Bilanz nach zwei Jahren in Berlin

SPD-Bundestagsabgeordnete über Kritik an Wahlkreis-Arbeit „verwundert“

Nezahat Baradari (SPD)
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Nezahat Baradari ist bei der Bundestagswahl 2021 SPD-Kandidatin für Wahlkreis Märkischer Kreis I/Olpe.

Hinter Nezahat Baradari liegen unruhige Wochen - sowohl hinsichtlich ihrer eigenen, erneuten Bundestagskandidatur als auch im Zuge der Kanzlerkandidatenkür ihrer Partei. Doch sie gibt sich kämpferisch, kann sich Annalena Baerbock als Kanzlerin so gar nicht vorstellen - und zeigt sich verwundert über manche Kritik an ihrer Arbeit im Wahlkreis.

Märkischer Kreis - Vor zwei Jahren durfte sie als Nachrückerin erstmals im Bundestag Platz nehmen: Die Attendorner Kinderärztin Nezahat Baradari (SPD) vertritt seitdem in Berlin den südlichen Märkischen Kreis sowie den Kreis Olpe. Doch sollen diese zurückliegenden Jahre nur der Auftakt zu einer weitaus längeren Amtszeit sein. Das machte sie am Dienstag im Rahmen eines Pressegesprächs deutlich, zu dem die 55-Jährige vier Monate vor der nächsten Bundestagswahl – und zwei Tage nach der Nominierung von Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten – eingeladen hatte. Angesprochen wurde sie dabei auch auf die Querelen im Zuge ihrer erneuten Kandidatur für den Wahlkreis 149.

Im Februar hatten sich von 51 nur 31 Delegierte für Baradari als Bundestagskandidatin der SPD ausgesprochen. In den Wochen zuvor waren immer wieder Konflikte mit ihrem damaligen Gegenkandidaten Sercan Celik aus Kierspe durchgestochen worden, Kritik wurde etwa hinsichtlich einer möglichen Bevorzugung der Olper Delegierten und ihrer Präsenz im Märkischen Kreis laut. Diese Kritik kann die SPD-Abgeordnete allerdings nicht nachvollziehen.

Ich habe eher den Kreis Olpe vernachlässigt.

Nezahat Baradari, SPD-Bundestagsabgeordnete

„Vielmehr bin ich darüber sehr verwundert, weil ich eher den Kreis Olpe vernachlässigt und mich mehr um den südlichen Märkischen Kreis und das Siegerland gekümmert habe“, sagte Baradari. Wer das nicht glaube, möge sich die von ihr besuchten Termine auf ihrer Internetseite und den Rechenschaftsbericht anschauen. Auch die Ortsvereinsvorsitzenden habe sie regelmäßig angeschrieben und um Termine gebeten, die sie „zu 99 Prozent“ auch wahrgenommen habe. Mit Blick auf die Vorkommnisse vor ihrer Kandidatur sagte sie am Dienstag: „Ich war überrascht, aber für mich ist das ein Puzzlestück – und für mich fügt sich ein Puzzlestück nach dem anderen. Das war mir am Anfang nicht so klar. Aber natürlich kann sich auch eine Abgeordnete immer bessern.“

Dass die weitere Präsenz in ihrer Kinderarztpraxis durchaus herausfordernd war und ist, räumte Baradari ein. „Als Familie hatten wir jetzt seit drei Jahren keinen Urlaub“. Mithilfe eines Kollegen, „der ja mittlerweile auch routinierter ist“, wolle sie aber auch bei erneuter Wahl in den Bundestag an der Doppelrolle Abgeordnete/Medizinerin festhalten. Denn: „Wir brauchen hier Kinderarztpraxen“, betonte sie.

Auf Landesliste erst auf Platz 26

Ihre Chancen, tatsächlich erneut in den Bundestag einzuziehen, sind nach der Aufstellung der Reserveliste im April allerdings nicht allzu groß. Nezahat Baradari ist auf dem wenig aussichtsreichen Platz 26 platziert worden. Da der Wahlkreis durch die Olper Dominanz konservativ geprägt ist, gilt ein Direktmandat als unwahrscheinlich. Im Jahr 2019 war Baradari als Nachrückerin auf Platz 18 der Landesliste für die Bundestagswahl 2017 noch in den Bundestag eingezogen. Die Landesliste zog schließlich für Nachrücker bis zum Platz 23. Bei der Wahl selbst konnten die ersten 15 Kandidaten in den Bundestag einziehen, die SPD holte damals 20,5 Prozent in NRW.

