Ein Stück Ortsgeschichte verschwindet

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Das Schicksal der Traditionsgaststätte Zum Winzenberg ist besiegelt. Weil sich keine Nachfolger fanden, werden die Gebäude abgerissen und machen Platz für bis zu sechs Einfamilienhäuser mit Garagen. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Und wieder verschwindet ein gutes altes Stück Meinerzhagener Ortsgeschichte für immer von der Bildfläche. Die Traditionsgaststätte „Zum Winzenberg“ wurde von ihren letzten Eigentümern verkauft. Deren lange und intensiven Bemühungen, eine Nachfolgeregelung für den Gastronomiebetrieb zu finden, blieben erfolglos.

Ein privater Investor aus dem heimischen Raum erwarb die Immobilie nebst ihren Freiflächen und will diese in attraktiver Südhanglage einer Wohnbebauung zuführen.

Dirk Kriegeskotte und seine Frau Simone hatten das Lokal vom Vater Wilhelm Kriegeskotte übernommen und es ab den 90er Jahren in eigener Regie betrieben. Eine chronische und schwere Erkrankung des Juniors führte letztlich zu dem schweren Entschluss der Geschäftsaufgabe. Nachfolger für die Gastwirtschaft waren leider nicht zu finden. Als letzte Option blieb der vor wenigen Wochen besiegelte Verkauf an einen Investor. Der hatte im Rahmen einer Bauvoranfrage zuvor die planungs- und baurechtlichen Möglichkeiten für eine Vermarktung der Fläche prüfen lassen. Der Bau- und Vergabeausschuss der Stadt hatte sich bereits im März des Jahres mit der Thematik befasst. Abgeklärt wurde seitens der Bauverwaltung, dass es für das alte Gebäude keinen Bestandsschutz in Form einer Erhaltungssatzung oder einer Unterschutzstellung als Baudenkmal gibt. Einem möglichen Abbruchantrag müsse daher stattgegeben werden, so die Aussage. Vorgelegte Pläne, auf der gesamten Fläche Baugrundstücke für bis zu sechs Einfamilienhäuser auszuweisen, stehen in Einklang mit den rechtskräftigen Festlegungen für das Gebiet Winzenberg/Grotmicke. Trotz einigen Bedenken wegen der damit verbundenen Aufgabe eines ortsbildprägenden Ensembles sahen die Ausschussmitglieder keinen Anlass, das städtische Einvernehmen zu einer solchen Verwertung der Flächen zu versagen. Der Märkische Kreis als Baugenehmigungsbehörde hatte ebenfalls Zustimmung signalisiert.

Wie die MZ auf Anfrage vom Erwerber erfuhr, ist mit der Vermarktung der Baugrundstücke begonnen worden. Und es gibt bereits einige Interessenten. Ein erster Kaufvertrag könnte schon in Kürze abgeschlossen werden. Das wäre dann zugleich der Zeitpunkt für den Abriss der vorhandenen Gebäudesubstanz, so der Investor, der namentlich nicht genannt werden will.

Der also offenbar unmittelbar bevorstehende Abriss der alten Gaststätte nebst Kegelbahn beendet eine über mehr als 150 Jahre zurück zu verfolgende Tradition. Der Landwirt Wilhelm Vedder (1832 - 1901) hatte Mitte des 19. Jahrhunderts, wahrscheinlich um das Jahr 1860, zunächst im Nebenerwerb eine Schankwirtschaft eröffnet. Diese erfreute sich sehr bald regen Zuspruchs. Der Meinerzhagener Ortschronist Eduard Fittig hatte 1920 für Otto Vedder, der aus dem Hause Vedder/Winzenberg stammte und von 1922 bis 1946 Amtsbürgermeister in Meinerzhagen war, die „Familienchronik Vedder“ verfasst. Darin heißt es: „Die Eheleute Wilhelm Vedder betrieben außer der Landwirtschaft noch Gast- und Schankwirtschaft. An Sonn- und Feiertagen war die Vedder’sche Wirtschaft ein gern besuchtes Lokal, und bei geeigneter Witterung war die Kegelbahn (damals noch eine Freiluftanlage, Anmerkung der Redaktion) meist voll besetzt. Jahrelang fanden auch Sommerfrischler zu Winzenberg freundliche Aufnahme und gute Verpflegung.“

Die Gastwirtschaft im Süden des Meinerzhagener Gemeindegebietes entwickelte sich zu einem Zentrum des geselligen und vereinsmäßig organisierten Lebens in der Genkeler Bauernschaft mit ihren umliegenden Ortschaften. Am 21. Mai 1905 wurde im Rahmen einer Versammlung im Lokal Vedder zu Winzenberg der Beschluss zur Gründung einer freiwilligen Feuerwehr, der späteren Löschgruppe Genkel, gefasst. Ein Jahr später, 1906, gründete sich hier der Männergesangverein Eintracht Winzenberg.

