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Schulabschluss - trotz des Krieges

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Von: Simone Benninghaus

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Igor Grabowski (18) und Dan Shapovarov (16) sind seit wenigen Wochen in Meinerzhagen. Morgens lernen sie in der Sekundarschule Deutsch, ab mittags nehmen sie am Online-Unterricht ihrer Schulen in Odessa teil.
Igor Grabowski (18) und Dan Shapovarov (16) sind seit wenigen Wochen in Meinerzhagen. Morgens lernen sie in der Sekundarschule Deutsch, ab mittags nehmen sie am Online-Unterricht ihrer Schulen in Odessa teil. © Simone Benninghaus

Zur Schule gehen, im Sommer das Abitur bestehen und danach studieren. Marketing oder Mathe und IT. Das waren die Pläne von Dan und Igor.

Meinerzhagen – Ihre Pläne vor dem Krieg, als sie noch in Odessa zum Gymnasium gingen. Jetzt sitzen die beiden 16 und 18 Jahre alten Jugendlichen mit ihren Laptops in einem kleinen Raum der Sekundarschule in Meinerzhagen. Ihre Welt hat sich innerhalb weniger Wochen grundlegend geändert, nicht aber das Ziel, Abitur zu machen.

Ihr Zuhause haben sie verlassen müssen, das gewohnte Leben mit der Familie und mit Freunden – zerstört durch Putins Krieg. So vieles mussten Igor Grabowski und Dan Shapovalov aufgeben – nicht jedoch die Hoffnung auf ihre Zukunft. Der Online-Unterricht, den die Lehrer ihrer Schulen in Odessa ermöglichen, und die Aussicht auf den Schulabschluss ist eine Verbindung, die ihnen geblieben ist.

Dass Igor und Dan, die in Odessa unterschiedliche Schulen besuchten, sich aber kennen, nun zusammen in Meinerzhagen in der Städtischen Sekundarschule sind – ein Zufall. Und ein Glück.

Sprache lernen

Für beide zählt in Deutschland zunächst einmal die Sprache. In Gruppen erhalten die ukrainischen Schüler, über 30 sind es inzwischen an der Sekundarschule, Deutschunterricht, erzählt Igor. Er könne „ein ganz kleines bisschen“ Deutsch, sagt er, und schnell wird klar, dass das nach fünf Jahren Deutschunterricht in der Schule „ein ganz kleines bisschen“ untertrieben ist. Igor übersetzt für Dan, der dafür wiederum sehr gut Englisch spricht, und so funktioniert die Unterhaltung.

Das Hin- und Herwechseln zwischen den Sprachen sei nicht immer einfach, meint Igor.

Die Familie Grabowski musste sich trennen – wie so viele andere ukrainische Familien auch. Die Mutter und die beiden Kinder hier, der Vater nach wie vor in Odessa. „Das ist hart“, sagt Igor.

Die Familie hat Verwandte in Meinerzhagen, so kamen er, sein 13 Jahre alter Bruder und seine Mutter vor drei Wochen in die Volmestadt, wo sie jetzt in einer kleinen Wohnung leben. „Alle sind sehr freundlich, auch die Lehrer“, bedankt sich der 18-Jährige, der erst vor wenigen Tagen volljährig geworden ist.

Flucht in die Sicherheit

Wäre er jetzt noch zuhause in der Ukraine, er hätte sein Land nicht mehr verlassen dürfen. Das sei der Grund gewesen, warum seine Mutter mit ihm und dem jüngeren Bruder geflüchtet sei. „Sie wollte, dass wir in Sicherheit sind.“ Seine Mutter habe schon länger die Befürchtung gehabt, dass „etwas vorbereitet“ werden könnte. Er habe sich aber nicht vorstellen können, dass es „so“ werden würde, auch wenn die Unruhe schwelte. Vorher sei es jedoch nur um die Krim gegangen. „Jetzt ist es das ganze Land. Das ist scary – unheimlich.“

Die Sorge um den Vater, die Unsicherheit, das fremde Land, die neue Schule – all das ist nicht einfach für den 18-Jährigen. Trotzdem sagt er: „Lernen, lernen, lernen“, das sei jetzt wichtig. Vor allem sein Deutsch soll noch besser werden und viele „technische Wörter“ möchte er in Deutsch lernen – für später.

Zusammen mit Dan besucht Igor daher morgens den Deutschkurs in der Sekundarschule, ehe es ab mittags mit ukrainischem Unterricht weiter geht: Beide Jugendlichen haben Online-Unterricht.

