Auf den Spuren seines Vaters

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John Hayball aus Chessington suchte auch in der MZ nach Hinweisen auf seinen Vater. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Und plötzlich steht er da: Ein großer schlanker Mann, rot-blonde Haare, Brille, britischer Akzent.

Er wirkt etwas verunsichert als er vor dem Pförtnerhäuschen der Firma Fuchs steht. In der Hand hält er einen silbernen Aschenbecher. Wie einen Schatz hütet er ihn. Als er dem Pförtner den Grund seines Besuchs erklärt, ahnt der bereits: Das ist ein ganz besonderer Gast. Denn John Hayball wandelt auf den Spuren seines Vaters.

„Dieser alte Aschenbecher hat mich hier her geführt, er hat meinem Vater gehört. Er trägt die Prägung dieser Firma“, erklärt der Engländer. John Hayball ist aus Chessington angereist, der 62-Jährige möchte die Lebenswege seines Vaters nachvollziehen. „Mein Vater war 1941 bis 1946 als Soldat in Deutschland“, erklärt Hayball. Nach dem Tod seiner Mutter im vergangenen Jahr habe er beim Aufräumen Briefe gefunden. „Es waren weit mehr als 100 Stück. Mein Vater schrieb jeden zweiten Tag an meine Mutter.“ In den Briefen berichtete er von den schrecklichen Ereignissen und den Kriegswirren. „Das waren sehr bewegende und intime Briefe. Man konnte spüren, wie groß die Liebe zwischen den beiden war.“ Hayball schießen Tränen in die Augen: „Verzeihen sie – ich habe meine Eltern sehr geliebt und wenn ich mir vorstelle, was mein Vater hier alles erlebt hat, kann ich meine Gefühle nicht verbergen.“

Schnell hat er sich wieder gefangen und berichtet, dass sein Vater vom 11. Juni bis 10. Juli 1945 als britischer Besatzungssoldat in Meinerzhagen war. „Was er hier durchlebte hat, sei das Schlimmste gewesen, was er bisher erlebt hatte“, erzählt der Engländer und entschuldigt sich, denn für die schrecklichen Bilder in seinem Kopf seien kaum passende deutsche Worte zu finden.

Besonders an einen Brief erinnert er sich noch gut: „Da berichtet mein Vater vom 14. Juni 1945. Damals hätten russische Zwangsarbeiter Bauernhöfe überfallen und die Frauen brutal vergewaltigt – mein Vater war schockiert und angewidert.“

Überhaupt die Gewalt gegenüber Frauen sei immer wieder ein Thema gewesen. „Mein Vater war ein sehr einfühlsamer Mann, der offensichtlich meine Mutter zu tiefst geliebt hat.“ Auch das Verhalten seiner Kameraden, mit deutschen Frauen schlafen zu wollen, konnte er nicht nachvollziehen, wie er mehrfach berichtete. „Er hasste die Deutschen. Er schrieb immer wieder davon, wie er Kameraden beerdigte und die anderen wenig später mit deutschen Frauen flirteten – für ihn unvorstellbar.“

So sei es auch zu einer handfesten Familienkrise gekommen, als er beschlossen habe Germanistik zu studieren. „Ich fand Deutschland schon immer interessant und habe immer damit argumentiert, dass der Krieg vorbei ist.“ Doch bis zuletzt habe sein Vater die Deutschen verachtet, zu schlimm seien die Kriegserfahrungen gewesen.

Auch wenn er nur vier Wochen hier in Meinerzhagen gewesen sei, habe er viel darüber erzählt, nicht nur in den Briefen. „Wenn Besuch da war, haben die Männer geraucht und Geschichten aus der Zeit erzählt. Mit dabei war auch immer dieser Aschenbecher.“

Wie Holger Müller, Pressesprecher der Otto Fuchs Metallwerke mitteilte, sei der Aschenbecher wahrscheinlich eine Sonderanfertigung für die Besatzungsmächte gewesen. Jedenfalls habe er bisher nie einen Aschenbecher mit einer solchen Prägung gesehen. Hayball: „Der Aschenbecher hat viel erlebt, daher habe ich beschlossen, ihn hier herzubringen, quasi als Zeitzeuge.“ Das Geschenk des Briten findet nun einen Platz im Firmenmuseum. „Die Geschichte ist etwas Besonderes. Wir haben sie aufgeschrieben und werden sie an das Exponat heften“, berichtet Müller.

Eigentlich hatte sich Hayball erhofft, im Stadtarchiv weitere Informationen aus der Zeit beschaffen zu können. „Leider war dort niemand. Trotzdem haben sich die beiden Tage hier gelohnt. Es war sehr bewegend einmal hier gewesen zu sein.“ ▪ lm

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