„Das Brot“: 60 Jahre und kein Schimmel

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Karl-Jörg und Erika Hackenberg sprachen bei ihrem Treffen über längst vergangene Zeiten. Voss

Meinerzhagen - Rein optisch betrachtet, sieht die braune Brotscheibe in der kleinen Klarsicht-Schachtel zum Reinbeißen aus.

Was beim Betrachten des Endstückes jedoch nicht auffällt, ist die Tatsache, dass es steinhart ist. Kein Wunder: 60 Jahre hat „der Kanten“ auf dem Buckel – und eine wohl einzigartige Geschichte.

Am 12. Juli 1957 heiratete die Meinerzhagenerin Erika Hackenberg ihren Ehemann Manfred in der Jesus-Christus-Kirche zu Meinerzhagen. Und genau zu diesem Zeitpunkt hatte das Brot auch seinen ersten und einzigen (großen) „Auftritt“: Zusammen mit etwas Salz wurde es dem Bräutigam von dessen Mutter Frieda in die Tasche gesteckt. „Das war in Schlesien so Brauch. Von dort war mein Mann nach dem zweiten Weltkrieg vertrieben worden. In Meinerzhagen fand er eine neue Heimat“, erinnert sich Erika Hackenberg.

Nach der Eheschließung verschwand das Brot allerdings in der Versenkung – besser gesagt: In Servietten eingewickelt wurde es auf den Cognacgläsern im Schrank der Eheleute Hackenberg deponiert. Ab und zu folgte noch eine kleinere Episode, wenn der „Knapp“ den Enkeln gezeigt wurde. „Die hören gern Geschichten von früher und oft wurde ich von den Kindern gebeten, ihnen das Brot noch einmal zu zeigen“, lacht Erika Hackenberg.

Vor einige Tagen jedoch beschloss die 83-Jährige, die übrigens noch immer in ihrem Geburtshaus an der Volmestraße wohnt, dass ihr Brot etwas mehr „Öffentlichkeit“ vertragen könnte. Sie packte es in besagte Schachtel, machte sich auf zur Bäckerei Voss und überraschte Bäckermeister Karl-Jörg Voss mit dem guten Stück. Und der staunte nicht schlecht, als er das Backwerk in den Händen hielt, das sein Vater Karl-Jürgen vor sechs Jahrzehnten in den Ofen geschoben hatte. Denn genau hier, an der Lindenstraße, hatte das Hochzeitsbrot einst im Regal gelegen. Knackfrisch und ofenwarm. Der Kreis hatte sich geschlossen.

Noch immer hat Erika Hackenberg einen ganz besonderen Bezug zu Lebensmitteln. Das liegt auch daran, dass die Kriegs- und Nachkriegsjahre die Meinerzhagenerin geprägt haben. „Schon als Kind habe ich bei Voss eingekauft und dort auch öfter Schlange gestanden. Es gab Zeiten, in denen es für die Bevölkerung nicht viel gab. Man hatte Lebensmittelmarken und im Ruhrgebiet sind die Menschen sogar verhungert.“

1957 allerdings war die Versorgung auch in Meinerzhagen wieder in Ordnung. Auch deshalb wurde das Brotstück nicht angetastet. Diese Tatsache dankte es damit, dass es in all den Jahrzehnten keinen Schimmel ansetzte. Erklären kann sich Erika Hackenberg diese Tatsache aber nicht wirklich. Eine Vermutung: Vielleicht sei es im Obergeschoss des Hauses dazu einfach zu trocken gewesen. Ihren Enkeln lieferte sie allerdings eine viel schönere Begründung: „Während der Trauung in der Jesus-Christus-Kirche ist das Brot gesegnet worden. Wie sollte es da schimmeln?“

Ehemann Manfred Hackenberg starb bereits vor vielen Jahren. Das Brot aus seiner Jackentasche hat die Zeiten überdauert und kommt jetzt zu einer ganz besonderen Ehre. Es kehrt zurück an den Ort, wo alles begann. In der Bäckerei soll es im Verkaufsraum einen Ehrenplatz erhalten. Jeder, der mag, kann es dort dann bestaunen. Und vielleicht schauen künftig Paare vor ihrer Hochzeit einmal bei dem Brot vorbei. Es könnte Glück bringen – schließlich waren Erika und Manfred Hackenberg 36 Jahre lang glücklich verheiratet.

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