Igor war Schülersprecher

An seiner Schule sei er Schülersprecher gewesen, erzählt Igor. „Sehr schade“ sei es, dass dies nun nicht mehr möglich ist. Dass er aber seinen Abschluss machen kann, ist seine große Hoffnung. Denn nicht allen Freunden und Mitschülern sei es möglich, am Online-Unterricht teilzunehmen. Nicht überall gebe es eine gute Internet-Verbindung. „Überall“ – das ist vor allem Polen, wo sich viele Klassenkameraden aufhalten, aber auch Griechenland, Frankreich oder Bulgarien. Und Odessa? „Da mussten manche in einem Bunker lernen.“ Ihre Lehrer seien nach wie vor in der Ukraine, allerdings nicht mehr in Odessa, wo meistens die Sirenen heulen. „Sie versuchen, uns trotzdem zu unterstützen.“ Wenn er eine Frage habe, rufe er seinen Klassenlehrer, der zugleich sein Deutschlehrer sei, an, sagt Igor und ist froh über diesen Kontakt. „Er hilft mir.“

In Meinerzhagen helfen sich Igor und Dan. Der 16-jährige Dan kam mit seiner Mutter und seinem neunjährigen Bruder vor vier Wochen nach Meinerzhagen. Zu dritt wohnen sie in Valbert, und hier hat Dan in den ersten Tagen eine Feststellung gemacht, die er interessant findet: „Die Menschen scheinen mehr bei ihren Familien zu sein. Bei uns sind viel mehr Menschen auf der Straße.“ Vor dem Krieg war das so.

Dass er mit seiner Mutter und seinem Bruder hier sein könne, dafür sei er dankbar: „We are safe“ – „Wir sind sicher“. Dans Vater musste dagegen in Odessa bleiben. Für alle sei die Situation nicht einfach, sagt der 16-Jährige. „Den Eltern helfen, mit dem Vater nur telefonieren zu können, das ist schwer.“

Dass die Familie Shapovalov in Meinerzhagen ist – kein Zufall. Eine Freundin seiner Mutter, die schon lange aus der Ukraine weggezogen sei und heute in der Volmestadt lebt, habe angerufen. „Meine Mutter und sie hatten zwar länger keinen Kontakt. Aber sie hat gefragt, wie sie helfen kann.“ Die Familie reiste daraufhin nach Deutschland, erst mit dem Auto, zum Schluss mit dem Flugzeug.

Abschluss steht bevor

Seit ihrer Ankunft beschäftigen die Jugendlichen vor allem die Schule und der bevorstehende Abschluss. Geplant seien die Abiturprüfungen im Sommer – vielleicht online. Doch ob es wirklich möglich sein wird, könne niemand genau sagen. „Auch unsere Lehrer nicht.“ Die Abschlussprüfungen sollen in drei Fächern erfolgen: Mathe, Ukrainisch und ukrainische Geschichte. Letzteres sei das schwerste Prüfungsfach. Vorher sei die Auswahl größer gewesen, doch mit Beginn des Krieges sei dies geändert worden. 20 Aufgaben pro Fach müssen absolviert werden. So gut wie möglich wollen sich die Schüler daher vorbereiten, auch mit Hausaufgaben – auch wenn diese für Igor wegen der Internetverbindung nur mit dem Handy möglich sind. „Wir wissen nicht genau, was kommen wird, aber wir werden es versuchen.“

Genauso wenig wissen sie, wie ihre Zukunft aussehen wird – umso mehr denken sie über sie nach. Zuhause, sagt Igor, verfolge er zudem die Nachrichten über den Krieg – auch die russischen: „Sie sagen dort, dass, was in Butscha geschehen ist, sei Fake, nicht real und dass die Ukraine dies gemacht hätte. Aber warum sollten wir das tun?“ – „Wo vorher in Mariupol zehn Häuser standen, steht jetzt vielleicht noch eins. Es gibt kein Wasser, keine Elektrik. Nichts“, beschreibt Dan, was ihm auch Freunde aus der Schule berichten, die wiederum Verwandte in Mariupol haben. Handy und Laptop sind die wichtigsten Verbindungen – zur Familie und zu den ukrainischen Freunden. „Wir diskutieren auch zusammen über unsere Pläne“, sagt Dan.

In den Ferien nach Köln

Einen Plan gibt es zumindest für die Osterferien. Da wollen die beiden jungen Ukrainer mit dem Zug nach Köln fahren – nicht nur, um sich die Stadt anzuschauen, sondern auch die Universität.

Die Zukunft, das sei für ihn vor allen Dingen Europa, meint Igor. Er könne sich vorstellen, in Deutschland zu studieren. „Und dann zurück in die Ukraine – wenn dort wieder Frieden ist.“ Dan nickt: „Wir wollen in Frieden leben.“ Diesen Plan haben sie nicht selbst in der Hand, doch es ist ihr größter Wunsch.

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