Spiegel der Heimat und der Welt seit 100 Jahren

Redaktionsleiter Horst vom Hofe blickt zurück und nach vorn.

Spiegel der Heimat und der Welt zu sein, das ist seit der Gründung vor nunmehr einhundert Jahren der Leitgedanke für alle an der Gestaltung der Meinerzhagener Beteiligten.

Das Verbreitungsgebiet mit den beiden Volmestädten Meinerzhagen und Kierspe bildet sozusagen den Mikrokosmos, der im Kleinen all das abbildet, was durch die großen äußeren Geschehnisse und Entwicklungen mit beeinflusst und geprägt wird.

Dabei wird die aktuelle Nachrichtenlage, ganz anders als noch zur Gründerzeit, heute nahezu in Echtzeit abgebildet. Das Internetzeitalter gibt auch für die vor Ort im Lokalen tätigen Journalisten den Takt vor. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, lautet eine Binsenweisheit. Deutlich nach hinten verlegte Redaktionsschlusszeiten ermöglichen im Zusammenspiel mit dem eigenen Online-Auftritt im Internet ein Höchstmaß an Aktualität. Das gilt für das globale Geschehen ebenso, wie noch deutlich vertiefender und hautnaher präsentiert für die lokalen Ereignisse rund um den Lebensmittelpunkt der Menschen, die als Leser ihrer angestammten Lokalzeitung ein Höchstmaß an Information und Hintergrund geliefert bekommen wollen.

Wie haben sich doch die Zeiten gewandelt! Als der Buchdrucker Walther Kämper im September 1911 die erste Ausgabe der Meinerzhagener Zeitung herausbrachte, war eine am Ort lange bestehende und wohl auch beklagte Angebotslücke geschlossen. Es war Peter Friedrich Krugmann, der 1867 eine Kornbrennerei zum Gewerbe anmeldete, somit die Grundlagen für das heute älteste noch existierende Unternehmen der Region legte, der schon deutlich vor der Zeitungsgründung auch den Wissensdurst seiner Mitbürger stillte. Er hatte, so lesen wir es im Buch „Meinerzhagen einst“ von Dr. Manfred Luda nach, 1853 „gegenüber dem ‚Immanuelshaus‘, später Haus des Sparkassendirektors Franke, jetzt Gerichtstraße 8, eine gedeckte Kegelbahn mit größerem Gesellschaftszimmer eröffnet. Dieses ‚Kegelhaus‘ fand regen Zuspruch, zumal dort die Neuigkeiten des Tages zu erfahren waren. Die Zeiten waren ja auch spannend; 1853 bis 1856 hatte sich die Türkei, von den Westmächten unterstützt, gegen den Machtanspruch Russlands zu wehren. Es handelte sich um den Krim-Krieg, den ersten Stellungskrieg der modernen Geschichte, durch den das kontinentale Übergewicht Russlands schließlich gebrochen wurde. Zeitungen zu halten war in Meinerzhagen noch nicht allgemein üblich, aber im Kegelhaus von Krugmann lagen Blätter aus. Wollte man das Neueste erfahren, ging man also ‚zur Krim‘. Dieser Name übertrug sich dann auf die ganze Krugmann‘sche Besitzung und wurde später sogar amtlich.“

Es sollte noch eine geraume Zeitspanne vergehen, ehe die Meinerzhagener ihr eigenes Lokablatt abonnieren und sich damit fortan über das aktuelle Tagesgeschehen auf dem Laufenden halten konnten.

Als der Verfasser dieser Zeilen 1969, als gerade 18-Jähriger, sein Volontariat bei der Meinerzhagener Zeitung antrat, erschien die MZ im 58. Jahrgang. Die kleine Redaktionsstube in der ersten Etage war nur über ein enges Treppenhaus zu erreichen. Zur Hauptstraße hin, schräg gegenüber der Krim, befand sich ebenerdig die Anzeigenannahme. Im Schaufenster wurde die Zeitung ausgehängt und von denen studiert, die sich kein Abo leisten konnten oder wollten. Sonntags abends herrschte hier besonders reger Publikumsverkehr. Auf einer Tafel wurden die aktuellen Fußballergebnisse bekannt gegeben. Der heimische RSV kämpfte seit Mitte der 60er Jahre in der damals höchsten deutschen Amateurklasse um Punkte, zeitweilig mit Gegnern wie dem VfL Bochum oder der SG Wattenscheid – und entsprechend groß war das Interesse. Weil die MZ zu Beginn dieses Höhenflugs des örtlichen Fußballklubs noch eine Mittagszeitung war, die erst jeweils am frühen Nachmittag zugestellt wurde, ergab sich eine Informationslücke. Die nutzte der spätere Volontär als Schüler, indem er mittels handschriftlich erstellter Wandzeitung am schwarzen Brett der Südschule schon jeweils montags morgens ganz brandaktuell über das Spiel vom Vortag, die übrigen Ergebnisse und den selbst errechneten Tabellenstand informierte.

Im Hause Kämper ging es damals zu wie in jener noch zu Schwarzweiß- und Nur-Ein-Programm-Fernsehzeiten beliebten Fernsehserie „Die Hesselbachs“ abgebildeten kleinen Familiendruckerei. Walther Kämper, der Firmenpatriarch, hatte sich zwar aus dem Tagesgeschäft alters- und gesundheitsbedingt verabschiedet, behielt gleichwohl immer noch ein strenges Auge auf sein Unternehmen. Der dynamische Schwiegersohn Klaus Paulmann, Sohn eines Dorfschullehrers aus Hardenberg, im zweiten Weltkrieg als Jagdflieger im Einsatz, musste viel Energie und Überzeugungskraft aufwenden, um den Familienbetrieb in Zeiten des Wirtschaftsbooms weiter nach vorn bringen und modernisieren zu können.

