Teufelskreis der Magersucht durchbrechen

Die Teilnehmer des Seminars sollten mit Hilfe eines Seils zeigen, wie groß sie den Umfang der eigenen Taille einschätzen.

MEINERZHAGEN ▪ Die Schülerinnen und Schüler der 7a verteilten sich im Raum. Jede Kleingruppe erhielt ein buntes Seil. An dem sollte Rahel zeigen, welchen Taillenumfang sie hat. Dann schlang Judith ihr das Seil um die Taille, damit das Körpermaß überprüft werden konnte.

Diese Szene, die sich beim Suchtprophylaxeseminar der Realschüler in Holzwipper abspielte, veranschaulichte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, inwiefern sie dazu in der Lage sind, ihr Körpermaß richtig einzuschätzen.

Bei vielen Jugendlichen, meistens jungen Mädchen, ist diese Fähigkeit verloren gegangen. Sie haben eine so genannte Körperschemastörung. Susanne Bisterfeld von der Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Meinerzhagen zeigte den Realschülern anhand eines Fallbeispiels, welche Auswirkungen diese Wahrnehmungsstörungen haben können. In einem kleinen Film erklärt Geza die Probleme Magersüchtiger. „Ich war damals 13 Jahre alt. In der Klasse wurde ich gemobbt. Oft fühlte ich mich unverstanden. So hatte ich keine Freunde und ließ auch niemanden mehr an mich heran.“ Geza meinte, dass sie an ihrem Äußeren etwas verändern müsse, um den anderen besser zu gefallen. Sie dachte, eine Veränderung ihrer Figur könne die Probleme lösen.

Der Gedanke, ständig dünner werden zu müssen, wurde zwanghaft. Durch regelmäßiges Erbrechen verlor Geza so viel an Gewicht, dass es lebensbedrohlich wurde. „Zuletzt wog sie nur noch 37 Kilo“, erläuterte ihre Mutter, „meine Tochter war nervös, unkonzentriert, oft sehr aggressiv und konnte nicht mehr ohne Schmerzen auf einem Stuhl sitzen. Es war lebensbedrohlich.“ Geza selbst erklärte: „Zum Schluss habe ich nichts mehr gefühlt. Ich hatte ein total verzerrtes Bild von mir.“ Von diesem Beispiel einer Ess-Brech-Sucht zeigten sich die Realschüler stark beeindruckt. Gemeinsam mit Susanne Bisterfeld erarbeiteten sie Möglichkeiten, um dem Teufelskreis der Magersucht zu entgehen. So stellten sie heraus, dass eine Wahrnehmung eigener Stärken wichtig sei, um Wahrnehmungsstörungen zu vermeiden. In Partnerinterviews stellten sie die Stärken ihrer Mitschüler in den Mittelpunkt.

Mit ihren Lehrerinnen Bärbel Wewer und Elisabeth Pox hatten sie zuvor am ersten Tag des dreitägigen Seminars schon in der Infothek Informationen über legale und illegale Drogen gesammelt, sich mit den Ursachen, Wirkungen und Folgen beschäftigt.

Dabei wurde klar, dass „Sucht viele Gesichter haben kann“. Außerdem wurden die vielfältigen Hilfsangebote für Betroffene thematisiert. „Das reicht von Freunden und den Eltern über professionelle Hilfen durch Ärzte, die Drobs und die Awo“, erläutert Elisabeth Pox.

Der Suchtprozess stand am zweiten Tag auf dem abwechslungsreichen Programm. Dazu hatte sich auch Ulrich Ness, therapeutischer Leiter der Klinik für Alkoholkranke in Lüdenscheid-Spielwigge mit zwei Patienten eingefunden. Diese berichteten von ihrem durch die Alkoholabhängigkeit diktierten Alltag. Dabei wurde auch die Co-Abhängigkeit der Familienmitglieder angesprochen. „Da waren die Schülerinnen und Schüler sehr stark betroffen“, blickt Bärbel Wewer zurück. „Besonders die eindringlichen Warnungen der Betroffenen und ihre Gefühle der Scham über die eigenen Fehler gingen allen unter die Haut.“

Und so hoffen die Beratungslehrerinnen der Städtischen Realschule, zu denen noch Karin Makereel gehört, eine Sensibilisierung bei den Jugendlichen erreicht zu haben, um sie zu stärken, wenn Probleme auftreten. „Nur wenn die Schülerinnen und Schüler sich äußern, können Hilfsangebote gemacht werden. Und das beginnt schon beim vertraulichen Gespräch mit Mitschülern oder Lehrern“, erläuterte Elisabeth Pox abschließend.

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