Sittler und Hildebrandt wundern sich über die Welt

Konzentriert und mit intensiver Mimik und Gestik trug Walter Sittler Dieter Hildebrandts „Letzte Zugabe“ vor.

Meinerzhagen - „Walter Sittler liest Dieter Hildebrandt“, so stand es auf den Plakaten, die die KuK-Veranstaltung am Freitagabend ankündigten. „Lesen“ war jedoch eine starke Untertreibung dessen, was der Schauspieler mit den Texten des verstorbenen Kabarettisten anstellte. Sittler spielte sie, setzte sie in Szene und kostete jedes Wort genüsslich aus – sehr zum Vergnügen des Publikums in der nahezu ausverkauften Stadthalle.

Der Berliner Flughafen, die Pkw-Maut, Fleischskandale, Volksverdummung: Das Buch „Letzte Zugabe“, aus dem Sittler vortrug, ist ein wahrhaft Hildebrandtscher Rundumschlag. Und weil es so viel zu sagen gab, ließ sich der prominente Gast auch nicht viel Zeit, ehe er sich dem ersten Text widmete. Eine kurze Charmeoffensive in Richtung Zuschauer: „Es ist schön, wieder in Meinerzhagen zu sein.“ Eine Verneigung vor dem Autor und dessen Humor: „Eigentlich hätte Dieter Hildebrandt selbst die Texte lesen sollen, aber aus bekannten Gründen ist er langfristig verhindert.“ Sprach’s, setzte sich die Lesebrille auf und legte los.

Geradezu zwingend erschien es Walter Sittler nach eigenem Bekunden, den Abend mit Worten Hildebrandts aus dem Jahr 2013 zu eröffnen. Gut zwei Monate vor seinem Tod hatte der Dresdner Presseclub den Kabarettisten mit dem Erich-Kästner-Preis ausgezeichnet – und der Geehrte hatte dazu natürlich auch einiges zu sagen. „Den Text kann ich Ihnen nicht vorenthalten, den muss ich lesen“, schwärmte Sittler, der Hildebrandts Kästner-Begeisterung teilt. Auch im Meinerzhagener Publikum saß offenbar der eine oder andere Fan dieses Autors. Denn der Wunsch „Ein Kästner täte uns in den Krisenjahren gut“ rief vielfach zustimmendes Nicken hervor.

In einem atemberaubenden Tempo arbeitete sich der Schauspieler anschließend mit Hildebrandts Worten an allem ab, worüber es sich in dessen letzten Lebensjahren aufzuregen lohnte. Ausgerechnet Hartmut Mehdorn sollte das eingangs erwähnte Flughafen-Debakel in den Griff bekommen – ein gefundenes Fressen für Dieter Hildebrandt. Mehdorn habe gerade die Deutsche Bahn an die Wand gefahren, trug Sittler mit sichtlichem Vergnügen vor und untermalte selbiges Geschehen mit zackigen Handbewegungen. Durch ein Loch in der Wand sei der Manager entkommen – Sittlers Hand wuselt davon – und habe zur Belohnung den Flughafen bekommen – gnädige Geste. „Den fuhr er dorthin, wo die Bahn eigentlich schon klebte: an die Wand“ – die Hand knallt gegen imaginäres Mauerwerk.

Der Schauspieler sprach mit Ilse Aigners Stimme und machte vor, wie Ursula von der Leyen Talk-Show-Gegner „niederlächelt“. Er präsentierte Lebensweisheiten von Fußballtrainern und mimte, ganz im Stil Hildebrandts, Verwirrung angesichts all dieses Absurden. Und je mehr er in Fahrt kam, desto häufiger bedachten ihn die Zuschauer mit Szenen-Applaus.

Zum Schluss forderte das Publikum noch zwei Zugaben ein, bevor Walter Sittler im Foyer Bücher und Hörbücher signierte. Und erst als ein paar Gäste um ein gemeinsames Foto baten, wurde aus dem engagierten Hildebrandt-Rezitator wieder der Fernseh-Profi.

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