1. come-on.de
  2. Volmetal
  3. Meinerzhagen

Ukraine-Krieg hat auch für Pflegedienste Folgen

Erstellt:

Von: Göran Isleib

Kommentare

Zwei Hände in einer Pflegesituation
Die hohen Kraftstoffkosten machen auch den ambulanten Pflegediensten zu schaffen. Die von den Pflegekassen gezahlte Hausbesuchspauschale deckt die tatsächlichen Kosten schon längst nicht mehr ab. © Oliver Berg

Hört man Kathy Brandt sprechen, bemerkt man deutlich die Frustration, die bei ihr mitschwingt, wenn sie über die momentane Situation spricht. Die Spritpreise gehen durch die Decke und ihre etwa 22 Fahrzeuge umfassende Flotte braucht Kraftstoff – tagtäglich. 

Meinerzhagen - Kathy Brandt ist Inhaberin des Pflegedienstes Christel Schmidt, der sich von Rönsahl bis Windebruch um Pflegebedürftige kümmert – wobei momentan allerdings kein Patient in Rönsahl betreut wird.

„Wir haben eigentlich keine Chance, etwas gegen die horrenden Kosten zu tun“, sagt Kathy Brandt. Während jeder Handwerker – zumindest theoretisch – einen Preisaufschlag verlangen könne, seien den Pflegediensten die Hände gebunden. „Wir sind ja an Verträge mit den Pflegekassen gebunden, da können wir nicht einfach auf die aktuelle Preisentwicklung reagieren und unsere Preise nach oben anpassen“, sagt Kathy Brandt. Die sogenannte Hausbesuchspauschale ist seit langer Zeit unverändert und passe inzwischen nicht mehr zur momentanen Preissituation. Kathy Brandt hofft nicht nur auf die Politik, die endlich auf die dramatische Situation reagieren müsse, sondern auch auf die Verbände, die Druck machen müssten, damit sich möglichst schnell etwas an der äußerst prekären Situation ändere. Kathy Brandt gehört mit ihrem Unternehmen zum „Landesverband freie ambulante Krankenpflege NRW“ (LfK).

Mit ihren etwa 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wartet sie momentan ab und hofft, dass sie nicht in die Miesen gelangt. „Noch geht es, aber ich weiß nicht, wie die Zukunft aussieht“, blickt sie sorgenvoll auf Morgen. Schon längst habe man aufgrund der exorbitant gestiegenen Spritkosten Maßnahmen ergriffen, in dem beispielsweise Fahrten optimiert wurden. Dass sie ihre Patientinnen und Patienten aufgrund der hohen Kosten nicht im Stich lassen wird, ist für Kathy Brandt selbstverständlich. Gedanken macht sie sich aber schon, wenn es darum geht, neue Patienten aufzunehmen. Wenn die dann sehr weit in der Peripherie wohnten, müsse sie sich schon überlegen, ob sich das am Ende rechne.

Das sagt der Landesverband

„Für ambulante Pflegedienste gibt es angesichts der stark gestiegenen Preise für Kraftstoffe das Problem, dass Fahrten nicht mehr kostendeckend durchzuführen sind. Besonders in ländlichen Gebieten reicht die so genannte Hausbesuchspauschale, über die häusliche Pflegedienste die Kosten für die Anfahrt zum Pflegebedürftigen abrechnen, nicht mehr aus“, beschreibt der LfK das Dilemma. Gibt es konkrete Forderungen des LfK beispielsweise an die Politik, etwas für die ambulante Krankenpflege zu tun?

