Zwischen Zirkusarena und rollendem Klassenzimmer

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Diana (links), Chamaine und Alexia (rechts) mit ihrer Lehrerin Annette Schwer, der Leiterin der „Schule für Circuskinder“ in NRW, die mit dem „Circus Baruk“ zurzeit in Meinerzhagen auf dem Fumberg Station macht. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Wenn die neunjährige Alexia, Chamaine (13) und Diana (16) zur Schule gehen, müssen sie nicht weit laufen. Denn ihr rollendes Klassenzimmer steht in unmittelbarer Nachbarschaft auf der Wiese am Fumberg neben dem Schützenplatz, wo der „Zirkus Baruk“ noch bis Sonntag Station macht.

Die drei Mädchen besuchen die „Schule für Circuskinder in Nordrhein-Westfalen“, eine Gesamtschule von der vorgezogenen Eingangsstufe bis zum Mittleren Abschluss mit Integration von zielgleichen und zieldifferenzierten Kindern.

Ihre Lehrerin Annette Schwer, gleichzeitig auch Schulleiterin, hat vor Unterrichtsbeginn dagegen schon rund 110 Kilometer Fahrstrecke hinter sich gebracht. Zweimal pro Woche besucht sie die drei Mädchen, die in der übrigen Zeit die Bewältigung ihres umfangreichen Lernpensums selbständig organisieren.

Seit 18 Jahren gibt es in NRW die „Schule für Circuskinder“ in Trägerschaft der Evangelischen Kirche Rheinland, die Angehörigen reisender Berufsgruppen eine Chance auf gleichwertige, auf das einzelne Kind ausgerichtete Bildung, ermöglicht. 40 bis 50 Schulwechsel im Jahr, ständig wechselnde Lehrkräfte und Mitschüler, Unterrichtsmaterialien, Methoden und Schulformen hatte die Schule bis dahin für viele Zirkuskinder zu einem Ort des Misserfolgs und des Versagens gemacht.

In den rollenden Klassenzimmern der Zirkusschule kommt heute ein modernes Schulkonzept, das auch den in den Pisastudien formulierten Anforderungen gerecht wird, zur Anwendung. Individuelle Förderung, Differenzierung, selbstverantwortliches Lernen unter Einbeziehung aktueller Medien sind in den altersheterogenen Gruppen selbstverständlicher Schulalltag. Bis zu sechs Schülerinnen und Schüler im Alter von fünf bis 20 Jahren werden jeweils in einer Gruppe unterrichtet. 29 Lehrer besuchen die mittlerweile 218 Schüler.

Der Unterrichtsstoff ist in verschiedene Module aufgeteilt. Entsprechend des Lernstands wird ein individuelles Lernprogramm zusammengestellt, mit dem die Kinder und Jugendlichen, wenn sie wollen, alle Abschlüsse der Sekundarstufe I erreichen können.

Schulleiterin Annette Schwer ist begeistert von der Motivation und dem Fleiß ihrer Schülerinnen, die sichtlich Spaß am Schulbesuch haben: „Ich wollte schon immer in dieser Form unterrichten, und ich bin überzeugt, dass Kinder weit mehr in die Entscheidungen über ihre Ausbildung miteinbezogen werden sollten.“

Diana, die gerade ihren Hauptschulabschluss machte, möchte unbedingt weiter lernen, und ebenso wie Chamaine den Realschulabschluss erreichen.

Die Anforderungen, die diese Schulform an die Lehrer stelle, seien aber höher als an anderen Schulen, da bis auf einige wenige Ausnahmen alle Fächer von einer Lehrkraft vermittelt werden, berichtet Annette Schwer. Der Austausch mit anderen Lehrern findet nicht im Lehrerzimmer, sondern online statt. Wichtige Voraussetzungen sind außerdem Mobilität, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Stauerfahrung.

Zirkuskinder wie Alexia, Chamaine und Diana, sind von klein auf in das Zirkusprogramm und den -alltag eingebunden und übernehmen bei den Vorstellungen des „Zirkus Baruk“ (Freitag, 17 Uhr, Samstag, 15.30 und 19.30 Uhr, Sonntag 14 Uhr) eigene Aufgaben, sei es bei der Bodenakrobatik, im Service oder bei der Beleuchtung.

Vor der Galapremiere am Donnerstag besichtigten sie aber erstmal nach einer Nordic-Walking-Tour mit ihrer Lehrerin die Jesus-Christus Kirche. - Von Luitgard Müller

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