In einer Chronik zum 75-jährigen Vereinsbestehen der Winzenberger Sänger finden sich die Namen aller Vereinswirte: August Vedder, Sohn des Gründers Wilhelm Vedder, hatte das Lokal gemeinsam mit seiner Frau Anna von 1906 bis 1930 geführt. Ihnen folgten bis 1950 die Eheleute Willi und Emmy Vedder. Von 1950 bis 1953 betrieben Fritz Krugmann und seine Frau Änne die Gastwirtschaft als Pächter. Von 1954 bis 1963 waren Rudolf und Marianne Krieger hier die Betreiber. 1963 übernahmen Wilhelm und Annemarie Kriegeskotte als Eigentümer das Haus. Mit Dirk und Simone Kriegeskotte, die einen neuen Wohnsitz im Alten Land in der Elbmarsch gefunden und Meinerzhagen verlassen haben, endet die Reihe der Winzenberger Wirtsleute.

Im großen Saal des Lokals fanden viele Versammlungen und Feste von Vereinen und auch politischen Gruppierungen statt. Ausschüsse und der Rat der Gemeinde und späteren Stadt Meinerzhagen tagten hier. Und natürlich wurden hier immer wieder Familienfeste jeglicher Art gefeiert. Auch mehrere Stammtische und natürlich auch viele Kegelklubs wählten den Winzenberg zu ihrer teils jahrzehntelangen Heimstätte.

Das alles kann hier nun nicht mehr stattfinden – sehr zum Bedauern vieler Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung. „Es ist eine Tragödie, ein herber Verlust für vieles Liebgewesene“, urteilt ein langjähriger Nachbar, der ehemalige Bundestagabgeordnete Dr. Manfred Luda. Auch ihn verbinden viele Erinnerungen mit der Gaststätte Winzenberg, die es jetzt nicht mehr gibt. Als Protektor des MGV Winzenberg war er kürzlich auch daran beteiligt, einen allen Beteiligten sehr schwer fallenden Entschluss zu treffen: Die Chortätigkeit wird eingestellt. „Sie soll zunächst nur ruhen. Es ist also noch keine Vereinsauflösung nach inzwischen 106-jähriger Chorgeschichte“, erklärt auf Anfrage der amtierende Vorsitzende Theo Scholand. Die Zahl der aktiven Sänger war aus den unterschiedlichsten Gründen zuletzt bis auf zehn gesunken. Nachdem man jetzt auch noch das angestammte Proben- und Vereinslokal verloren hat, sah man für eine Fortsetzung der Vereinstätigkeit keine Perspektive mehr.

Das nun besiegelte Schicksal der Gaststätte „Zum Winzenberg“ reiht sich ein in eine mittlerweile große Zahl von Geschäftsaufgaben im Bereich der örtlichen Gastronomie. Zum Teil kennen jüngere Menschen nicht einmal mehr die Namen und die Lage der vielen gastlichen Stätten im Stadtgebiet, die sich über zum Teil viele Jahrzehnte großen Zuspruchs erfreuten und die am Ende aus den unterschiedlichsten Gründen aufgegeben wurden. Zur Erinnerung und ohne Anspruch auf Vollständigkeit hier einige Beispiele: Dönneweg an der Oststraße, die Hotels Westfälischer Hof, Meinhardus und Killing an der Hauptstraße, Gasthaus Ecks am Löher Weg, Haus Kamplade an der Mühlenbergstraße, die Gaststätten Zur Post“, „Zum Stadion“, „Gerichtsklause“, die Gasthöfe Otto und Panne in Scherl, die Gaststätte Krieger/Zur Altstadt an der Kirchstraße, das Hotel Bauer in Willertshagen. ▪ -fe

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