Christoph Treiß, LfK-Geschäftsführer: „Wir haben das Thema bereits frühzeitig bei den Kostenträgern angesprochen. Denn häusliche Pflegedienste haben bereits jetzt sehr wenig Spielräume für ein kostendeckendes Arbeiten. Die Pflegebetriebe sind längerfristig an ihre Verträge mit den Pflegekassen gebunden, die die Vergütungen für die einzelnen Leistungen – also auch die Anfahrt zum Pflegebedürftigen – festlegen. Sie können daher ihre Preise nicht flexibel an die Bedingungen anpassen.“

Weiter heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des LfK: „Daher haben wir die Problematik bereits im vergangenen Monat im so genannten Grundsatzausschuss für die ambulante Pflege in Nordrhein-Westfalen auf die Tagesordnung gesetzt. In diesem Gremium sitzen Kassen und Leistungserbringer aus dem ambulanten Bereich an einem Tisch. Leider konnten die Pflegekassen von einer außerturnusmäßigen Erhöhung der Hausbesuchspauschalen aufgrund der erhöhten Benzinkosten nicht überzeugt werden. Mit Hinweis auf die geplanten Entlastungen durch den Bund und die immer mal wieder sinkenden Benzinpreise wiesen sie das Thema ab.“ Für die Pflegedienste bedeute das, dass sie versuchen müssten, die Kosten anders umzulegen – und im Zweifelsfall tatsächlich die Versorgung von Kunden, bei denen der Anfahrtsweg zu teuer wird, aufgeben müssten. Das könne natürlich aus versorgungspolitischer Sicht nicht die Lösung sein, sagt Christoph Treiß.

„Abhilfe kann hier nur ein Einsehen aufseiten der Pflegekassen schaffen. Wenn dies nicht gelingt, ist die Politik gefordert – in Form eines unkomplizierten Bundeszuschusses“, so Christoph Treiß abschließend in seiner Stellungnahme.

Schwierig ist die Spritpreisentwicklung auch für die Diakoniestation in Meinerzhagen. Deren Pflegedienstleiterin Marion Klapproth berichtet, dass versucht werde, die Touren so wirtschaftlich wie möglich zu gestalten. „Es ist natürlich immer schwierig, weil wir ein sehr großes Einzugsgebiet zwischen Hunswinkel und Schalksmühle-Heedfeld haben“, erklärt sie. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit vielen Arbeitsstunden müssten dann schon mal zickzack fahren.

„Die Leute sind auf uns angewiesen, die können wir ja nicht im Stich lassen“, weiß sie darum, wie wichtig die Arbeit der Pflegekräfte ist. Deshalb würde derzeit auch nicht dran gedacht, an bestimmten Stellen einzusparen. Die rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diakoniestation Meinerzhagen gehören zur Diakonie Mark-Ruhr.

Im Fuhrpark der heimischen Diakoniestation befinden sich rund 20 Fahrzeuge – allesamt angetrieben durch Verbrennungsmotoren, was im Klartext heißt, dass jeden Tag viel Benzin benötigt wird. „Da kommen täglich viele Hundert Kilometer zusammen, die zurückgelegt werden müssen“, erklärt Marion Klapproth. Auch sie sieht das Problem bei den gezahlten Pauschalen. Während sich der Preis für den Kraftstoff binnen eines Jahres enorm nach oben bewegt habe, sei das mit den Besuchs-pauschalen in der ambulanten Pflege nicht der Fall. „Da ist der Preis gleich geblieben und wir müssen sehen, wie wir damit klarkommen.

Jochen Sting, stellvertretender Pflegedienstleiter bei Aurelia, zäumt das Pferd ganz anders auf: „Ich plädiere immer für Pflege im Quartier! Der persönliche ökologische Fußabdruck ist doch viel besser, wenn ich einen Pflegedienst beauftrage, der möglichst nah an meinem Wohnort ist“, sagt er. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Spritpreise für den ambulanten Pflegedienst von Aurelia eher nicht so bedeutend ins Kontor des Unternehmens schlagen. Neben dem ambulanten Pflegedienst betreibt Aurelia auch die Wohngemeinschaft für zwölf Menschen mit Demenz sowie eine Tagespflege.

Insgesamt über sechs Fahrzeuge (alle mit Verbrennungsmotor) verfügt die Flotte bei Aurelia, wobei aber nur vier Fahrzeuge für die wohnortnahe häusliche Pflege eingesetzt werden. Jochen Sting sieht nur Vorteile durch die Nähe: „Falls etwas passiert, kann jemand schnell und unkompliziert Hilfe leisten.“ Das gehe viel besser, als wenn ein Pflegedienst erst weite Strecken zum Kunden zurücklegen müsse.

Auch interessant

Kommentare