenannte Dokumentationsphase wird sich über das ganze nächste Jahr erstrecken. Für 2013 ist dann der Abbau vorgesehen. Dabei sollen möglichst auch vollständige Elemente, wie zum Beispiel Wände, in einem Stück ausgebaut, sorgsam verpackt, mit Kränen versetzt und auf Tiefladern nach Lindlar transportiert werden. Diese Methode der Gebäudeversetzung wurde auch beim 1997 erfolgten Wiederaufbau einer alten Fuhrmannskneipe aus Wuppertal-Sandfeld erfolgreich praktiziert. Eingriffe in die historische Bausubstanz können bei dieser Methode minimiert werden.

Was schadhaft ist, muss instandgesetzt oder ersetzt werden. Am Ende wird es der großen Baukolonne des Freilichtmuseums, mit Handwerkern für die unterschiedlichsten Gewerke und spezialisiert vor allem auf den elementaren Bereich des Holzbaus, vorbehalten sein, das Gebäudepuzzel aus alt und neu wieder zu einem harmonischen und vor allem historisch stilechten Original zusammenzufügen. Hergestellt werden soll dabei, so die Vorstellungen des Museumsleiters, der bauliche Zustand um das Jahr 1800. Die MZ wird diesen spannenden Prozess begleiten und in regelmäßigen Abständen über den jeweils aktuellen Stand informieren.

„Das Haus wird eine große Bereicherung für unsere Sammlung“, ist sich Michael Kamp sicher. Das Konzept des ganzjährig geöffneten Museums ist überaus erfolgreich, was rund 100 000 Besucher jährlich belegen.

Eine gute Gelegenheit, Lindlar kennenzulernen und sich von der besonderen Atmosphäre dieses lebendigen Museums einfangen zu lassen, bietet sich Interessierten am 3. Adventsonntag, 11. Dezember. Von 11 bis 18 Uhr gibt es eine adventliche Sonderveranstaltung mit über 50 dazu passenden Ständen und Aktionen. Wer mehr zum Freilichtmuseum erfahren möchte, kann sich im Internet unter http://www.freilichtmuseum-lindlar.lvr.de informieren. ▪ -fe

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