Störsignal aus dem Altenheim: Kopfhörer behinderte Funkverkehr von Flugzeugen

+
Geräte, die sich über Funk miteinander verbinden, müssen unbedingt bestimmte technische Voraussetzungen erfüllen, damit sie beispielsweise den Funkverkehr von Flugzeugen nicht stören.

Meinerzhagen - Ein Bewohner des Wilhelm-Langemann-Hauses bekam kürzlich unerwarteten Besuch. Neben der Einrichtungsleiterin wollten auch drei Mitarbeiter der Bundesnetzagentur in das Zimmer von Wilhelm Kriegeskotte. Dort hatten sie eine Störquelle ausgemacht, die den Funkverkehr in der Einflugschneise des Düsseldorfer Flughafens behinderte.

 „Das war schon kurios, ich konnte mir erst gar nicht erklären, was sie wollten“, sagt der 82-jährige. „Ich dachte mir: Was wollen die denn? Ich hatte ja kein schlechtes Gewissen.“ Tatsächlich hatten die Mitarbeiter der Bundesnetzagentur bei ihrem Besuch am 19. Februar rasch den „Übeltäter“ ermittelt, einen Funkkopfhörer mit einem etwa handy-großen Sender, der im Fernseher steckte. „Mein Sohn hat es ordnungsgemäß angeschlossen, wie es in der Beschreibung stand, und dann hat es funktioniert“, sagt Kriegeskotte, der das Gerät nur ein paar Wochen in Betrieb hatte. Tagsüber schaue er wenig fern, aber abends gern ein wenig gegen die Langeweile. „Sendungen über Schiffe, Nachrichten oder Sport – in letzter Zeit habe ich viel Wintersport geguckt.“

Flugkapitäne beklagten Störgeräusche

Dass er dabei überhaupt einen Funkkopfhörer benutzte, hatte nichts mit Schwerhörigkeit zu tun, sondern mit Rücksichtnahme auf seinen Zimmergenossen, der nicht gern fernsehe und den Kriegeskotte darum nicht stören wollte. Dass der Kopfhörer, den sein Sohn übers Internet gekauft hatte, sich im Luftraum über Meinerzhagen zu einem Störenfried entpuppen würde, konnte er da nicht ahnen.

Wilhelm Kriegeskotte wollte beim Fernsehen seinen Zimmergenossen nicht stören. Stattdessen störte er – unbeabsichtigt – mit seinem Funkkopfhörer den Flugverkehr.

Ehe am 19. Februar der Peilwagen der Bundesnetzagentur am Wilhelm-Langemann-Haus vorfuhr, waren im Laufe des Januars beim Prüf- und Messdienst der Bundesnetzagentur eine Reihe von Störungsmeldungen seitens der Deutschen Flugsicherung eingegangen, in denen sich zum Flughafen Düsseldorf anfliegende Maschinen im Raum Lüdenscheid/Meinerzhagen über Störungen in ihrem Funkverkehr – „background noises“ (Hintergrundgeräusche) – beklagten, sagt Fiete Wulff, Leiter Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei der Bundesnetzagentur.

Die Maschinen hätten hier ihre Reiseflughöhe bereits verlassen und bewegten sich in Einflugschneisen mit niedrigen Flughöhen. Dadurch sei der Empfang auch von schwachen Funksignalen möglich, die vom Boden aus abgestrahlt werden. „Da die Flugzeuge während des Anfluges auf einen Flughafen besonders intensiven Funkverkehr mit dem Tower des Flughafens pflegen und manchmal auch kurzfristig auf geänderte Anflugbedingungen reagieren müssen, ist ein störungsfreier Empfang auf den Flugfunkfrequenzen gerade in diesem Zeitraum besonders wichtig“, sagt Wulff.

In dieser sensiblen Anflugphase funkte demnach Kriegeskottes Kopfhörer dazwischen. Da die Ortsangaben der Flugkapitäne recht ungenau waren, habe der Prüf- und Messdienst der Bundesnetzagentur ein relativ großes Gebiet am Boden systematisch auf eventuell störende Funkaussendungen überprüft, erklärt Wulff. Anfang Februar wurden diese Messungen auch in Meinerzhagen durchgeführt und ergaben eine Reihe von Feststellungen, unter anderem die relativ intensive Funkaussendung aus dem Wilhelm-Langemann-Haus.

