Millowitsch und Sittler begeistern Zuhörer in der Stadthalle

Ausflug zu Töchterchens Versorgungsheirat

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Nach der szenischen Lesung war der Ansturm auf den Signiertisch groß.

Meinerzhagen – Blankes Entsetzen ergreift Lore und Harry, als sie von den Heiratsplänen ihrer Tochter Gloria erfahren: „36 Jahre, und das ist jetzt der dritte Mann!“ Lore graut vor dieser Hochzeit. Harry tröstet sie mit dem Hinweis: „Man kann sich alles schönreden!“

40 Jahre sind die beiden verheiratet, und Glorias bevorstehende Versorgungshochzeit mit einem steinreichen „Erben“ wird für sie zum Anlass für eine Lebensbilanz der Eheleute, denen der intensive Dialog jedenfalls nicht abhanden gekommen ist.

„Alte Liebe“ schrieben Elke Heidenreich und Bernd Schroeder über ihren Roman, den Mariele Millowitsch und Walter Sittler auf Einladung des Kulturvereins KuK in der ausverkauften Stadthalle grandios in Szene setzten. Bis auf eine völlig unbedeutende technische Panne zu Beginn stimmte am Samstagabend einfach alles: Ein Traumpaar des deutschen Films präsentierte vor beeindruckender Kulisse einen wunderbaren Text voller witziger und geistreicher Bemerkungen, in dem sich Vertreter dieser Generation wiederfinden konnten.

Harry genießt bereits die Rente, braucht sein Bier und kümmert sich liebevoll um den Garten. Lore arbeitet noch als Bibliothekarin und organisiert Lesungen mit Schriftstellern, wie sich das für so einen Lesetempel gehört: „Wie sähe unsere Welt aus ohne Dichter und Schriftsteller?!“ Harry bleibt bei diesen Veranstaltungen eher zuhause.

Schmale Betten und anstrengende Flugreisen nähren zudem seine Skepsis gegenüber Fernreisen. Die beiden bleiben also zumeist in Häuschen und Garten und haben viel Zeit für kluge Gespräche und Erinnerungen: Harry hatte sich vor vielen Jahren in eine junge Dame verliebt – alles hätte also auch ganz anders laufen können, und dieses Wissen ist nicht einfach irrelevant geworden: „Wir sind seit 40 Jahren zusammen und ziehen so eine Eifersuchtsnummer auf?!“, stoppt Harry eine etwas hitzige Diskussion über ihn und eine gewisse Verena Berg.

Dickes Polster an Gemeinsamkeiten

„Ist es schon ein Glück, wenn es einfach nur hält?“, fragt sich Lore und will sich nicht „glücklich“ nennen: „Ich bin zufrieden.“ Harry beschäftigt eine andere dringende Frage: „Wie alt muss man werden, um seine Frau zu verstehen?“ Wie dick trotz allem das Polster an Gemeinsamkeiten zwischen den beiden ist, zeigt der Ausflug zur Hochzeit des Töchterchens, dessen Lebenswandel Harry mit bitterbösen Worten überkübelt: „Sie ist eine erwachsene Frau, die nichts auf die Reihe kriegt – weder die Männer, noch die Arbeit.“ Harry macht auch politisch aus seinem Herzen keine Mördergrube und betrachtet den Pflichtbesuch in Töchterchens angeheirateter Prachtvilla als „eine Auffrischungskur für den antikapitalistischen Kampfgeist der 60er-Jahre“. Als schließlich auch noch ein Frühstück mit den reaktionären Schwiegereltern droht, genießen die beiden „Oldies“ nach den beiden Akten der Trauungs-„Posse“ und langer Enthaltsamkeit die körperliche Seite ihres Daseins. Die dabei zutage getretene Leidenschaft hätte auch einem frischgebackenen Hochzeitspaar gut zu Gesicht gestanden.

Publikum bedankt sich mit reichlich Applaus

Irritierend wirkte bei all dem nur die Erkenntnis, dass zwei derart wunderbare Menschen es nicht geschafft haben sollten, ihrer Tochter andere Werte und Einstellungen zu vermitteln. Aber in der Welt geschehen nun mal Dinge, die ihrem ordentlichen Lauf zu widersprechen scheinen. Das Publikum bedankte sich bei den beiden Schauspielern mit imposantem Applaus und einem Ansturm auf den Tisch, auf dem die zu signierenden Bücher von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder lagen.

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