Der Lokalchef seit Wiederscheinen nach der von der Militärbehörde verordneten vierjährigen Zwangspause im September 1949, Günther Brune, führte eine Drei-Personen-Redaktion. Er war ein Vollblutjournalist, der die steile Entwicklung seiner Heimatstadt Meinerzhagen vom Dorf zur Stadt in jenen spannenden Nachkriegsjahren als Chronist und Kommentator und mit viel Herzblut begleitete. Er war auch ohne Führerschein und eigenes Auto mobil, brachte seine Artikel zunächst handschriftlich noch mit Bleistift in Manuskriptform zu Papier, bat die Redaktionssekretärin sodann zum Diktat oder nutzte später die technische Errungenschaft der Stenorette. Online-Berichterstattung im Internet lag noch in weiter Ferne.

Zur Nachrichtenübermittlung wurden der Fernschreiber oder das Telefon genutzt. Die Manuskripte gelangten per Kurier in die Druckerei an der Schillerstraße in Lüdenscheid, wurden Zeile für Zeile in Blei gesetzt, die Überschriften noch per Handsatz aus dem Setzkasten hinzugefügt. Eine fertig zusammengestellte Zeitungsseite war buchstäblich noch etwas ganz Handfestes von beachtlichem Gewicht. Und das Produkt, die gedruckte Zeitung, präsentierte den Lesestoff schwarz auf weiß. Durchgängig farbig gedruckt wird die MZ mit Inbetriebnahme einer hochmodernen Vierfarben-Rollenoffset-Druckmaschine im Druckzentrum am Stadion erst seit 2002.

Die äußere Form und die Produktionsmethode der Zeitung haben sich gravierend verändert. Geblieben aber sind die bestimmenden Ideen und Inhalte der Zeitung. Die Meinerzhagener Zeitung wird auch im 100. Jahr ihres Bestehens gemacht von Frauen und Männern, die sich verbunden fühlen mit der Region und den Menschen, in der und für die sie tätig sind. Immer mittendrin im Geschehen. Immer offen für Kritik und Meinung von außen. Verpflichtet der täglich aufs Neue herausfordernden, aber auch überaus reizvollen Aufgabe, unabhängig und neutral, umfassend und anschaulich zu informieren, engagiert und kritisch zu kommentieren und deutlich Standpunkte zu vertreten, Hintergründe zu erläutern – und als Anwalt und Mittler für die Bürgerschaft zur Verfügung zu stehen.

Es haben in jüngerer Zeit schon viele kluge Köpfe die Totenglocke der gedruckten Tageszeitung geläutet. Zeitungen wie die MZ, die ihren Schwerpunkt weiter auf die lokale Berichterstattung legen, behaupten sich gegen den allgemeinen Trend nach wie vor erfolgreich. Das sieht übrigens auch Bundeskanzlerin Angela Merkel so. „Ich bin der Überzeugung, dass Lokalzeitungen auch in Zukunft ihre Rolle spielen werden. Erst recht in Tagen, in denen eine Krisenmeldung die nächste Katastrophennachricht jagt: Die Zeitung gibt den Menschen auch in Krisenzeiten Halt, sachliche Information und Orientierung.“ Denn mit der Schnelllebigkeit neuer Medien, deren neuen Ausdrucksformen und Genres sowie ihrer stetig wachsenden Bedeutung wüchsen neben den Möglichkeiten der Meinungsfreiheit auch die Möglichkeiten ihres Missbrauchs, unterstrich die Kanzlerin auf einem Forum zum Lokaljournalismus.

So wichtig und vor allem auch überfällig es war, dass Walther Kämper vor nunmehr einhundert Jahren eine Lokalzeitung für Meinerzhagen und Umgebung ins Leben rief, so bedeutsam ist auch ihr auf solidem unternehmerischen und verlegerischen Fundament fußender Fortbestand im Internetzeitalter. Gemeinsam mit Verleger Dr. Dirk Ippen sind alle im Jubiläumsjahr für die Meinerzhagener Zeitung tätigen Mitarbeiter in Redaktion, Anzeigenabteilung, Vertrieb und Druckhaus sich einig in der Zielsetzung, weiterhin eine täglich lesenswerte gedruckte Zeitung für die Menschen der Heimatregion gestalten zu wollen.

Wir blicken zurück mit Dankbarkeit und auch Stolz auf ein spannendes, wechselvolles und unter dem Strich erfolgreiches erstes Jahrhundert Firmengeschichte. Und wir richten zugleich unseren Blick mit Optimismus und Zuversicht in die weitere Zukunft. Was sie uns allen bringen wird, vermag niemand verlässlich vorhersagen. Aber unsere feste Absicht ist: Was immer auch geschehen wird in Meinerzhagen, Kierspe und der Welt ringsherum – es soll für die Menschen unserer Region weiter nachzulesen und dadurch einzuordnen bleiben durch die tägliche Lektüre ihrer und unserer Meinerzhagener Zeitung.

Die heute vorgelegte Jubiläums-Ausgabe mag verdeutlichen, wie spannend, bunt und wechselvoll das Geschehen auch und gerade in den zurückliegenden einhundert Jahren Meinerzhagener Zeitung war. Viel Spaß und gute Unterhaltung beim Nachlesen!

Horst vom Hofe

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