Streitpunkt Maskenpflicht

Haarschnitt verweigert: Autistisches Kind ohne Maske scheitert mit Attest bei Friseur im MK

Ein Schild, das auf die Maskenpflicht hinweist.
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Nicht ohne Maske: Was für viele Menschen selbstverständlich ist, ist für manche aus verschiedene Gründen nicht möglich. Die Friseure kann das vor rechtliche Probleme stellen.

Die Maskenpflicht ist in der Corona-Pandemie der Zankapfel schlechthin - so auch im Märkischen Kreis. Einem autistisches Kind, das von der Maskenpflicht eigentlich befreit ist, wurde nun ein Haarschnitt beim Friseur verweigert.

Meinerzhagen - Die deutliche Mehrheit der Deutschen nimmt das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes klaglos hin, jedoch bezeichnen sich laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts IFH Köln zehn Prozent der Konsumenten in Deutschland als „Skeptiker“, die sich kaum an Hygieneregeln halten.

Medizinischer ArtikelMund-Nasen-Schutz
AbkürzungMNS
ZweckÜbertragung von Krankheitserregern verhindern

Autistisches Kind ohne Maske scheitert bei Friseur: Attest war von Arzt ausgestellt worden

Und das obwohl das Tragen der Maske längst nicht nur in geschlossenen Räumen, sondern etwa auch Spielplätzen verbindlich* ist. Ein Problem nicht nur für Geschäfte und Dienstleister, sondern auch für Menschen mit tatsächlichen gesundheitlichen Einschränkungen, wie ein Fall aus Meinerzhagen zeigt. 

Die zweifache Mutter Katrin Wildung (Name von der Redaktion geändert) will ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen – zu groß ist die Sorge vor Stigmatisierung und Anfeindungen. Doch die Erfahrung, die sie in den vergangenen Monaten machte, will sie teilen – steht sie doch stellvertretend für viele Konflikte im Zuge der Corona*-Pandemie. Im Zentrum des „Maskenstreits“ steht Katrin Wildungs 13-jährige Tochter.

Sie ist Autistin „und wird aggressiv, wenn sie die Maske tragen muss“, sagt Wildung. Ein Arzt stellte der 13-Jährigen ein Attest aus, das sie vom Tragen des Mund-Nasen-Schutzes befreit. Dass dieses Attest aber nicht überall akzeptiert wird, zeigte der Besuch beim Friseur.

Autistisches Kind ohne Maske scheitert mit Attest bei Friseur: „Das macht mich wütend“

„Wir sind dort Kunden, seitdem meine Tochter drei Jahre alt ist“, sagt Wildung, „dort hatten wir auch das Attest hinterlegt, um gleich deutlich zu machen, warum sie keine Maske tragen kann“. Frisiert wurde das Mädchen dennoch nicht. „Man hat sich geweigert – und das macht mich wütend“, sagt Katrin Wildung, die sich selbst nicht als Maskenverweigerer sieht und die Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz vor dem Virus verstehe, „aber das kann man doch nicht auf Kosten gehandicapter Menschen machen“, ärgert sie sich. 

Doch in welchem rechtlichen Rahmen bewegen sich die Friseure tatsächlich? „Eigentlich wurde uns die Entscheidung dazu schon von der Berufsgenossenschaft abgenommen“, sagt Achim Schilling. Er ist Innungsmeister der Friseure im Märkischen Kreis und weiß um das Risiko, das jeder Kollege mit der Behandlung eines Kunden ohne Maske eingehen würde. „Es gibt da ganz klare Vorgaben: Entweder Maske oder wir können nicht frisieren. Das ist also am Ende nicht unsere Entscheidung, sondern eine klare Vorgabe“, sagt Schilling.

Dieser direkten Ansage der Berufsgenossenschaft steht jedoch die Corona-Schutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen gegenüber. Heinz-Gerd Maikranz ist Fachbereichsleiter Bürgerdienste in Meinerzhagen und kennt die Paragrafen qua Amt fast auswendig. Er sagt: „Friseure gehen kein rechtliches Risiko ein, da die Maske vom Kunden „vorübergehend zur Ermöglichung einer Dienstleistung“ abgelegt werden darf (§3, Abs. 6, CoronaSchVO). Eine Regelung, von der mindestens ein Friseur in Meinerzhagen offenbar Gebrauch macht. „Wir haben ein wenig telefoniert und schließlich einen gefunden, der meine Tochter frisiert“, berichtet Katrin Wildung. 

Autistisches Kind ohne Maske scheitert mit Attest bei Friseur: Verständnis eingefordert

Mit der Berufsgenossenschaft dürfte dieser Friseur dann allerdings noch nicht über diese Dienstleistung gesprochen haben. „Es mag ja sein, dass der Kollege da eine Lösung gefunden hat – erlaubt ist es aber nicht“, sagt Innungsmeister Achim Schilling. Katrin Wildung indes kann nicht verstehen, warum ärztliche Atteste wie in diesem Fall für ihre Tochter nicht akzeptiert werden. „Das sind doch keine Gefälligkeitsatteste“, sagt sie. „Sowohl ich als auch mein Mann tragen die Maske, weil wir sie tragen können. Aber man sollte doch auch verstehen, dass es Menschen gibt, die das nicht können.“ 

Dass es allerdings Ärzte in Deutschland gibt, die Atteste durchaus freizügig ausstellen, bestätigt Holger Reimann, Sprecher der Allgemeinmediziner in Meinerzhagen. „Hier in unserer Region ist mir kein Arzt bekannt, der so etwas macht, aber etwa in Hannover ermittelt die Staatsanwaltschaft schon in dieser Sache“, sagt Reimann. Er persönlich stelle nur in einem Fall Atteste aus, die vom Tragen des Mund-Nasen-Schutzes befreien: Wenn der Patient ein Sauerstoffgerät, etwa bei einer COPD-Erkrankung, tragen muss. „In diesem Fall ist das tatsächlich nur sehr schwer möglich, wenngleich einige selbst dann Maske tragen“, sagt Reimann, der seine Zurückhaltung mit dem Schutz der Mitmenschen erklärt. „Hier geht es bei den normalen Alltagsmasken darum, andere nicht anzustecken. Da gibt es einfach kaum einen Fall, der die Befreiung von der Maskenpflicht rechtfertigt.“ 

Katrin Wildung sieht die Mediziner indes in der Pflicht, Schaden von ihrem Patienten abzuwenden – und sei es in Form eines „Masken-Attests“. Sie ist froh, einen anderen Friseur gefunden zu haben, erhielt mittlerweile aber auch einen Anruf aus dem Salon, in dem ihre Tochter nicht frisiert werden sollte: Man habe sich entschuldigt, berichtet Wildung. Ob sie dort Kundin bleibt, lässt sie aber offen. - *wa.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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