Würdevoller Abschied im Tierkrematorium Grünenthal

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Tierbesitzer sollen sich in Ruhe und Würde verabschieden können, sagt Joel Kamann, der im Tierkrematorium Grünenthal als Tierbestatter tätig ist.

Meinerzhagen - „Der Tod gehört zu 100 Prozent zum Leben“, sagt Joel Kamann. Das gilt sowohl für Menschen als auch für Tiere. Joel Kamann begleitet Tiere auf ihrem letzten Weg. Der 32-Jährige ist Tierbestatter.

Nicht selten werden verstorbene Tiere im eigenen Garten oder im Wald vergraben – die Einäscherung im Tierkrematorium ist eine Alternative. Ein altes Firmengebäude ist die letzte irdische Station von Hunden, Katzen, Hasen oder auch Papageien. Das Tierkrematorium Grünenthal liegt in einer Kurve an der Landstraße 323 Richtung Aggertalsperre, kurz hinter der Meinerzhagener Ortsgrenze. Von außen wirkt es eher nüchtern, fast kühl. Im Inneren des Hauses offenbart sich jedoch eine ganz andere Atmosphäre. 

Ein alter Holztisch steht in der Mitte des einen der beiden Trauerräume. Auch die vier Stühle sind aus Eiche. Auf dem alten Sofa zwischen den rustikalen Regalen liegt eine orangefarbene Decke mit dem Aufdruck „Schnuffeldecke“. „Die ist wohl mal vergessen worden, aber sie passt gut hierhin“, findet Joel Kamann. Hier in diesem Raum können die Hinterbliebenen ihre Wünsche für die Bestattung ihres meist vierbeinigen Lieblings besprechen und Abschied nehmen. Umgeben von Urnen in den verschiedensten Farben und Formen, mit bunten Steinchen und Pfoten verzierten Kästchen, beides oft auch mit Tierbildern bedruckt. 

Bilder hängen auch an den Wänden. Gerahmte Fotos mit glücklichen Hunden und Katzen. In den Gesprächen geht es aber meist um tote Tiere. „Hier sieht es aus wie in Omas Wohnzimmer“, beschreibt Joel Kamann. „Gemütlich, etwas alt – so soll es sein. Hier kann man auch in anderen Erinnerungen schwelgen. Der Besuch hier ist ja auch etwas anderes.“ 

Viel Herzblut stecke in dem Unternehmen, sagt Kamann. Sein Chef, Inhaber Ernst-Walter Deussen, habe vor etwas mehr als zehn Jahren viel Mut gehabt und einen großen Schritt gewagt, das Krematorium Grünenthal zu eröffnen. Was mit toten Tieren passiert, darüber habe man sich früher keine großen Gedanken gemacht. Doch nicht immer sei es möglich, ein Tier auf dem eigenen Grundstück zu beerdigen, meint Kamann. „Wenn ein Bach oder See in der Nähe ist, kommt der Umweltschutz ins Spiel. Einen Hamster kann man mit einem Rosenblatt in ein Kästchen legen, aber was macht man mit einer Dogge?“ Inzwischen habe sich die Form der Tierbestattung etabliert. Pro Tag seien im Schnitt zehn bis zwölf Einzeleinäscherungen möglich. Dies sei aber immer unterschiedlich. „Das ist wie beim Wetter, manchmal gibt es mehr Aufträge, manchmal weniger. Aber wir haben viel zu tun, die Anlage läuft von montags bis freitags.“ Zum Beispiel können sich Grippewellen auch bei den Tieren bemerkbar machen. „Dann sterben auch mehr Tiere.“ 

Das Einzugsgebiet ist bis zu 200 Kilometer groß. Tierbesitzer bringen ihre verstorbenen Weggefährten persönlich oder lassen sie zuhause oder beim Tierarzt abholen. Auf Wunsch werden die Überreste auch verschickt. „Das klären wir aber vorher ab, es ist ja sonst schon ein komisches Gefühl, wenn die Asche per Post kommt“, meint der Tierbestatter. Etwa eine Stunde dauert die Verbrennung eines bis zu zehn Kilogramm schweren Tieres. 

Das Krematorium Grünenthal bietet Einäscherungen von Haustieren bis zu 60 Kilogramm an. „Darunter sind eigentlich alle Arten von Tieren“, so Joel Kamann. Bei den meisten Anfragen handele es sich aber um Hunde oder Katzen. Gelegentlich seien auch Kleintiere wie Wellensittiche, Hamster oder Ratten dabei. Aber auch eine Handvoll speziellere Anfragen gebe es jedes Jahr. „Manche Leute wollen ihre Vogelspinne einäschern lassen.“ Da Vogelspinnen keine Knochen haben, bleibt nach dem Prozess der Einäscherung keine Asche übrig. „Wir nehmen diese Aufträge natürlich auch an, wenn das der Wunsch ist, aber wir sagen den Kunden ganz klar: Da bleibt nichts übrig“, erklärt er. Es fühle sich komisch an, nichts zurückgeben zu können. 

Die Kosten für die Einäscherung variieren je nach Größe und Gewicht. Die Verbrennung einer Katze oder eines kleinen Hundes kostet beispielsweise 160 Euro, Kosten für Urne oder Überführung kommen noch hinzu. Eine Sammeleinäscherung ist etwas günstiger. Diese Asche wird allerdings nicht herausgegeben, sondern in der Nähe des Krematoriums im Wald verstreut. Die Hinterbliebenen erhalten ein Zertifikat, welches belegt, dass ihr Tier eingeäschert wurde. „Das ist eine der größten Ängste unserer Kunden: Ist die Asche von meinem Tier?“, so Kamann. Jeder Verbrennung wird daher ein Schamottstein mit einer Nummer beigefügt, so wird die Zuordnung gewährleistet. Die Knochenüberreste werden noch einmal gemahlen, bevor sie in die Urnen aus Keramik, Glas, Kristall oder Holz gefüllt werden.

In Herzform und in verschiedenen Farben gibt es sogar Bio-Urnen. Auf manchen Aufbewahrungsbehältnissen kann auch der Name des Tieres eingraviert werden. Viele Herrchen und Frauchen sind bis zum Schluss bei Bobby, Balu oder Benji und verfolgen im Trauerraum auf einem Monitor den Beginn der Einäscherung. Manche füllen sich Reste der Asche in ein Medaillon oder Amulett – Möglichkeiten der Erinnerung gibt es viele, wie den Trauernden an Beispielen auf einer alten Kommode im Trauerzimmer gezeigt wird.

Noch wichtiger ist Joel Kamann jedoch die angemessene Begleitung der Trauernden. „Wir gehen hier nicht nach Schema F vor. Wir nehmen uns so viel Zeit, wie wir können. Die Frage ist letztendlich, wie wird man dem Tier gerecht? Wir möchten, dass sich die Besitzer in Ruhe und in Würde verabschieden können.“

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