Förderbescheide sorgten für „schöne Momente“

Doch entmutigen lassen will sich die Kinderärztin davon nicht, wie sie am Dienstag deutlich machte. „Dann müssten ja auch alle Kollegen, die hinter mir stehen, den Kopf in den Sand stecken. Gekämpft wird bis zur letzten Minute“, betonte die SPD-Abgeordnete. „Ich habe ja einiges vorzuweisen“, verwies sie nicht nur auf ihren Rechenschaftsbericht, sondern auch auf eine „ständige Präsenz im Wahlkreis“. Unter anderem erinnerte sie an einige „schöne Momente“ als Abgeordnete, etwa bei der Übergabe von Förderbescheiden. Sei es für einen Bürgerpark in Attendorn, für das Berufskolleg für Technik oder die Sporthalle des Bergstadt-Gymnasiums in Lüdenscheid. Dazu gebe es aber auch kleinere Themen, die im Wahlkreis nicht unbedingt registriert würden, die Arbeit als Abgeordnete aber ebenfalls prägten. Stellvertretend sprach Baradari die Forschungsgelder zur Analyse von Hormongiften, die sich etwa in Kinderspielzeug befinden können, an. Aber auch eine Positivliste für Tätowiermittel oder auch alternative Tierversuche nannte die SPD-Abgeordnete beispielhaft.

Schwerpunkt Gesundheit

Für die Zeit bis zur Wahl will die Attendornerin etwa im Bereich Gesundheit einen Schwerpunkt setzen. „Es kann nicht sein, dass es in der Stadt an jeder Ecke ein Krankenhaus gibt, und bei uns eine Schwangere erst mal eine halbe Stunde durch die Walachei gefahren werden muss.“ Gesundheitsämter seien „kaputt gespart worden“, sodass auch hier dringend Investitionen notwendig seien. Weitere Säulen, die Baradari auf dem Zettel hat, sind die Themen Familien, Bildung und Industrie. Bei letzterer müsse es gelingen, den Transformationsprozess zu unterstützen, um langfristig Arbeitsplätze zu sichern. Und: „Auch am Klimaschutz kommt keine Partei vorbei.“

Für mich ist wichtig, dass ein kühler und klarer Kopf regiert.

Nezahat Baradari zur Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz

Auf dem Weg zu alter Stärke sieht sie Olaf Scholz als den richtigen Kanzlerkandidaten, dem einige zwar den „Charme eines Buchhalters“ vorwerfen würden, der aber über viel politische Erfahrung verfüge und gemeinsam mit der Kanzlerin eine ruhige Hand bei der Bewältigung der aktuellen Krise bewiesen habe. „Für mich ist wichtig, dass ein kühler und klarer Kopf regiert“, sagt Baradari, die anschließend deutlich machte, dass sie sich bereits im Wahlkampfmodus befindet. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie eine Annalena Baerbock mit Herrn Putin am Tisch sitzt und über die Krim verhandelt.“ Die Grünen-Kanzlerkandidatin habe bislang keinerlei Verantwortung übernehmen müssen. „Das ist das Projekt ,Risiko‘“, so Baradari. „Und Herr Laschet hat mit seinen Skandalen zu kämpfen. Der zur Schau gestellte Kampf mit Herrn Söder war unter aller Würde.“ Der CDU-Kandidat zeige auch hinsichtlich der Masken-Affäre sowie der Nominierung Hans-Georg Maaßens in Thüringen keine klare Kante, kritisierte die Bundestagsabgeordnete und -kandidatin.

Für die nahe Zukunft wünscht sich Nezahat Baradari, dass ihre Partei angriffslustiger wird und die eigenen Erfolge – sei es in Sachen Arbeitsmarkt oder Familienpolitik – besser herausstellt. Das Motto müsse lauten: „Tue Gutes und sprich darüber.“ Abzuwarten bleibt nun, ob die Sozialdemokraten auch nach der Bundestagswahl in Regierungsverantwortung „Gutes tun“ können – und ob Nezahat Baradari dann weiterhin in Berlin die Politik der SPD mitgestalten kann. Wenn das nicht gelingen sollte, sieht sie ihre Zukunft in jedem Fall da, wo sie bereits in den Jahren zuvor aktiv war: in der Kinderarztpraxis.

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