„Stress und fehlende Orientierung“ – Kritik an G8

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Auch viele Meinerzhagener Eltern befürchten, dass das „Turbo-Abi“ ihren Kindern unnötig viel Stress beschert.

Meinerzhagen - Abitur nach zwölf oder doch nach 13 Jahren wie früher? An dieser Fragestellung scheiden sich die Geister. Dass beim „Turbo-Abi“ weniger Zeit für außerschulische Aktivitäten bleibt, scheint für viele jedenfalls klar.

Von Jürgen Beil

Das sieht auch Pfarrer Thorsten Rehberg von der katholischen Pfarrei St. Maria Immaculata so: „Den jungen Menschen bleibt bei G8 einfach weniger Zeit, um sich zu organisieren und vor allen Dingen zu orientieren. Und eines ist doch ganz klar: Gesellschaftliches Engagement findet auch außerhalb der Schule statt.“ Der Geistliche hält das Abitur nach zwölf Schuljahren grundsätzlich für eine schlechte Idee: „Die jungen Menschen haben immer weniger Zeit und ich habe beinahe den Verdacht, dass G 8 einfach deshalb eingeführt wurde, um in den Schulen ein Schuljahr einzusparen und dadurch den Unterricht gegebenenfalls kostengünstiger zu gestalten. Die Idee ist meiner Meinung nach nicht nach Deutschland übertragbar; in Skandinavien – wo die Rahmenbedingungen ganz andere sind – mag sie ja Sinn machen. Hier jedoch wird der Druck auf junge Leute erhöht und das besonders in einem Alter, in dem Zeit für die Selbstfindung und schulische und beruflichen Orientierung nötig wäre.“

Winfried Hösel ist Jugendleiter beim RSV Meinerzhagen. Er stellt seit einiger Zeit fest, dass auch jüngere Jahrgänge länger in der Schule bleiben müssen. Hösel: „Das betrifft die U 11-Mannschaften, den älteren E-Jugend-Jahrgang. Diese Gruppen bekommen wird nicht mehr in die Trainingseinheiten hinein, die um 16 Uhr beginnen.“ Ansonsten hat Hösel jedoch noch keine negativen Auswirkungen durch das Turbo-Abi festgestellt: „Bei uns im RSV stellen wir nicht fest, dass weniger Kinder oder Jugendliche kommen, weil ihnen die Zeit durch die Schule fehlt. Das mag auch daran liegen, dass die älteren Jahrgänge ohnehin zu späteren Tageszeiten trainieren.“

„Ich bin ein absoluter Gegner von G 8. Das ist nicht ausgegoren, nicht einmal die Lehrpläne sind angepasst.“ Der Meinerzhagener Michael von der Mühlen ist Gründer der Band CP One, die hauptsächlich in Kirchengemeinden spielt. Die jungen Leute musizieren und proben gemeinsam – die Auswirkungen des Turbo-Abis sind bei CP One allerdings deutlich zu spüren: „Ich sehe das an den Absagen, die meistens über WhatsApp hereinkommen. Wundern tut mich das dann allerdings nicht, denn durch G 8 haben die Jugendlichen doch schon einen Stress wie Berufstätige. Normale Schüler, denen nicht fast automatisch alles zufliegt, leiden darunter wirklich“, meint von der Mühlen, der sich mit seinen Probenterminen schon nach dem längeren Schulunterricht richtet: „Vor 18 Uhr geht da gar nichts. Und am Wochenende haben viele auch keine Zeit, denn dann werden Schularbeiten erledigt. Das alles ist schon heftig.“

Lieber heute als morgen hätte der Vorsitzende des größten Meinerzhagener Vereines, des TuS Meinerzhagen, eine Rückkehr zu G 9. Denn Harald Elbertshagen hat festgestellt: „Inzwischen wurden bei uns die Übungsabende immer weiter nach hinten verschoben, weil die jungen Übungsleiter meist erst ab 17 Uhr Zeit haben. Das führt dazu, dass auch die ganz Kleinen erst spät anfangen können.“ Einige Schüler hätten beim TuS durch den Zeitdruck bereits aufgehört. Elbertshagen: „Zwar sinken durch den starken Erwachsenenbereich unsere Mitgliederzahlen nicht, aber bei den Jugendlichen stagnieren sie. Und dort hatten wir früher stets Zuwächse.“ Ein anderer Aspekt ist für Harald Elbertshagen aber ebenso wichtig: „Die Vereine vermitteln doch soziale Kompetenz.“ Dass das durch das Turbo-Abi und seine Folgen immer schwieriger wird, steht für ihn fest.

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