Abschied vom „Winzenberg“

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Nur noch Trümmer, wo sich einst die Kegelbahn und der kleine Sitzungsraum befanden. ▪

MEINERZHAGEN ▪ In den Trümmern aus Beton, Ziegeln, Stahl und Holz liegen auch einige Kegelpinne.

Zu erkennen sind noch Reste der Mechanik, die auf der Kegelbahn der Meinerzhagener Traditionsgaststätte „Zum Winzenberg“ für das automatische Aufstellen der neun Hölzer zu sorgen hatte. Wehmut kommt auf beim Betrachten solcher Dinge, die Bestandteil eines ortsbildprägenden Gebäudes mit langer Geschichte waren. Gerade wird mit dem Abriss das Schlusskapitel für diese gastliche Stätte geschrieben, an der sich Stammtische trafen, Sitzungen von Ratsgremien und Vereinen und unzählige Familienfeste abgehalten worden sind.

Der Erhalt dieses Zentrums des Vereins- und Kulturlebens im südlichen Stadtgebiet von Meinerzhagen war seinen letzten Eigentümern Dirk und Simone Kriegeskotte am Ende leider nicht mehr möglich. Eine schwere chronische Erkrankung zwang den Gastwirt zur Aufgabe. Die lange und intensive Suche nach einer gastronomischen Nachfolgeregelung blieb ergebnislos. Am Ende kam es zum Verkauf von Gebäuden und Grundstück an einen Meinerzhagener Investor. Nach dem Abriss der übrigens nicht unter Denkmalschutz stehenden Gebäudesubstanz mit Haupthaus, Kegelbahn und dem Anbau mit Saal werden hier fünf Baugrundstücke für Einfamilienhäuser erschlossen und vermarktet. Voraussichtlich schon im kommenden Jahr ist nach Informationen der MZ mit dem Beginn der Bautätigkeit zu rechnen.

Aus der Land- und Gastwirtsfamilie Vedder, die von Redlendorf zum Winzenberg zog, stammt übrigens auch Otto Vedder, der von 1922 bis 1946 Amtsbürgermeister von Meinerzhagen war. Dirk Kriegeskotte und seine Frau Simone hatten das Lokal vom Vater Wilhelm Kriegeskotte übernommen und es ab den 90er Jahren in eigener Regie betrieben.

Der jetzt erfolgende Abriss der alten Gaststätte beendet eine über mehr als 150 Jahre lange Tradition. Der Landwirt Wilhelm Vedder (1832 - 1901) hatte Mitte des 19. Jahrhunderts, wahrscheinlich um das Jahr 1860, zunächst im Nebenerwerb eine Schankwirtschaft eröffnet. Diese erfreute sich sehr bald regen Zuspruchs. Der Meinerzhagener Ortschronist Eduard Fittig hatte 1920 die „Familienchronik Vedder“ verfasst. Darin heißt es u.a.: „ An Sonn- und Feiertagen war die Vedder’sche Wirtschaft ein gern besuchtes Lokal, und bei geeigneter Witterung war die Kegelbahn meist voll besetzt. Jahrelang fanden auch Sommerfrischler zu Winzenberg freundliche Aufnahme und gute Verpflegung.“

Am 21. Mai 1905 wurde im Rahmen einer Versammlung im Lokal Vedder zu Winzenberg übrigens auch der Beschluss zur Gründung einer freiwilligen Feuerwehr, der späteren Löschgruppe Genkel, gefasst. Ein Jahr später, 1906, gründete sich hier der Männergesangverein Eintracht Winzenberg.

In einer Chronik zum 75-jährigen Vereinsbestehen der Winzenberger Sänger finden sich die Namen aller Vereinswirte: August Vedder, Sohn des Gründers Wilhelm Vedder, hatte das Lokal gemeinsam mit seiner Frau Anna von 1906 bis 1930 geführt. Ihnen folgten bis 1950 die Eheleute Willi und Emmy Vedder. Von 1950 bis 1953 betrieben Fritz Krugmann und seine Frau Änne die Gastwirtschaft als Pächter. Von 1954 bis 1963 waren Rudolf und Marianne Krieger hier die Betreiber. 1963 übernahmen Wilhelm und Annemarie Kriegeskotte als Eigentümer das Haus. ▪ -fe

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