Den Shakespeare vor Augen und im Schädel

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Frank Günther begeisterte am Freitagabend die Zuhörer in der Galerie Langenohl. Er berichtete über seine Arbeit des Übersetzens von William Shakespeares Werken.

Meinerzhagen - Der Mann rauft sich die Haare, stützt den Kopf auf, beugt sich über seine Manuskripte und Bücher, vertieft sich in ein großes Englisch-Deutsches Wörterbuch. Ein Seufzer entflieht dem Gehege seiner Zähne: „Es geht nicht!“ So könnte Frank Günther tatsächlich zuhause gesessen haben, viele Jahre lang, den Shakespeare vor Augen und im Schädel, unterwegs auf dem Weg zu einer neuen Übersetzung nach den vielen Anläufen, die nie Endgültiges hervorbringen konnten.

Warum das so war und auch bei ihm nicht anders ist, erklärte Frank Günther auf Einladung des Kulturvereins KuK in der Galerie Langenohl, weil die Buchhandlung Schmitz für die rund 75 Besucher zu klein geworden wäre. Wer das Glück hatte, dabei zu sein, wird diesen Abend nicht so schnell vergessen. Denn derart kurzweilig und lehrreich hat wohl selten jemand ein Publikum in das Werk William Shakespeares und das Elisabethanische Zeitalter eingeführt. Gerade sei der 37. Band der neuen zweisprachigen Feinleinenausgabe in 39 Bänden erschienen, verkündete Moderator Terry Albrecht zu Beginn der „Reise in die Sprachwelten Shakespeares“.

Der Trip begann mit einer Eloge auf den Autor, der so unendlich vielseitig, vielen Verschiedenes und gleichzeitig so unfassbar ist. In Frank Günthers Werkstattbericht „Unser Shakespeare“ kann man dieses Lob auf einen Autor, der „nichts ist als ein Buch“ nachlesen. Nach dem stimmungsvollen Beginn ging es systematisch weiter mit einer ziemlich irrigen Ansicht: „Das ist doch alles schon übersetzt.“ Warum stimmt das nicht? Relativ unproblematisch kann man jene Texte übersetzen, die einen fest definierten Bezug zu einem abgrenzbaren Gegenstand haben.

Doch Shakespeares Texte sind voller unglaublicher Sprachspiele, in denen die Worte immer wieder vergnüglich mit ihresgleichen tanzen. Dass diese Spiele funktionieren, liegt an ihren Kostümen, ihren klingenden Gestalten, die sich gegenseitig anfeuern, in Frage stellen und den Witz von Doppelbedeutungen ermöglichen. Für den Übersetzer stellt sich damit eine Aufgabe, die ähnlich schwierig ist wie die angemessene Übertragung von Lyrik in eine andere Sprache. Frühere Shakespeare-Übersetzer von Martin Wieland bis Heiner Müller ließen Unübersetzbares weg. „Wieland kann man nicht mehr ernst nehmen, wenn es um die Frage geht: Was hat Shakespeare geschrieben?“ Und weil Frank Günthers Übersetzung zwar ebenfalls nichts Endgültiges, wohl aber erheblich mehr bietet als ältere Übersetzungen, konnte die Frage anlässlich der Inszenierung von „Romeo und Julia“ in Solingen auf der Grundlage von Günthers Text nicht überraschen: „War das nötig, all diese Sachen da reinzuschreiben?“ Natürlich machte er dem Publikum die Freude, den langen Weg vom Original zur Übertragung anhand prägnanter Beispiele nachzugehen und sich die Haare zu raufen, als wäre er noch am heimischen Schreibtisch. Eine Feststellung begleitete hartnäckig die erreichten Teilergebnisse: „Es ist komplexer.“ „Zwei Stunden für einen Satz“, seufzte Frank Günther über die Mammutaufgabe, die ihn 40 Jahre lang begleitet habe. Und er warnte Nachahmer sehr nachdrücklich: „Wenn Sie mal nichts mit sich anzufangen wissen und dem Selbstmord nahe sind, versuchen Sie’s!“

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