Exponierte Lage auf Bergrücken

„Das Seniorenheim hat eine exponierte Lage auf einem Bergrücken, so dass die Reichweite der Funkaussendung entsprechend hoch ist“, erklärt Wulff von der Bundesnetzagentur. „Hier ist nicht die Intensität der abgestrahlten Leistung entscheidend, sondern die hohe Ortslage und damit verbundene sehr gute Ausbreitungsbedingung für Funkwellen.“

Als die Mitarbeiter der Bundesnetzagentur mit ihrem Peilwagen vor dem Seniorenwohnheim vorfuhren und ihr Anliegen schilderten, war man dort erst einmal erstaunt. Wie Monika Besner, Leiterin des Langemann-Hauses, im hausinternen Kurier über den Besuch berichtet, begleitete sie das Trio von der Netzagentur durch den Gebäudeteil, in dem diese den Störenfried vermuteten. Mit einem besonderen Messgerät „bewaffnet“ hätten sie dann die Störquelle exakt in Kriegeskottes Zimmer ausfindig gemacht. „Die Herren haben das Gerät dann angeschlossen und festgestellt, dass es tatsächlich den Funkverkehr maßgeblich stört“, berichtet der 82-Jährige.

Kopfhörer nutzte Flugfunkfrequenz

Laut Bundesnetzagentur habe Kriegeskottes Sohn den Funkkopfhörer der Marke Jelly Comb (Made in China) „in gutem Glauben“ übers Internet gekauft. „Dieser Funkkopfhörer nutzt für die Übertragung der Audiosignale eine Flugfunkfrequenz und darf deshalb in Europa weder in Verkehr gebracht noch betrieben werden“, sagt Pressesprecher Wullf. Der Kopfhörer werde aber für circa 30 Euro ohne jeglichen Hinweis auf die Nutzung von Flugfunkfrequenzen verkauft. Die Marktaufsicht der Behörde werde sich um eine Einstellung dieses Angebots kümmern.

Verschiedene Modelle der Marke Jelly Comb lassen sich im Internet auf Anhieb finden, auch der Versandriese Amazon führt diese Marke im Sortiment. Die Preise liegen zum Teil auch über 30 Euro, Kriegeskottes Modell soll 45 Euro gekostet haben. „Da kann man mal sehen, wie schnell man reingelegt wird“, sagt der 82-Jährige. Seine Angehörigen haben nun den Händler angeschrieben, um das Geld zurückzufordern oder ein vergleichbares Ersatzgerät, das eine Zulassung für Deutschland hat. Sein alter Funkkopfhörer wurde eingezogen, denn selbst der Betrieb des Geräts ist strafbar. Da jedoch kein Vorsatz vorlag, droht Kriegeskotte keine Strafe.

Selten sind Störungen wie diese übrigens nicht. Allein der Prüf- und Messdienst Krefeld ermittle jährlich ca. 200 vergleichbare Aussendungen auf sicherheitsrelevanten Funkfrequenzen.

Betrieb und Verkauf strafbar

Der Verkauf von Sendeanlagen wie dem fraglichen Funkkopfhörer über das Internet, gerade von Herstellern aus dem asiatischen Raum, hat laut Bundesnetzagentur sehr stark zugenommen. Jeder Inverkehrbringer – also in diesem Fall Internethändler – müsse zwar durch Anbringung eines CE-Kennzeichen dokumentieren, dass er mit diesem Gerät alle europäischen Normen einhält, sagt Pressesprecher Fiete Wulff. „Oft haben diese Sendeanlagen allerdings keine CE-Kennzeichnung oder tragen das CE-Kennzeichen ohne dass eine entsprechende Konformitätserklärung vorliegt.“ Betrieb und Verkauf solcher Anlagen ist strafbar. „Der Inverkehrbringer (Internethändler) verstößt dabei gegen das ,Gesetz über die Bereitstellung von Funkanlagen auf dem Markt’ und der Betreiber (Senior im Wilhelm-Langemann-Haus) – gegen das ,Telekommunikationsgesetz’“, wie Pressesprecher Wulff von der Bundesnetzagentur erklärt. „In der Regel handelt der Betreiber ohne Vorsatz, sodass gegen ihn kein Bußgeld seitens der Bundesnetzagentur verhängt wird“, sagt Wulff„Bei vorsätzlichem Handeln oder wenn der Betreiber einen wirtschaftlichen Vorteil erlangt, sieht das Gesetz Bußgelder bis zu einer Höhe von 500 000 Euro vor.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.