Türkischer Protestant zu Gast im Haus Nordhelle

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Murat Kayi ist Türke und Protestant. Wie das “unter einen Hut geht” berichtete der Dortmunder Autor und Musiker am Montagabend in Haus Nordhelle. J

VALBERT ▪ Er ist ein waschechter Westfale und doch ein Exot: Kind türkischer Eltern, zum Protestantismus gewechselt, in Kamen geboren, in Bergkamen aufgewachsen. „Autor, Musiker, evangelischer Türke – wie geht das unter einen Hut?“, wird er immer wieder gefragt.

Die Antwort ist einfach. „Als Protestant bin ich eher deutsch, als Mann Türke“, schmunzelt Murat Kayi. Er ist im Ruhrpott zu Hause und gibt gerne Kostproben der sprachlichen Besonderheiten („Wem is das Mopped im Hoff?“) – seine türkischen Wurzeln hat er jedoch nicht vergessen. Am Montagabend war Murat Kayi mit seinem Bühnenprogramm „Murat Murat über alles“ in Haus Nordhelle zu Gast.

Sein Auftritt gehörte zum Rahmenprogramm einer zweitägigen Tagung mit rund 60 kirchlichen Mitarbeitern, die in der evangelischen Erwachsenenbildung tätig sind. Da weitere Besucher, sowie 75 Mitglieder des Pfarrkonvent aus Lüdenscheid und Plettenberg zu Gast waren, mussten schnell noch einige Stuhlreihen aufgestellt werden. Es ärgert Kayi, dass viele Türkischstämmige selbst in der zweiten und dritten Generation noch nicht ganz in Deutschland angekommen sind. 50 Jahre nach den Anwerbeabkommen für „Gastarbeiter“ habe man ihnen nun einen Platz in der Gesellschaft eingeräumt. „Ganz unten, weil da noch Platz war“, provoziert er.

Alle sprächen von Integration, die sei aber in Deutschland tatsächlich gar nicht erwünscht. In Wahrheit sei Assimilation, die absolute Anpassung in Sprache, Glaube und Gebräuchen gefordert.

Neben kritisch-provokanten Beiträgen, die oftmals mit eher verhaltenem Applaus bedacht wurden, gibt Murat Kayi auch humorvolle Einblicke in die türkische Kultur. Die viel gelobte Gastfreundschaft in türkischen Familien stamme noch aus der Zeit der Nomaden, wo das Leben im Zelt einen schon mal in die Bredouille brachte und ohne Nachbarschaftshilfe nichts funktionierte. Die Westfalen hingegen seien „bis zu den Knien mit ihrer Erdscholle verwachsen“, da seien Reisende natürlich erstmal verdächtig.

Im zweiten Teil gab’s für die Zuhörer „spirituell was auf die Glocke“ – der Glaube stand im Mittelpunkt. So schilderte der Gast aus Dortmund, warum gelegentlich auch in türkischen Familien zu Weihnachten gefeiert wird. „Der Kinder wegen. Wie soll man denen erklären, dass etwa drei Millionen Altersgenossen an diesem Tag Geschenke bekommen, nur sie nicht.“ Zudem trage der Weihnachtsmann ja auch noch die türkischen Nationalfarben.

Wie er zum christlichen Glauben gekommen ist? „Ich habe zur richtigen Zeit die richtigen Leute getroffen, die mit ihrem Glauben einen unglaublich zufriedenen Eindruck machten“, so Kayi. Das sei die beste Werbung. Wer hingegen missioniere, der entlarve sich selbst. „Ich halte Mission für ein Zeichen mangelnden Gottvertrauens“, erklärt er und erntet dafür spontanen Applaus. „Es ist ein Wunder, dass sich der Glaube so weit verbreitet hat, trotz der Mission.“

Nach rund zweistündigem Auftritt mit einigen kurzen musikalischen Pausen, in denen Kayi Gitarre spielt, gibt er den Besuchern schließlich noch einen Denkanstoß mit auf den Heimweg: „Akzeptanz und Freiheit führen am schnellsten zu Veränderungen“, sagt er. Wer frei sei und ohne Angst lebe, müsse nicht mehr gegen alles Fremde kämpfen. Mit diesem Fazit endete eine bemerkenswerte Veranstaltung.

Von Petra Schüller

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